Schmuckenschlager: Green-Deal-Maßnahmen kontraproduktiv

Johannes Schmuckenschlager, Präsident der Landwirtschaftskammer Niederösterreich, über Klimaschutz, über Erdäpfel auf Reisen, über regionale Produkte und Tierwohl.

Christiane Buchecker
Christiane Buchecker Erstellt am 28. September 2021 | 04:55
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Johannes Schmuckenschlager, Präsident der LK NÖ, stand im Interview Rede und Antwort.
Foto: LK NÖ/Philipp Monihart

NÖN: Sie sagen, „Verlass di drauf“ ist nicht nur ein Slogan, sondern gelebter Alltag in der Landwirtschaftskammer. Was tut man für die Bäuerinnen undBauern des Landes?

Johannes Schmuckenschlager: Unsere 21 Bezirksbauernkammern, verteilt über ganz Niederösterreich, sind erste Anlaufstelle für die Bäuerinnen und Bauern im Beratungsfall. So unterstützen wir unter anderem bei der Antragstellung für europäische Programme und bieten eine Rechtsberatung an, die sehr stark in Anspruch genommen wird, zum Beispiel, wenn es um die Klärung von Hofübergaben geht. Die Schulungs- und Ausbildungsprogramme der LK NÖ werden von den Bäuerinnen und Bauern auch sehr gut genützt. Sehr wichtig ist selbstverständlich die Landjugend – unser Angebot für die Jugend im ländlichen Raum reicht hier von Auslandspraktika bis zum Volkstanz. Weiters bieten wir den Landwirten verschiedenste Services wie das Futtermittellabor an oder haben in Mold unser Kompetenzzentrum für Digitalisierung, wo es um die Nutzung und praktische Anwendung neuer digitaler Techniken geht. All das ist jedoch nur ein kleiner Teil vom umfassenden Angebot der Kammer, unsere Leistungen und Aktivitäten gehen noch weit darüber hinaus.

GAP, die „Gemeinsame Agrarpolitik“, bringt große Herausforderungen für die Landwirte mit sich. Welche sind das?

Schmuckenschlager: Eine große Herausforderung ist der Green Deal der EU, der in die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) einfließt und das ambitionierte Ziel verfolgt, dass Europa bis 2050 klimaneutral wird. Doch der Vorschlag des Green Deal, wie er derzeit vorliegt, wird sein Ziel verfehlen. Das sagen sogar die Experten der EU-Kommission. Laut deren Folgeabschätzung würde der derzeitige Vorschlag die landwirtschaftliche Produktion verringern, Preise für Lebensmittel und Rohstoffe würden steigen und die Einkommen für Bauernfamilien parallel dazu sinken. Zudem ist mit einem höheren Import von Lebensmitteln aus aller Welt nach Europa zu rechnen. Das Ziel des Green Deal ist klar, aber die Maßnahmen sind kontraproduktiv, sie sind nicht auf die jeweiligen Länder angepasst. Landesrat Stephan Pernkopf sagt es immer sehr anschaulich: Dann haben wir zwar in Europa die Blühstreifen am Boden, aber die Kondensstreifen am Himmel, weil wir so viel importieren müssen.

Was können die Landwirte tun, damit sich ihre Arbeit rechnet? Was muss die Agrarpolitik in diesem Zusammenhang leisten?

Schmuckenschlager: Der Fokus unserer Arbeit ist immer die Produktion von Lebensmitteln und Rohstoffen. Für mehr Mehrleistungen und zusätzliche Umweltleistungen, die von der Landwirtschaft erbracht werden, muss es eine entsprechende Abgeltung über die EU-Agrarpolitik geben. Wir haben die sogenannte Ausgleichszulage, eine Abgeltung von Erschwernissen in gewissen Gebieten. Das klassische Beispiel dazu ist der Bergbauer, der aufgrund der Gegebenheiten nur zehn Kühe halten kann und nicht mehr. Somit hat er andere Erschwernisse als ein slowakischer Agrarkonzern. Generell braucht es angemessene Marktpreise. Man darf nicht aus den Augen verlieren, dass wir mit der österreichischen Landwirtschaft wettbewerbsfähig bleiben müssen, sei es in der Kulturführung am Acker als auch in der Viehzucht. Das heißt auch: Wie kann ich ein Produkt so entwickeln, dass ich genug Nachfrage habe und entsprechende Preise erzielen kann.

