Mauthausen Komitee-GF Christa Bauer: „Das ging bis zu Morddrohungen“

Erstellt am 06. Juli 2022 | 05:09
Lesezeit: 7 Min
Die 44-jährige Weinviertlerin Christa Bauer ist Geschäftsführerin des Mauthausen Komitees. Das sich neben Erinnerungskultur mit topaktuellen Themen wie Zivilcourage und Hass im Netz befasst.
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NÖN: Im „Mauthausen Komitee“ stellt man sich, bezogen auf den historischen Kontext, eher ältere Menschen vor – und hat eine junge Frau als Geschäftsführerin vor sich sitzen. Was bringt Sie zum MKÖ?

Christa Bauer: Das hat sich durchs Fotografieren und durch mein Studium ergeben. Ich habe Kultur- und Ausstellungsmanagement mit Schwerpunkt Gedenkstättenpädagogik studiert. Dafür habe ich bei Befreiungsfeiern fotografiert und 2007 begonnen, über Gedenkstätten zu schreiben. Im Jahr 2008 hat mich der MKÖ-Vorsitzende gefragt, ob ich mit ihm eine Ausstellung anlässlich der US-Wahlen machen möchte – über Österreich und die USA als Befreier von Mauthausen. Dann wurde ich gefragt, ob ich die Ausbildung für Mauthausen-Guides machen möchte, daraus ergab sich das Zivilcourage-Trainingsprojekt … Dann wurde ich angestellt für Jugendprojekte und Arbeit gegen Rechtsextremismus und seit 2014 bin ich Geschäftsführerin.

„Unsere Arbeit beruht auf dem Vermächtnis der Überlebenden.“ Christa Bauer, GF Mauthausen Komitee

Der Name MKÖ klingt etwas angestaubt, dabei arbeiten Sie mit hochaktuellen Themen wie Zivilcourage, Diskriminierung oder Cybermobbing. Wie also würden Sie das Arbeitsfeld des MKÖ beschreiben?

Es beruht auf dem Vermächtnis der Überlebenden des KZ Mauthausen und seiner Außenlager. Sie haben uns im Jahr 2000 ihr Vermächtnis übergeben, damit das Thema eben nicht verstaubt. Das ist die Grundlage unserer Aktivitäten. Es geht nicht nur um Geschichte, sondern auch um den Bezug zum Heute. Unsere Schwerpunkte sind Gedenk- und Erinnerungsarbeit, die Jugendprojekte, in denen Zivilcourage ein Schwerpunkt ist, und die Arbeit gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus und jede Form von Diskriminierung.

Das KZ Mauthausen hatte allein in NÖ 14 Außenlager, das heißt, Ihr Arbeitsbereich liegt auch stark in NÖ?

Er liegt in ganz Österreich, es gab ja insgesamt 49 Außenlager des KZ Mauthausen. In Niederösterreich haben wir aber sehr viele lokale Initiativen, die Gedenkarbeit leisten. In Gerasdorf gibt es eine neue Gruppe, es gibt eine in Melk, in Wr. Neudorf/Guntramsdorf oder in Hirtenberg. Wir stellen ihnen einen Rahmen zur Verfügung, damit man sich regelmäßig trifft und Inputs gibt.

Die Bevölkerung hat also intensives Interesse, an der Erinnerungskultur mitzuarbeiten?

Ja, das Interesse ist da und es sind auch viele Jugendliche dabei, die entweder über die Schulen kommen oder privat mitorganisieren wollen. Bei den Führungen in den Außenlagern merkt man sehr stark das Interesse der Jugendlichen, vor allem, wenn ein lokaler Bezug da ist. Zum Beispiel in Wiener Neudorf, wo auf der Wiese vor dem früheren Palmers-Gebäude ein Konzentrationslager war – jetzt wird dort, auch mit Unterstützung des Bürgermeisters, ein Gedenkort errichtet.

Wie oft hören Sie bei Ihrer Arbeit das Argument, dass der 2. Weltkrieg ja längst vorbei sei und man die Geschichte endlich ruhen lassen sollte? Und wie reagieren Sie darauf?

Wir hören das zum Glück nicht nur, aber doch. Es gibt noch immer diese typisch österreichische Erinnerungskultur, in der unser Land bis zum Jahr 1980 das erste Opfer des Nationalsozialismus war, was sich dann erst im Zuge der Waldheim-Affäre gewandelt hat. Die Mauthausen-Überlebenden selbst haben gesagt, es wird sich sicher nie wieder in demselben Ausmaß wiederholen, aber passt auf, wenn wieder einzelne Gruppen diskriminiert werden, da fängt es an. Es hat ja im Dritten Reich auch nicht mit den Konzentrationslagern begonnen, das war die Endstation. Uns ist ja wichtig zu thematisieren, wie es damals so weit kommen konnte – und wie es heute aussieht. Wenn man sich aktuelle Zahlen zu Antisemitismus oder Hass im Netz anschaut, dann wird klar, dass man das Thema nicht niederschweigen kann. Und es ist auch wichtig zu wissen, was ich in der Gegenwart tun kann.

