Pflege: 700 Stellen in Niederösterreich sind frei. 15.000 Pflegekräfte sollen im Land bis 2030 fehlen. Schon jetzt suchen alle Anbieter Personal. Warum sie wieder diesen Job wählen würde, erzählt eine Niederösterreicherin.

Von Lisa Röhrer. Erstellt am 18. Februar 2020 (01:33)
Monika Drexler betreut und pflegt alte und kranke Menschen. Sie arbeitet als diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin bei der Caritas in Kirchstetten.
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Monika Drexler ist auf dem Weg zu ihrem nächsten Kunden. Die Fahrt nutzt sie, um den Kopf freizubekommen. Damit sie sich dann ganz auf Herrn Z. konzentrieren kann. Auf dem Plan steht bei dem pflegebedürftigen 82-Jährigen ein Verbandswechsel. Währenddessen kümmern sich Drexlers Kolleginnen von der Caritas-Sozialstation Kirchstetten (Bezirk St. Pölten) um die Körperpflege anderer Kunden. Nachdem der Verband getauscht ist, nutzt die Gesundheits- und Krankenpflegerin die Zeit, um sich mit der Frau des Pflegebedürftigen zu unterhalten. „Ich sehe es auch als meine Aufgabe, die Angehörigen zu unterstützen“, sagt Drexler.

Die 52-Jährige ist seit 1997 in der Pflege tätig. Sie ist damit eine von 4.350 mobilen Pflegekräften in Niederösterreich. „Mein Job macht mir Freude, weil ich anderen Menschen damit eine Freude mache. Ich würde mich wieder dafür entscheiden“, betont sie.

Monika Drexler hat in der Pflege also ihre Berufung gefunden. Doch das tun offensichtlich immer weniger Menschen. Streiks lenken gerade den Blick auf die Unzufriedenheiten der Angestellten dieser Branche (siehe unten). Und die Politik ist alarmiert, weil in Österreich bis 2030 75.700 Pflegekräfte fehlen sollen.

Nachfrage nach Pflegeassistenten und Heimhilfen besonders groß

Treffen wird das auch Niederösterreich: „Aus Erfahrung muss man mit 20 Prozent des österreichweiten Bedarfs rechnen“, heißt es aus dem Büro von Landesrätin Christiane Teschl-Hofmeister. Das wären bis 2030 also über 15.000 fehlende Pflegekräfte in NÖ. Und schon jetzt können laut dem Land 700 Stellen im Pflegebereich zusätzlich besetzt werden. Am stärksten ist die Nachfrage nach Pflegeassistenten und Heimhilfen. Regional sind der Ballungsraum des Industrieviertels, der Zentralraum und das Wiener Umland am stärksten vom Pflegekräfte-Mangel betroffen.

Obwohl sich (noch) jeder Niederösterreicher darauf verlassen könne, dass er Pflege bekommt, wenn er sie benötigt, suchen alle Anbieter Personal. Die meisten Kunden der mobilen Pflege, nämlich 8.700 pro Monat, betreut in NÖ das Hilfswerk mit seinen 2.100 Mitarbeitern. Der Bedarf kann gedeckt werden, Wartelisten gibt es keine. Aber die Nachfrage steige. Laut Geschäftsführer Christoph Gleirscher seien laufend 150 bis 200 Stellen ausgeschrieben.

Auf eine Warteliste wird auch bei der Volkshilfe noch niemand gesetzt. „Jedoch kann es, abhängig vom speziellen Pflegebedarf, im Einzelfall zu kürzeren Wartezeiten bis zum Betreuungsbeginn kommen“, schildert Geschäftsführer Gregor Tomschizek. Der Versorgungsgrad sei sehr gut, jeder, der Pflege oder Betreuung benötigt, könne sich darauf verlassen, dass er diese erhält, betont Tomischizek. Gesucht wird trotzdem: Aktuell 55 Personen.

Noch größer ist der Bedarf bei der Caritas, die zahlreiche Sozialstationen wie jene in Kirchstetten betreibt und 4.400 Kunden betreut. „Wir sind bemüht, den Bedarf so gut es geht zu decken, müssen in Einzelfällen aber kurzfristig auf Wartelisten verweisen.“

Auch stationäre Pflege ist gefragter als früher

Aber nicht alle der 91.769 Pflegegeldbezieher werden in ihren eigenen vier Wänden gepflegt. Seit dem Wegfall des Pflegeregresses ist auch die Nachfrage nach Plätzen in den Pflege- und Betreuungszentren des Landes gestiegen. Die Auslastung liegt bei 99 Prozent. Dass die Plätze gefragter sind, seit zu deren Finanzierung nicht mehr auf das Vermögen der Betroffenen und Angehörigen zurückgegriffen werden kann, beobachtet man auch bei SeneCura, Inhaber von elf privaten Einrichtungen in NÖ. Je nach Region gebe es Wartezeiten von einer bis zu mehreren Wochen.

Als Grund für den Mangel, auf den die Politik etwa mit der Schaffung einer Höheren Schule mit Pflegeausbildung im Bezirk Scheibbs und mit einer Ausbildungsoffensive reagiert, wird meist die alternde Gesellschaft genannt. Für die Caritas greift das zu kurz. Laut ihrem Sprecher Christoph Riedl liege es auch an den Rahmenbedingungen. „Die Arbeit ist mit hohen psychischen und physischen Belastungen verbunden. Viele verlassen den Beruf nach wenigen Jahren, oft aus gesundheitlichen Gründen.“

Monika Drexler sieht die fehlende Anerkennung in der Gesellschaft als Grund, dass immer weniger Menschen ihre Liebe zur Pflege teilen und den Beruf ergreifen wollen. „Daran sollten wir arbeiten, der Job ist super, wir sollten nicht nur über seine schlechten Seiten reden.“