Die Herkunftskennzeichnung ist Ihnen besonders wichtig. Wie ist der Stand der Dinge? Was fordern Sie?

Schmuckenschlager: Im Einzelhandel gibt es seit Jahren eine gesetzliche Verpflichtung zur Kennzeichnung, woher die Grundnahrungsmittel kommen. Hier gibt es noch eine Lücke bei den verarbeiteten Produkten. In der Gemeinschaftsverpflegung gibt es bislang keinerlei Verpflichtung zur Auslobung der Lebensmittelherkunft. Gemeinsam mit den Kunden fordern wir seit Jahren eine Transparenzwende im Außer-Haus-Verzehr. Immerhin essen 2,5 Mio. Menschen täglich in Pflegeheimen, Schulen, Betriebsrestaurants usw. Wir beweisen täglich, dass eine Kennzeichnung der Herkunft möglich ist, denn als Landwirtschaftskammer setzen wir das in unserem Betriebsrestaurant schon lange freiwillig um. Aktuell arbeitet das Konsumentenministerium an einem Entwurf, um das im Regierungsprogramm vereinbarte Ziel zu erreichen, nämlich die Herkunft der Primärzutaten Milch, Fleisch und Eier in der Gemeinschaftsverpflegung auszuloben und entsprechend zu kontrollieren. Für die Kunden geht es um Transparenz und Wahlfreiheit, für uns in der Landwirtschaft um faire Wettbewerbsbedingungen.

Die Coronakrise hat dazu geführt, dass regionale Produkte mehr Wertschätzung erfahren haben – ist das nach wie vor so?

Schmuckenschlager: Ja, die Nachfrage hat sich verstärkt und gefestigt, die bäuerliche Direktvermarktung ist stark gestiegen. Auch hat sich die Aufmerksamkeit der Leute verstärkt – man interessiert sich mehr für die Produzenten und will direkt mit diesen in Kontakt kommen. Dass Regionalität im Trend liegt, zeigt auch die Tatsache, dass die großen Handelsketten immer mehr darauf setzen.

Auch sagen Sie immer wieder: Wer regional kauft, schafft Versorgungssicherheit. Wie funktioniert das im Detail?

Schmuckenschlager: Versorgungssicherheit funktioniert in Krisenzeiten nur dann, wenn man sie außerhalb der Krise aufrechterhält. Die Wirtschaft fährt wieder hoch, doch das Problem sind oftmals die internationalen Lieferketten. Versorgungssicherheit heißt unabhängige Vor-Ort-Produktion. Ein weiterer Punkt ist die Verarbeitung. Man schickt die in Hollabrunn erzeugten Erdäpfel nicht nach Hamburg zum Waschen, nach Paris zum Schneiden und dann kommen sie wieder retour, sondern man schaut, dass man die Gesamtverarbeitungsketten durch Lebensmittelcluster, von der Urproduktion bis zum Endprodukt, knapper zusammenhält und schafft somit regionale Wertschöpfung und Arbeitsplätze vor Ort.

Die anhaltende Trockenheit in manchen Regionen ist ein großes Problem. Arbeitet man diesbezüglich an Lösungen?

Schmuckenschlager: Ja. Es ist aber nicht die Trockenheit alleine, es sind die Extremwetterereignisse insgesamt – von Hitzeperioden über Hagelunwetter bis hin zu Frost. Gemeinsam mit den Landwirten arbeiten wir daran, sich an die geänderten Bedingungen und immer stärker werdenden Wetterextreme anzupassen. Wenn wir die Trockenheit als Beispiel nehmen, bedeutet das etwa eine wassersparende Bewirtschaftung unserer Felder oder die Züchtung neuer Sorten. Ebenso geht es darum, Wasser zu speichern und dann verfügbar zu machen, wenn es gebraucht wird. Gemeinsam mit dem Land NÖ haben wir deshalb auch das Kompetenzzentrum für Bewässerung ins Leben gerufen. Damit wollen wir die Bäuerinnen und Bauern bei der Umsetzung von Bewässerungsprojekten unterstützen. Eine Überlegung ist auch, man denke an die erhöhte Waldbrandgefahr in diesem Jahr, Wasserspeicher gemeinsam mit der Feuerwehr aufzubauen und zu nutzen.

