Ahmad Mansour: „Bei Maßnahmen zwei Schritte voraus“. Buchautor Ahmad Mansour sprach bei seinem Besuch in St. Pölten mit der NÖN über Probleme und Chancen bei der Integration.

Von Gudula Walterskirchen. Erstellt am 03. Dezember 2019 (01:29)
Ahmad Mansour
Marschik

NÖN: Es gibt eine schreckliche Serie an Frauenmorden, ein relativ hoher Anteil der Täter stammte aus dem Ausland, war Asylwerber oder hatte Migrationshintergrund. Sind das Zufälle oder hat diese Gewalt gegen Frauen ein Muster?

Ahmad Mansour: Es gibt jene, die Asylwerber nur als gut sehen, und andere sehen sie nur als böse. Wir reden gerne allgemein über Gewalt an Frauen, aber nicht über muslimische Frauen. Diese Frauen sind nach Europa gekommen und sehen hier eine Chance, von ihren gewalttätigen und patriarchalen Ehemännern wegzukommen, und werden dann hier umgebracht. Von Männern, die ihre Vormachtstellung nicht verlieren wollen, die vor den Werten in Europa Angst haben, vor allem vor der Gleichberechtigung. Sie wollen zwar in Europa gut und in Sicherheit leben, sind aber nicht bereit, die Selbstbestimmung der Frau, die hier herrscht, zu akzeptieren. Das zeigt sich bei der Abwertung, bei Kontrolle, bei häuslicher Gewalt, bei Übergriffen und leider auch bei Morden. Die Täter wissen oft nicht mal, was sie falsch gemacht haben!

In Niederösterreich soll es nun mehr Frauenhäuser und bessere Information für gewaltbetroffene Frauen geben. Sind das die richtigen Maßnahmen?

Mansour: Absolut, aber das ist zu wenig: Wir brauchen in den Integrationskursen mehr Gespräche über Gleichberechtigung. Wir müssen mit den Männern über ihre Ängste sprechen, sie ihnen nehmen und ihnen klarmachen, welche Regeln hier gelten. Eine gelungene Integration bedeutet, wenn meine Tochter mit 18 Jahren zu mir kommen dürfte und sagen könnte, ich will mit meinem Freund zusammenziehen.

NÖN-Herausgeberin Gudula Walterskirchen im Gespräch mit Ahmad Mansour
Erich Marschik

Die vorige rechtskonservative Regierung hat einige umstrittene Maßnahmen gesetzt, wie etwa ein Kopftuchverbot bis zehn Jahre und ein Verschleierungsverbot. War das richtig?

Mansour: Warum sind diese Maßnahmen umstritten? Weil die falsche Partei sie vorgeschlagen hat? Wo waren denn die anderen Parteien, die Grünen oder die Sozialdemokraten? Wer es Mädchen nicht erlaubt, sich normal zu entwickeln, der schützt die Radikalen! Die Guten, die moralisch Überlegenen opfern in diesen Debatten die Schwachen. Österreich ist bei den Integrationsmaßnahmen gegenüber Deutschland zwei Schritte voraus.

In den Kleinstädten haben sich überall Moscheenvereine etabliert. Die islamische Glaubensgemeinschaft ist wiederum einziger Ansprechpartner der Politik. Ist das zielführend für eine Integrationspolitik?

Mansour: Absolut nein! Die meisten Muslime fühlen sich hier nicht repräsentiert. Und wenn wir diesen Verbänden noch mehr Macht geben, wird das Gegenteil erreicht. Die meisten Moscheen sind keine Orte, wo Integration stattgefunden hat. Wenn ich dort jeden Freitag höre, wie schrecklich der Westen ist, wie die Frauen hier mit Sexualität umgehen – werden die Menschen dann in Europa ankommen? Natürlich nicht! Meinungsfreiheit gilt dort nur, wenn man radikale Ansichten verbreiten kann. Ich selbst darf islamische Lehren nicht kritisch hinterfragen. Ich lebe unter Polizeischutz!

Was können die Menschen tun, die in ihrer Arbeit mit den Folgen schlechter Integration konfrontiert sind?

Mansour: Lassen Sie sich nicht verunsichern! Machen Sie Ihre Arbeit, wie Sie sie immer machen! Ihnen gegenüber stehen keine Ausländer, keine Muslime, sondern Menschen. Und gehen Sie mit ihnen um, wie Sie mit jedem anderen umgehen! Wenn man darauf eingeht, dann ist das nicht Interkulturalität, sondern Unsicherheit und Kapitulation.

NÖN-Herausgeberin Gudula Walterskirchen im Gespräch mit Ahmad Mansour
Erich Marschik