Petra Bohuslav: „Die Magie hat mich gepackt“. Ex-Landesrätin Petra Bohuslav (55) über ihren Wechsel in die Staatsoper, die Herausforderungen der Krise, die kritisierten Maßnahmen und warum ihr die Politik nicht fehlt.

Von Walter Fahrnberger. Erstellt am 13. Mai 2021 (05:50)
Von 2004 bis zum Februar 2020 war Petra Bohuslav (55) als Landesrätin in Niederösterreich tätig. Seit September des Vorjahres ist die promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin kaufmännische Geschäftsführerin der Wiener Staatsoper.
Markus Berger, Markus Berger

NÖN: Sie sind seit September 2020 kaufmännische Geschäftsführerin der Wiener Staatsoper. Wie schwer war die Einarbeitungsphase mitten in der Corona-Krise?

Petra Bohuslav: Die Herausforderung hätte größer nicht sein können. In der gesamten Geschichte der Wiener Staatsoper hat es eine derartige Situation noch nicht gegeben: Ein Spielbetrieb zunächst mit reduziertem Sitzplan, ohne Abonnenten, ohne Touristen - inmitten einer Pandemie. Und dann eine Sperre des Hauses für mehr als ein halbes Jahr. Ich fühlte mich aber vom ersten Tag „angekommen“ und auch herzlich aufgenommen, besteht das Team doch auch zu einem großen Teil aus Niederösterreicherinnen und Niederösterreichern. Die Magie und Faszination des Hauses hat mich sofort gepackt.

Ihr Haus hat während des Lockdowns Online-Streams angeboten. Wie gut wurde dieses Angebot angenommen?

Bohuslav: Wir haben über den gesamten Lockdown ein tägliches Streaming-Programm aus dem Archiv der Wiener Staatsoper angeboten – gratis. Andererseits haben wir in einer Zusammenarbeit mit dem ORF unsere Neuproduktionen sowie einige Wiederaufnahmen für das Fernsehen aufgezeichnet. In Summe haben wir seit Anfang November rund sechs Millionen Kontakte damit erzielt, das ist wirklich mehr als erfreulich.

Welche Lehren nehmen Sie allgemein aus der Krise mit? Wird es künftig neue Formate geben?

Bohuslav: Wir können und wollen uns nicht darauf verlassen, dass das Haus durch Touristen ohnehin immer gut gefüllt ist. Wir werden zum Teil von den Steuergeldern der Österreicherinnen und Österreicher finanziert, daher ist es richtig und wichtig, dass sich diese von uns angesprochen fühlen. Wir wollen auch neues Publikum, das bisher noch nicht in der Staatsoper war, gewinnen. Mein persönliches Ziel ist, dass jede Person, die in diesem Land lebt, zumindest einmal im Leben in der Wiener Staatsoper war.

Aus der Kulturszene ist in der Pandemie oft besonders scharfe Kritik an den Maßnahmen geübt worden. War diese gerechtfertigt?

Bohuslav: Die Entscheidung über die Maßnahmen hat sich sicherlich niemand leicht gemacht. Immerhin ging es um ganz zentrale Fragen der Gesundheit, wie die Belegung der Intensivstationen und Verantwortung gegenüber der Bevölkerung. Dass hier der Lockdown ein Instrument ist, um das Schlimmste zu verhindern, hat sich ja gezeigt. Auf der anderen Seite gab und gibt es zahlreiche internationale Studien, dass die Theater mit ihren strengen Sicherheitskonzepten nicht die Infektionstreiber sind. Dem entsprechend hat es dann schon geschmerzt, dass verschiedene Bereiche geöffnet wurden und die Theater immer noch geschlossen blieben.

Wie intensiv verfolgen Sie noch die NÖ Landespolitik?

Bohuslav: Niederösterreich ist nach wie vor meine Heimat, daran ändert auch die berufliche Übersiedlung nach Wien nichts. Und es ist auch immer schön, von Leuten angesprochen zu werden, das zeigt, dass die Verbindung nach wie vor lebt.

Sie waren 15 Jahre als Landesrätin tätig. Ist Ihnen die Politik seit Ihrem Ausstieg irgendwann abgegangen?

Bohuslav: Nein. Ich hatte eine tolle Zeit in der Politik und möchte keinen einzigen Tag missen. Aber ich habe für mich die Entscheidung getroffen, einen neuen Abschnitt zu beginnen. Da bin ich nicht sentimental. Ich gehe in meiner neuen Aufgabe voll auf.

Worauf freuen Sie sich jetzt nach den Öffnungen am meisten?

Bohuslav: Was die Wiener Staatsoper betrifft, freue ich mich am meisten auf den ersten Takt, der am 19. Mai aus dem Orchestergraben erklingen wird, auf die Reaktion und ersten Pausengespräche mit dem Publikum, das endlich wieder im Haus sein wird. Und ansonsten auf einen ausgiebigen Besuch bei einem Wirten der Wirtshauskultur Niederösterreich.

Wie läuft der Betrieb in der Staatsoper ab 19. Mai ab?

Bohuslav: Nachdem die Stadt Wien die Öffnung nun auch mitträgt, können wir ab 19. Mai wieder spielen. Wir dürfen 50 Prozent unserer Sitzplatzkapazität zum Verkauf anbieten, das sind 940 Plätze. Unser Publikum muss getestet, geimpft oder genesen sein. Es gilt eine FFP2-Maskenpflicht während des gesamten Aufenthaltes im Haus. Und die Vorstellungen müssen um 22 Uhr zu Ende sein, das heißt, dass sie meistens schon um 18.30 Uhr beginnen. Starten werden wir mit einer neuen Produktion, die wir zunächst ebenfalls für das Fernsehen aufgezeichnet haben, nämlich mit „Faust“ in der Regie von Frank Castorf. Der bisherige Kartenverkauf läuft gut, das Publikum liebt „seine“ Oper, es gibt sogar bereits einige Abende, an denen wir ausverkauft sind.