Erstellt am 20. November 2018, 04:00

von Daniel Lohninger und Michaela Fleck

Landflucht gewinnt an Dynamik. Seit Jahrzehnten verliert Niederösterreich seine Bürger an den Rändern. Und das dramatisch – nicht nur im Norden, sondern auch im Süden und sogar mittendrin.

Evellean/Shutterstock.com; Bischof

Die Niederösterreicher zieht es in die Ballungsräume. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Dass sie im Gegenzug im Waldviertel und im Voralpengebiet weniger werden, ist auch bekannt. Ein Langzeitvergleich der Recherche-Plattform Addendum zeigt jetzt, wie dramatisch diese Entwicklung ist.

So halbierte sich die Bevölkerung in Waldkirchen an der Thaya seit 1971 von 1.070 auf 534. Ähnlich dramatisch ist die Entwicklung der Einwohnerzahlen in Annaberg (Bezirk Lilienfeld), Semmering und Schwarzau im Gebirge im Bezirk Neunkirchen sowie in Langau im Bezirk Horn. Auch in manchen Kleinstädten ist die Entwicklung dramatisch: Lebten in Raabs 1971 noch 4.194 Menschen, so sind es heute 2.651. In Hardegg sank die Zahl der Einwohner im selben Zeitraum von 2.135 auf 1.309, in Allentsteig von 2.790 auf 1.835.

Ein regionales Muster und kaum Besserung

Das regionale Muster ist relativ eindeutig. Von den 20 Gemeinden, die seit 1971 die größten Bevölkerungsverluste zu verzeichnen hatten, liegen fünf im Bezirk Waidhofen/Thaya, drei im Bezirk Lilienfeld sowie jeweils zwei in den Bezirken Horn und Mistelbach. Je eine Gemeinde liegt in den Waldviertler Bezirken Gmünd und Zwettl sowie in den Bezirken Hollabrunn und Scheibbs. Und: Besserung ist kaum in Sicht.

Abwanderung und – zunehmend – auch eine stark negative Geburtenbilanz verschärft in diesen Gemeinden die Situation weiter, wie auch ein Blick auf die kurzfristige Entwicklung zeigt. So verlor Annaberg in den vergangenen

15 Jahren fast 150 Einwohner, St. Aegyd am Neuwalde mehr als 400 und Gaming fast 460.

Die Abwanderungsgemeinden kommen dabei doppelt in die Zwickmühle: Die meisten Einwohner verlieren sie zwar an Wien, den Speckgürtel und die Landeshauptstadt-Region. Aber zugleich zieht es die Jungen, die in der Region bleiben, in die Bezirkshauptstädte.

Neue Heimkehrer und neue Hoffnung

Doch manchen Gemeinden gelingt es, zumindest einen Teil der Jungen, die abwandern, wieder zurückzuholen – auch das zeigt die Auswertung der Daten der Statistik Austria. Besonders erfolgreich gelingt das in Burgschleinitz-Kühnring und Drosendorf-Zissersdorf im Bezirk Horn, in Eggern im Bezirk Gmünd sowie in Herrnbaumgarten im Bezirk Mistelbach.

Jeder Dritte, der zwischen 18 und 26 Jahren den Ort verließ, kam in den vergangenen 15 Jahren zurück. „Manche Zweitwohnsitzer haben das Pendeln satt und wählen Eggern als fixen Lebensmittelpunkt“, erklärt Bürgermeister Karl Schraml (ÖVP). Die Jungen hätten es vor allem auf Häuser mit viel Grund abgesehen. Die Folge: Derzeit gibt es in der Gemeinde keine zum Verkauf stehenden Häuser mehr.

Diese Daten/Geschichten wurden in Kooperation mit der Rechercheplattform Addendum recherchiert: https://www.addendum.org/landflucht/

 

Mitarbeit: Tanja Barta, Markus Füxl, Karin Pollak, Markus Zauner