Wenn wir von Extremwetterereignissen sprechen, müssen wir auch von der Hagelversicherung sprechen. Da geht es ja nicht mehr nur um Schäden durch Hagel, es geht um gesamthafte Schadereignisse, die mitversichert sind – so wurde zum Beispiel eine Dürreversicherung entwickelt, die laufend um neue Kulturen erweitert wird. Kein Landwirt wünscht sich, dass er die Versicherung in Anspruch nehmen muss. Aber für ihn ist zumindest das Risiko einesTeils der Betriebs- und Investitionskosten des Jahres gedeckt.

Wie betreiben die Bäuerinnen und Bauern Klimaschutz?

Schmuckenschlager: In der Landwirtschaft sind klimafreundlichere Betriebsmittel von Dünger über Pflanzenschutz bis hin zu Treibstoff aus Biomasse ein großes Thema. In vielen Betrieben ist es auch Standard, dass biogene Brennstoffe verwendet werden. Ein weiteres großes Thema ist der Eigenstrom durch Photovoltaik auf den Dachflächen. Wichtig ist, sich vor Augen zu führen, dass die heimische Landwirtschaft Teil der Lösung ist. Fakt ist, wir erzeugen klimaschonend regionale Lebensmittel, was neben Frische und höchster Qualität vor allem auch kurze Transportwege bedeutet. Der Griff zu regionalen Lebensmitteln ist somit gelebter Klimaschutz. Zudem stellen die Land- und Forstwirte erneuerbare, Co2-neutrale Energieträger bereit. Auch die Tierhalter möchte ich in diesem Zusammenhang erwähnen: Unsere Bauern bauen den Großteil des Futters für ihre Tiere selbst an und bringen den Wirtschaftsdünger wieder auf ihrenFlächen aus. Diese Art der Kreislaufwirtschaft macht die österreichische Tierhaltung zu einer der klimafreundlichsten weltweit.

Und wieso ist Biodiversität so wichtig?

Schmuckenschlager: Die Biodiversität ist wichtig, weil wir in der Natur permanent in einer Kreislaufwirtschaft sind. Man erkennt, wenn man einzelne Elemente herausnimmt, welche enormen Folgen das in der Breite hat. Eine vielfältige und nachhaltige landwirtschaftliche Bewirtschaftung stellt die wesentliche Grundlage für die Artenvielfalt dar.

Sie sagen, Pflanzenschutz muss sein. Warum ist das so und wie sieht dieser aus?

Schmuckenschlager: Pflanzenschutz ist letztendlich Ernteschutz – schließlich geht es darum, gesunde Pflanzen zur Ernte zu bringen und zu große Schwankungen in Menge und Qualität zu vermeiden. Auch ist der Pflanzenschutz für die Lagerfähigkeit wichtig. Wir brauchen Erntegut, das in der Lagerhaltung gesund bleibt. Pflanzenschutz heißt ja nicht chemischer Pflanzenschutz, sondern integrierter Pflanzenschutz: Das beginnt bereits bei der Saatbeetbereitung und der Sortenwahl und reicht bis zu mechanischen Maßnahmen, z. B. bei der Unkrautbekämpfung. Den Landwirten sollen viele Werkzeuge zur Verfügung stehen, um bestmöglich und angepasst an die Gegebenheiten auf diese zugreifen zu können.

Tierwohl ist auch ein großes Thema des Zukunftsplanes der LK NÖ. Was ist die Kernaussage?

Schmuckenschlager: Höhere Tierwohlstandards sind mit höheren Kosten verbunden – das ist eine Tatsache. Damit unsere Bauern ihre Betriebe nach den neuesten Erkenntnissen des Tierwohls weiterentwickeln und gleichzeitig langfristig überleben können, braucht es eine Abgeltung über den Produktpreis oder öffentliche Ausgleichszahlungen. Auch braucht es vom Gesetzgeber, vom Markt sowie vom Handel ein klares Bekenntnis zur heimischen Produktion, zu unserer Landwirtschaft und somit auch zu mehr Tierwohl.