Wenn die Eltern die Lehrer sind. In Niederösterreich gehen 500 Kinder nicht zur Schule. Sie lernen stattdessen zuhause oder in Vereinen.

Von Lisa Röhrer. Erstellt am 31. Dezember 2019 (05:30)
Küchentisch statt Schulbank: 500 Kinder aus Niederösterreich lernen Lesen, Schreiben und Co. zuhause.
Dmytro Zinkevych/Shutterstock.com

8.30 Uhr war für Gregor, Sara, Benedikt und Fritz aus Wieselburg immer Unterrichtsbeginn. Glocke läutete aber keine. „Wir legen jetzt los“, riefen Mama oder Papa stattdessen. Mathe- oder Deutsch-Bücher lagen schon auf dem Küchentisch. Unterrichtet haben die Eltern selbst. Für die vier Kinder der Familie Lang war das während ihrer Pflichtschulzeit ein typischer Einstieg in den Tag. Und so selten ist der in Niederösterreich gar nicht: 500 Kinder gehen hierzulande nicht in die Schule. Damit hat NÖ den größten Anteil mit Kindern im häuslichen Unterricht. Sie lernen entweder mit den Eltern oder bei „Homeschooling“-Vereinen.

Der überwiegende Teil der Kinder, die aus der Schule genommen werden, stammt laut Thomas Hopmann aus bildungsbürgerlichen Familien. „Das Primärmotiv ist meistens dasselbe: Die Eltern haben auf irgendeine Art und Weise ein Problem mit der öffentlichen Schule“, erklärt der Gänserndorfer Bildungswissenschaftler.

Gerade in der Unterstufe müsste man in andere Dinge der Entwicklung investieren Georg Lang

So war es auch bei dem Wieselburger Georg Lang. Als sein ältester Sohn vor der Einschulung stand, gründete er zuerst eine Schule im Bezirk Scheibbs mit Unterricht nach seinen Vorstellungen. Als diese geschlossen wurde, starteten der Unternehmensberater und seine Frau mit dem Hausunterricht. „Gerade in der Unterstufe müsste man in andere Dinge der Entwicklung investieren“, meint Lang und nennt soziales Lernen und den Umgang mit Konflikten als Beispiele. „Der Klassenvorstand hat dafür keine Zeit“, ist der Wieselburger überzeugt. Das wollte er möglichst lebensnah vermitteln. Die klassischen Fächer teilten sich die Eltern auf: Die Mutter übte mit den Kindern Sprachen, er selbst kümmerte sich um Mathematik und Naturwissenschaften.

Am Ende des Jahres legten die Kinder eine Externistenprüfung ab. Die Überprüfung der Fähigkeiten der Heim-Schüler ist Bedingung, dass sie keine Schule besuchen müssen. Pro Bezirk hat die Bildungsdirektion an mindestens einer Mittelschule und einem Gymnasium eine Kommission dafür eingerichtet. Die Eltern können den Ort aus diesen allerdings frei wählen. Probleme zu bestehen, hatten die Lang-Kinder nie.

Für Forscher kommt das Soziale zu kurz

Eine zentrale Rolle bei der Bildung spielt auch für Hopmann das soziale Lernen. Allerdings kommt das für den Wissenschaftler aber eher beim Heim-Unterricht zu kurz. „Schule ist primär lernen mit anderen. Gerade das wird den Kindern beim Homeschooling vorenthalten“, steht er dem häuslichen Unterricht skeptisch gegenüber. Kritik übt er vor allem an Vereinen und „Pseudo-Schulen“, in denen Eltern mehrere Kinder in Lerngruppen unterrichten. Diese seien „pädagogisch und ideologisch oft arg verseucht“.

Ein Thema war der häusliche Unterricht zuletzt auch politisch. Die SPÖ stellte eine parlamentarische Anfrage zum Homeschooling, nachdem im Bezirk Krems ein 13-jähriges Mädchens an einer unbehandelten Bauchspeicheldrüsenentzündung verstorben war.

Lang kennt die Kritik am Hausunterricht. „Viele unserer Freunde waren skeptisch, weil die Kinder dadurch abgeschottet seien“, erzählt er. Er selbst ist vom Konzept überzeugt, obwohl seine Kinder mittlerweile alle zur Schule gehen. Idealisieren will er den Hausunterricht aber auch nicht: „Das ist wie bei allem im Leben. Es hat Vor-, aber natürlich auch Nachteile.“ Lang betont, dass man sich die Zeit dabei gut einteilen muss. Dass Eltern eine Ausbildung brauchen, um Kinder unterrichten zu können, glaubt er nicht: „Ich habe die Einstellung, dass man vieles sehr schnell lernen kann.“