„Die Sehnsucht nach Schule war noch nie so groß“. Bildungsdirektor Johann Heuras über Homeschooling, Lehren aus der Krise & Zeugnisse.

Von Walter Fahrnberger. Erstellt am 19. Januar 2021 (09:32)
Johann Heuras, Bildungsdirektor in Niederösterreich.
NLK/ Pfeiffer

NÖN: Mit der Lockdown-Verlängerung wird der Präsenzunterricht an den Schulen nun doch erst nach den Semesterferien am 7. Februar beginnen. Sind Sie enttäuscht?

Johann Heuras: Es war leider zu erwarten, dass auf Grund der Infektions-Zahlen und der neu aufgetretenen Virus-Mutation eine reguläre Öffnung der Schulen nicht möglich ist. Gesundheit hat Vorrang, und in diesem Zusammenhang auch der Schutz und die Sicherheit der Menschen. Bei der Rückkehr zur Schule am 8. Februar im Schichtbetrieb plädiere ich für das Reißverschlusssystem mit jeweils einem Tag Präsenzunterricht und Homeschooling abwechselnd.

Aktuell schicken immer mehr Eltern ihre Kinder in die Betreuung. Es gibt Meldungen von mehr als 60 Prozent der Schüler an einigen Schulen. Eltern sollen sogar zum Boykott des Homeschoolings aufgerufen haben. Muss, wie von der Gewerkschaft gefordert, das Betreuungsangebot begrenzt werden?

Heuras: Wir begrenzen das Angebot nicht, bitten aber bei den Eltern um großes Verständnis, dass diese Maßnahmen in den Schulen nur dann wirklich erfolgreich sind, wenn es zu einer Ausdünnung kommt. Wir sorgen für Betreuung jener Kinder, deren Eltern das unbedingt brauchen, aber je geringer die Kontakte, umso vielversprechender die Maßnahmen.

Wie werden die Lehrer jetzt bzw. dann ab 8. Februar getestet?

Heuras: Wir empfehlen unseren Pädagoginnen und Pädagogen, an den organisierten Massentestungen teilzunehmen bzw. die vorgesehenen Teststationen zu benutzen. Allerdings können sie auch nach Maßgabe der vorhandenen Testkits die an die Schule gelieferten Selbsttests für ihre eigene Sicherheit verwenden.

Viele Kinder sind seit Herbst im Homeschooling. Wie hat es funktioniert?

Heuras: Beim zweiten und dritten Lockdown hat das Distance Learning noch besser funktioniert. Die Pädagogen leisten hier durchaus hervorragende Arbeit. Das muss von der Gesellschaft auch geschätzt werden. Das digitale Lernen funktioniert weitgehend, der reale Präsenzunterricht kann dadurch aber nicht ersetzt werden.

Gibt es für Sie auch positive Aspekte, die Sie für die Zeit nach der Krise mitnehmen?

Heuras: Ich nehme vieles mit. Wir haben im digitalen Bereich einen Quantensprung hingelegt. Es hätte sonst Jahre gedauert, bis man diese Entwicklung so eingeleitet hätte. Auch bei der Fortbildung der Lehrer an digitaler Kompetenz konnten wir die Frequenz deutlich erhöhen. Und das Wort Eigenverantwortung hat bei den Schülern eine ganz neue Dimension bekommen. Viele Kinder sind selbstständiger geworden. Ich glaube auch, dass generell der Stellenwert von Schule, Bildung und Pädagogik gewonnen hat. Die Sehnsucht nach Schule war noch nie so groß – und zwar bei Eltern, Lehrern und Schülern.

Das Semesterende steht vor der Tür. Wie können die Lehrer nach einer solch außergewöhnlichen Zeit die Schüler bewerten?

Heuras: Das ist natürlich nicht ganz einfach. Es fehlen Beurteilungsgrundlagen. Aber ich glaube schon, dass jeder Lehrer Beurteilungen zustande bringt, die man sich auch auf digitale Weise erarbeiten kann. Ich bitte aber die Pädagogen, die Rahmenbedingungen zu berücksichtigen und mit Augenmaß an die Beurteilung heranzugehen.

Zuletzt gab es eine Debatte über eine Impfpflicht für Lehrer. Was halten Sie davon?

Heuras: Ich würde im ersten Moment von einer Verpflichtung absehen und versuchen, möglichst viele für die Impfung zu motivieren. Ich appelliere an alle Personen, die mit Kindern arbeiten, sich impfen zu lassen, um sich selber und andere zu schützen.

Wann sind Niederösterreichs Pädagogen mit dem Impfen an der Reihe?

Heuras: Ich hoffe – so wird es derzeit zumindest transportiert –, Ende Februar Anfang März. Wunschgemäß beginnend mit den Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen, die sich in einem besonders sensiblen Umfeld befinden.