„Es geht um Leben und Tod“. Immer jüngere Patienten, viele Sterbefälle und Pflegekräfte, die seit über einem Jahr unter Hochdruck arbeiten: Wie ernst die Lage ist, berichten Mitarbeiter der Intensivstation des Klinikums St. Pölten. Sie appellieren mit Landeshauptfrau-Stellvertreter Stephan Pernkopf an die Menschen, die Maßnahmen einzuhalten, um die Infektionszahlen zu senken.

Von Lisa Röhrer. Update am 16. April 2021 (10:42)

„Eine Pflegerunde bedeutet, dass ich vier Stunden in der vollen Schutzausrüstung bin. Ich muss mir schon vorher überlegen, wann ich das nächste Mal aufs Klo muss oder was trinken kann“, erzählt Markus Korntheuer. Er ist Pfleger auf der Intensivstation im Krankenhaus St. Pölten. Dort arbeitet er wie seine Kollegen seit über einem Jahr unter Hochdruck. Neben den körperlichen Belastungen, nimmt die Arbeit die Pflegekräfte emotional mit. „Ich habe in zehn Jahren Berufserfahrung noch nie so viele junge Patienten auf der Intensivstation gesehen“, erzählt Korntheuer. Und nicht jeder Verlauf entwickelt sich positiv.

Der jüngste Patient, der momentan in St. Pölten wegen Corona intensivmedizinische Betreuung braucht, ist unter 30. Insgesamt ist das Durchschnittsalter gesunken. Österreichweit liegt es momentan bei 61,5 Jahren. „In St. Pölten haben wir besonders junge Patienten. Hier ist kaum jemand über 60“, erklärt Markus Klamminger, Medizin- und Pflege-Direktor der Landesgesundheitsagentur (LGA).

Jeder dritte Intensiv-Patient stirbt

Jeder dritte Patient, der wegen Corona auf einer Intensivstation landet, verlässt diese nie wieder. Die Sterberate liegt bei 35 Prozent. Den Ernst der Lage macht deshalb auch der für Kliniken zuständige Landeshauptfrau-Stellvertreter Stephan Pernkopf (ÖVP) deutlich: „Es kommt von vielen Menschen die Frage, warum wir nicht einfach die Intensivbetten aufstocken.“ Würde man das tun, nehme man jedoch automatisch mehr Todesfälle in Kauf. „Wenn jemand auf der Intensivstation landet, können seine Angehörigen nur hoffen, dass er sie wieder verlässt. Das ist schon ein Glücksfall“, verdeutlicht Pernkopf, „es geht um Leben und Tod.“ Notwendig sei es deshalb, die Coronainfektionszahlen zu senken, nicht die Kapazitäten aufzustocken.

Insgesamt gibt es 333 Intensivbetten in Niederösterreich. Aktuell sind sie zu 80 Prozent ausgelastet. Christoph Hörmann, Leiter der Klinischen Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin am Universitätsklinikum St. Pölten, glaubt, dass nun eine Plateauphase erreicht sei. Er hofft, dass der Höhepunkt von 133 Covid-Intensivpatienten an einem Tag nicht mehr überschritten werden.

Zurzeit ist die Hälfte aller Betten mit Covid-Patienten belegt. Hinzu kommen noch jene Menschen, die aus anderen Gründen intensivmedizinische Behandlung brauchen. Nach Schlaganfällen, Herzinfarkten oder Unfällen. Um insgesamt genügend Betten zur Verfügung zu haben, werden nicht-dringende Eingriffe wie Hüft- oder Knie-Operationen zurzeit nicht vorgenommen. Niederösterreichweit werden momentan zwei Drittel der Operationen eines Durchschnittsjahres durchgeführt.

Covid-Patienten bleiben zwei bis drei Wochen auf Intensivstation

Schwierig macht die Lage auch die lange Zeit, die Covid-Patienten in der Regel auf der Intensivstation bleiben. Während ein normaler Intensivpatient drei bis fünf Tage auf der Station bleibt, sind es bei Corona-Infektionen zwei bis drei Wochen. „Und auch die Menschen, die wieder von der Intensivstation zurückkommen, brauchen sechs bis zwölf Monate, bis sie wieder normal leben können“, macht Christoph Hörmann die Langzeitfolgen der Erkrankung deutlich.

Ausbildung zur Intensivpflegekraft dauert mehrere Jahre

Neben der tragischen Situation, die man mit Covid-Intensivpatienten in Kauf nehme, ist das Aufstocken der Kapazitäten nicht so einfach möglich. Sabine Gubi, die Stationsleiterin der Intensivstation in St. Pölten, erklärt, dass die Ausbildung zur Intensivpflegekraft noch ein weiteres Ausbildungsjahr verlangt. „Intensivpflege kann man nicht in einem Schnellsiedekurs lernen.“ Um die Situation personell stemmen zu können, habe man deshalb einige pensionierte Kräfte zurückgeholt oder welche, die noch in Ausbildung stehen, eingesetzt. „Trotzdem können wir die Betreuung nur durch Überstunden bewältigen“, sagt Gubi.

„Als Gesellschaft zusammenhalten“

Die Mitarbeiter der Intensivstationen und die Verantwortlichen aus LGA und Politik appellieren daher an die Landsleute, die Maßnahmen einzuhalten, um das Horrorszenario der Triage zu vermeiden. „Es ist das Gebot der Stunde, als Gesellschaft zusammenzuhalten.“

Helfen können nur Impfen und Testen, meint Pernkopf. Hörmann appelliert zudem an die Menschen risikoreiche Freizeitaktivitäten zu unterlassen. Während bei der Impfung auf neue, ausreichend Vakzine gewartet wird, drängt der Landes-Vize darauf, die rund 700 kostenlosen Testmöglichkeiten in Niederösterreich zu nutzen. „Es gibt Menschen, die noch immer nicht ein einziges Mal testen waren. Dafür habe ich kein Verständnis“, sagt der ÖVP-Politiker.

Was die Infektionszahlen betrifft, habe man, der Einschätzungen von Fachleuten zufolge, den Höhepunkt nun erreicht. In den Krankenhäusern bleibt die Lage aber angespannt. Hier entwickelt sich die Situation zeitverzögert: „Im Durchschnitt kommt jemand sechs bis acht Tage nach seiner Ansteckung auf die Intensivstation“, weiß Hörmann.