Das MKÖ befasst sich intensiv mit Prävention: Es klärt auf über Themen wie Diskriminierung, es liefert Argumentationshilfen, wie auf solche Themen zu reagieren ist. Dazu wurde eine Trainings-App für Jugendliche entwickelt. Ist das heute Ihre Hauptaufgabe die Jungen ins Boot zu holen?

Die Arbeit mit den Jugendlichen ist für uns extrem wichtig. Und auch das Thema Zivilcourage. Sowohl die App als auch unsere Trainings und Workshops sind interaktiv und spielerisch aufgebaut. Nur ein Vortrag bringt nichts – es ist wichtig, dass Jugendliche, zum Beispiel in Rollenspielen, selbst erarbeiten, welche Möglichkeiten es gibt, Zivilcourage zu zeigen. Dafür hat unsere App einen eigenen Gruppenchat: Da wird etwa ein Vorfall auf WhatsApp oder Instagram simuliert und die Jugendlichen schreiben in die Chats, wie sie darauf reagieren würden. All das ist angeleitet von einem Gruppentrainer. Dann wird diskutiert, welche Lösungen gefunden wurden und welche es noch geben könnte.

Das MKÖ geht auch in Schulen, um über Diskriminierung aufzuklären: Sind die Schüler manchmal erstaunt, welche Gräuel im Dritten Reich stattgefunden haben?

Die Reaktionen sind eher bewegt als erstaunt. Viele kennen das ganze Ausmaß der Gräueltaten nicht. Da bleiben bei den Jugendlichen vor allem die Einzelschicksale hängen. Es geht da gar nicht so sehr um das Schockierende selbst, sondern eher darum, dass sie sehen, wozu Menschen fähig sind. Was die Jugendlichen im positiven Sinn beeindruckt, ist die Solidarität: Dass Menschen Verfolgte versteckt haben, obwohl sie wussten, dass das für sie gefährlich wird. Oder dass Lagerinsassen trotz der Umstände Schwächeren geholfen haben. Da sagen auch Zeitzeugen, dass ihnen die Solidarität untereinander enorm geholfen hat zu überleben.

Wird das MKÖ von öffentlicher Seite ausreichend unterstützt?

Unsere Schulungen für Jugendliche sind kostenlos. Das ist auch eine Verpflichtung der Republik, so etwas kostenlos zur Verfügung zu stellen. Dafür würden wir uns eine Basisfinanzierung wünschen, um besser planen zu können. Denn aktuell müssen wir für jedes Projekt jedes Jahr neu ansuchen.

Wie kommt man an ein Training mit dem MKÖ? Können sich Schulen oder Jugendvereine einfach melden?

Ja, wir haben in ganz Österreich Trainerinnen und Trainer sowie Vermittlerinnen und Vermittler. Jeder kann zu uns kommen, auch die Erwachsenen können die Jugendangebote in Anspruch nehmen!

Haben Sie bei Ihrer Gedenk- und Erinnerungsarbeit manchmal das Gefühl, dass Sie den Leuten auf die Nerven gehen?

Ja, wir bekommen nicht nur positive Reaktionen. Wir haben zum Beispiel vor der Nationalratswahl 2017 eine Broschüre mit den rechtsextremen Einzelfällen der FPÖ herausgegeben: Darin wurden nur bereits veröffentlichte Fälle dokumentiert, da haben wir sehr viele positive Reaktionen bekommen, aber auch solche, wo Leute gemeint haben, dass das niemand braucht und wir Ruhe geben sollen. Das ging bis zu Morddrohungen. Das ist zwar schlimm, es zeigt aber auch, wie notwendig unsere Arbeit ist.

Neben Ihrer Arbeit beim MKÖ veranstalten Sie im August im Bezirk Mistelbach im alten Wirtshaus Ihrer Eltern ein kleines Kulturfestival. Ein Kontrapunkt zur MKÖ-Arbeit?

Ja, ich mache das mit dem Verein „Facette“, den gibt es seit 2011. Das ist durchaus ein Kontrapunkt zu meiner Arbeit beim MKÖ, es ist schön, etwas zu machen, das nur positiv besetzt ist. Das Festival ist in Wultendorf, dem Ort, in dem ich aufgewachsen bin.

Was darf man da künstlerisch erwarten?

Durch Corona ist die Idee entstanden, dass wir die Werke zum Ausgangspunkt machen, die in dieser Zeit entstanden sind, und auch den Ort wiederbeleben. So ist das Auhof-Festival entstanden. Wir hoffen, dass viele ehemalige Gäste des früheren Gasthauses Auhof kommen, weil wir eine kleine Ausstellung mit Bildern aus alten Zeiten konzipiert haben.