Die letzten Tage der Kohle. Die NÖN machte sich ein Bild, wenige Tage bevor die Turbinen abgedreht werden.

Von Daniel Lohninger. Erstellt am 16. Juli 2019 (03:00)
David Kierberger

Die Turbinen des Kohlekraftwerks Dürnrohr laufen noch mit voller Leistung. Klimaanlagen und Co. sorgen dafür, dass auch im Hochsommer der Strombedarf enorm ist. Und das Kohlekraftwerk einspringen muss, um die Schwankungen bei Produktion und Nachfrage im Stromnetz auszugleichen. Damit ist es bald vorbei: Anfang August ist das Kohlelager leer, danach wird Österreichs vorletztes Kohlekraftwerk eingemottet.

David Kierberger
Die letzten Arbeitstage im Kohlekraftwerk Dürnrohr für Michael Wiederstein, Michael Aschauer und Michael Redl (von links).

Für 90 Mitarbeiter heißt es dann, Abschied nehmen. „Natürlich ist bei uns allen ein bisschen Wehmut dabei“, sagen Michael Redl, Michael Wiederstein und Michael Aschauer beim NÖN-Lokalaugenschein. Das Trio arbeitet seit über einem Jahrzehnt in Dürnrohr, gut ein Drittel der Mitarbeiter ist hier seit der Eröffnung 1987 tätig. Als im Frühjahr die Nachricht der vorzeitigen Schließung – exklusiv über die NÖN – publik wurde, war das für manche von ihnen ein Schock. Denn nach dem Klimagipfel von Paris war 2025 als Jahr der Schließung festgelegt worden. Dass dann alles viel schneller ging, hat vor allem zwei Gründe: den Kampf gegen den Klimawandel und die fehlende wirtschaftliche Perspektive.

Spätestens seit die EU einem Kooperationsvertrag der EVN mit Südbayern, wohin zuletzt ein Teil des in Dürnrohr produzierten Stroms verkauft wurde, den Riegel vorschob, rechnete sich das Kraftwerk nicht mehr, führt EVN-Sprecher Stefan Zach aus. „Mit der Schließung des Kohlekraftwerkes Dürnrohr geht ein Stück österreichische Industriegeschichte zu Ende“, erklärt Zach die Bedeutung. Für die Turbinen und Generatoren werden jetzt Käufer gesucht. Das Gebäude selbst bleibt vorerst stehen, weil Dürnrohr einer der wichtigsten Energie-Knotenpunkte Österreichs ist – und damit die Schaltanlagen sowie Wasseraufbereitungs- und Kühlanlagen für die benachbarten Kraftwerke weiter benötigt werden.

Künftig mehr Strom-Importe?

Und woher kommen in Zukunft die fehlenden 352 Megawatt, in etwa der Strombedarf von 750.000 Haushalten? Aus Dürnrohr nicht zur Gänze, soviel steht fest. Geplant ist zwar die Aufrüstung der benachbarten Müllverbrennungsanlage um eine weitere Gas-Turbine, die Errichtung einer Klärschlamm-Verwertungsanlage und einer Photovoltaikanlage. Gemeinsam werden die drei Anlagen aber nur einen Bruchteil der 352 Megawatt produzieren. Die größte Herausforderung sieht Zach darin, die „Dunkelflaute“ zu überbrücken – also jene Zeit, in der es weder Sonne noch Wind gibt. Bisher läuft dann das Kohlekraftwerk auf Hochtouren. Ab Anfang August muss der Strom aus anderen Quellen oder aus dem Ausland kommen. Die EVN-Kunden trifft das nicht – ihnen garantiert der Energieversorger auch künftig Strom aus Niederösterreich.

Etwa 15 Mitarbeiter werden weiter am Standort arbeiten – Wiederstein, Aschauer und Redl gehören dazu. Sie entwickeln und führen die Klärschlamm-Verbrennungsanlage. Auch die anderen EVN-Mitarbeiter erhalten Job-Angebote. „Wir haben viele große Projekte, für die wir Mitarbeiter suchen – allerdings sind diese nicht zwingenderweise in der Region“, erklärt Zach. Spezialisierte Kraftwerksexperten seien auf dem EVN-internen Arbeitsmarkt aber sehr gefragt.