Neuwirth-Kritik: Fokus zu stark auf Spitalskapazitäten. Der Bad Vöslauer Statistiker Erich Neuwirth befasst sich tagtäglich mit den Corona-Zahlen. Er fordert eine bessere Prävention der Alters- und Pflegeheime und eine zentrale Kommunikation der täglichen Zahlen durch die Statistik Austria.

Von Michael Chudik. Erstellt am 20. Januar 2021 (10:00)
Wilke

NÖN: Seit knapp einem Jahr beschäftigt uns die Corona-Pandemie: Als Statistiker im Ruhestand erarbeiten Sie ehrenamtlich die aktuellen Zahlen rund um COVID-19. Was bewegt Sie dazu?

Erich Neuwirth: Ganz prinzipiell vor allem die Tatsache, dass das niemand anderer macht. Ich würde mir ja eigentlich erwarten, dass offizielle Stellen die Daten in dem Umfang, in dem ich das mache, auch aufbereiten. Ich war selbst neugierig, mehr herauszufinden und habe das für mich gemacht und gemeint, wenn es mich interessiert, dann interessiert es vielleicht andere auch. Daher stelle ich das täglich öffentlich in meinem Blog zur Verfügung (Anm.: www.just-the-covid-facts.neuwirth.priv.at).

Können Sie kurz erklären, wie die in den Medien täglich präsentierten Zahlen zusammengetragen werden?

Es gibt drei verschiedene Datenquellen: Die Daten vom Sozialministerium, die Daten, die die einzelnen Bundesländer dem Innenministerium melden und dann gibt es noch das Dashboard der AGES (Anm.: Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit). Die AGES rechnet die Daten dem Diagnosezeitpunkt zu. Das ist zwar für die Forschung wichtig, aber natürlich nicht ganz rezent.

Welche Probleme sehen Sie in der Sammlung der Zahlen, auch im Hinblick auf mögliche Meldestaus?

Diese Daten laufen auseinander. Verschiedene Leute verwenden verschiedene Datenquellen und dadurch schaut es in der Öffentlichkeit so aus, als ob niemand überhaupt etwas wüsste. Es wäre sehr wünschenswert, wenn es da eine einheitliche Publikationspolitik seitens der Ministerien gibt.

Wie könnte diese einheitliche Publikationspolitik in Ihren Augen aussehen?

Ich würde mir wünschen, dass die Statistik Austria das übernimmt. Denn die weiß einfach, wie man Daten konsolidiert und wie die Daten zuverlässig publiziert werden. Würde das die Statistik Austria machen, gebe es mit Sicherheit eine einheitlichere Kommunikation der Daten.

Sie haben dies der Regierung auch schon im sporadischen Austausch vorgeschlagen. Warum stößt dieser Vorschlag auf taube Ohren?

Das weiß ich leider nicht. Mir wurde nur mitgeteilt, dass dies nicht so leicht umzusetzen ist. Ich sehe einfach ein enormes, ungenütztes Potenzial in der Datengewinnung. Die Statistik Austria hat die nötige Erfahrung in der Anonymisierung und Bereinigung der Daten. Eine Verknüpfung über die Sozialversicherungsnummer könnte vor allem für eine Untersuchung der Vorerkrankungen entscheidend sein. Hier könnte man differenzieren, wer hat welche Vorerkrankungen, wieviele Menschen mit Vorerkrankungen überhaupt an Covid-19 erkranken. Im EMS (Anm.: Epidemiologisches Meldesystem) ist zwar auch das Geburtsdatum vorhanden, aber bei den Daten, die öffentlich zur Verfügung stehen, kann man nicht genauer nach Altersgruppen selektieren. Auch bei den Testungen kriegt man nur die Zahl, aber nicht in welcher Altersgruppe getestet wurde.

Die kürzlich publizierten Sterbefälle für das Jahr 2020 zeigen eine deutliche Übersterblichkeit durch das Coronavirus. Wie analysieren Sie diese Daten?

Die Todesfallzahlen sind ja doch ein starker Indikator über die Schwere und Bedeutung der Pandemie. Und wenn wir, wie in den vergangenen Wochen über die Hälfte mehr, als wir um diese Jahreszeit normalerweise, haben, dann müssen wir reagieren und können nicht sagen, die Spitäler sind eh noch nicht überlastet.

Wie müsse die Reaktion aussehen?

Lange Zeit war die einzige Vorgabe, dass wir dafür sorgen müssen, dass die Spitäler nicht überlastet werden. Wenn man sich aber nicht darum kümmert, wie viele Leute sterben, dann reicht mir das eben nicht, nur auf die Spitäler zu schauen. Denn was in den Alters- und Pflegeheimen passiert ist, ist wirklich schlimm. Es gibt einige Alters- und Pflegeheime, wo mehr als die Hälfte der Einwohner positiv getestet wurde. Zudem wurden dort auch etwa 10 Prozent an Todesfälle gemeldet. Ich bin Statistiker, ich kann sagen was mir an den Daten auffällt. Aufgrund dieser muss man eindeutig sagen, dass man sich stärker auf die Prävention fokussieren hätte müssen. Gleichzeitig muss man anmerken, dass es zuletzt besser geworden ist.

Wird dort zu wenig getestet?

Ja, es muss auf jeden Fall mehr getestet werden. Zudem muss genau analysiert werden, wie das Virus dort reingekommen ist und warum es sich dort so schnell verbreiten konnte. Offensichtlich hat man etwas, das eingeschleust wurde, nicht rechtzeitig entdeckt und nicht ausreichend Schutzmaßnahmen gehabt.

Zur Person

Erich Neuwirth ist Statistik- und Informatikprofessor im Ruhestand an der Universität Wien. Außerdem ist er Vorstandsmitglied der Österreichischen Computer Gesellschaft (OCG). Für seinen täglichen Blog „Just the Covid facts“ erarbeitet Neuwirth täglich die aktuellen Zahlen rund um das Coronavirus.