NÖ und Wien: Seit 100 Jahren geschieden. Am 10. November 1920 wurde die Trennung der heutigen Länder eingeleitet. Eng verbunden sind sie aber noch jetzt.

Von Lisa Röhrer und Daniel Lohninger. Erstellt am 04. November 2020 (04:42)
Eine Landtagssitzung vor der Trennung von Wien und Niederösterreich ist Motiv eines Gemäldes, das im Haus der Geschichte in St. Pölten ausgestellt ist. Der Wiener Bürgermeister Karl Lueger spricht zu den Abgeordneten.
Museum Niederösterreich; Shutterstock.com/Zdenek Harnoch

Vor dem Gebäude in der Wiener Herrengasse weht eine Flagge mit blau-gelbem Wappen. Betritt man das Haus, steht man mitten in der Wiener Innenstadt auf niederösterreichischem Boden. Die Rede ist vom Palais Niederösterreich, dem ehemaligen Sitz des Landtages. Das Gebäude, in dem heute hauptsächlich Veranstaltungen abgehalten werden, symbolisiert die gemeinsame Geschichte der beiden Bundesländer. Die gehen nun fast auf den Tag genau seit 100 Jahren getrennte Wege. Lebensrealitäten, Infrastruktur und Arbeitswelt verbinden sie aber bis heute.

Zur Zeit der Monarchie bildeten Wien und Niederösterreich eine gemeinsame Verwaltungseinheit – das Erzherzogtum unter der Enns. Weil sich die Großstadt und ihr Umland jedoch unterschiedlich entwickelten und vor unterschiedlichen Herausforderungen standen, kam schon damals der erste Ruf nach einer Loslösung. Als Hauptstadt war zur Zeit der Monarchie Floridsdorf im Gespräch. Auch Amstetten wurde angedacht.

Zur tatsächlichen Trennung kam es dann mit der Bundesverfassung. Am 10. November 1920 kam das Gesetz, das die Trennung einleitete. Damals wurden auch Landesverfassungen geschaffen.

Christian Rapp: „Der Loslösungsprozess Niederösterreichs von Wien dauerte sehr lange.“
NÖN

„Das war der Zeitpunkt, an dem man sich überlegen musste, ob Wien ein eigenes Bundesland werden sollte“, erzählt Christian Rapp, wissenschaftlicher Leiter des Hauses der Geschichte.

Auf eine Trennung drängten die anderen Bundesländer, weil sie eine Übermacht von Wien und Niederösterreich fürchteten: Immerhin stellten sie 60 Prozent der Einwohner des verbliebenen Kleinstaates Deutsch-Österreich. Angeführt vom Bauernbund wollte aber auch NÖ die Trennung: Nicht zuletzt, weil der erste gewählte NÖ-Landeshauptmann mit Albert Sever ein Wiener Sozialdemokrat war – für die mehrheitlich konservativen und christlich geprägten Menschen in NÖ eine Zumutung.

Steuern aus Wien fehlten zu Beginn

Das Trennungsgesetz trat schließlich am 29. Dezember 1921 in Kraft. Tatsächlich als eigenständiges Bundesland existiert NÖ seit 1. Jänner 1922 – und blieb bis 1986 das einzige Bundesland ohne Hauptstadt. Die Landesverwaltung und der Landtag blieben in Wien. In der Nazi-Diktatur zwischen 1938 und 1945 wurde Niederösterreich zum Gau Niederdonau mit Krems als Hauptstadt, das Nord-Burgenland und Südmähren wurden Niederdonau zugeschlagen, die wirtschaftlich starken Wiener Umland-Gemeinden kamen zu Groß-Wien.

Die Trennung von Wien und NÖ blieb aber nicht ohne Folgen: Während Wien von der Loslösung profitierte, weil es als eigenständiges Bundesland etwa zusätzliche Steuern einheben konnte, hatte NÖ wirtschaftlich lange zu kämpfen. „Die Steuern aus Wien fehlten“, so Rapp. Dazu kam, dass Niederösterreich bis zum Fall des Eisernen Vorhanges unter dem Ost-West-Konflikt besonders litt – vor allem in den peripheren Regionen im Wald- und Weinviertel, die in der Monarchie noch davon profitiert hatten, dass sie als verlängerte Werkbanken zwischen den Großstädten Wien, Prag und Brünn liegen.

Lange blieb Wien auch das kulturelle Zentrum NÖs, erklärt Elisabeth Loinig, Leiterin des NÖ Instituts für Landeskunde, warum der Loslösungsprozess NÖs von Wien so lange dauerte.

Der lange Weg bis zur Hauptstadt

Geändert hat sich das, so Loinig, erst mit der eigenen Hauptstadt. Bis diese aus der Taufe gehoben wurde, sollten nach der Trennung von Wien aber noch über 60 Jahre vergehen.

Elisabeth Loinig: „Wien und NÖ haben bis heute eine wechselseitige Beziehung.“
privat

„In der Zwischenkriegszeit war die Schaffung einer Hauptstadt kein Thema. Es fehlte das Geld“, berichtet Rapp. Erste Überlegungen für eine eigene Hauptstadt gab es bereits in den 60er-Jahren, Anfang der 80er-Jahre forcierte sie Landeshauptmann Siegfried Ludwig, damals auch stark mitgetragen von der NÖN. 1986 entschied sich die Bevölkerung per Volksbefragung klar für St. Pölten. 1997 übersiedelten Beamte und Politiker ins neue Regierungsviertel. Das Palais NÖ blieb dank eines Tauschs unter anderem gegen Grundstücke auf der Donauinsel bei Niederösterreich.

„Die eigene Hauptstadt war für das Landesbewusstsein sehr wichtig“, ist Loinig überzeugt. Erklären kann sie das mit ihrer persönlichen Geschichte: „Ich war als Kind Österreicherin, erst später dann Niederösterreicherin.“

Eine eigene Identität kam, laut der Historikerin, mit dem eigenen Zentrum und mit den kulturellen und Bildungseinrichtungen, die seither im Land geschaffen wurden. Auch viele Betriebe sind in den vergangenen Jahren von Wien nach NÖ gezogen. Während um das Jahr 2000 noch 260.000 von NÖ nach Wien gependelt sind, sind es heute nur noch 184.273 Menschen. Im Laufe der Jahre wurde NÖ auch zum Arbeitsplatz für Wiener: Heute pendeln 64.422 Menschen von der Bundeshauptstadt nach Niederösterreich.

„Wechselseitige Beziehung“

Insgesamt sieht Loinig heute eine „wechselseitige Beziehung“ zwischen den beiden Ländern. Dass sie immer noch untrennbar verbunden sind, zeigt schon ein Blick auf die Landkarte: Wer in die Bundeshauptstadt will, muss durch Niederösterreich. Umgekehrt führen alle NÖ-Hauptverkehrsrouten nach Wien. Und Niederösterreich ist auch heute noch das Land, das Wien mit Lebensmitteln versorgt.