Mikl-Leitner will Medizin-Studienplätze verdoppeln. "Man sieht es an allen Ecken und Enden, dass es mehr Mediziner braucht" - im NÖN-Interview vor zwei Wochen hatte Landeshauptfrau Mikl-Leitner mehr Studienplätze für die Medizin gefordert. Jetzt verdeutlicht sie diese Forderung: Es sollen doppelt so viele Plätze sein.

Von NÖN Redaktion. Erstellt am 26. August 2019 (19:00)
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Johanna Mikl-Leitner
Erich Marschik

Interessenten für ein Medizin-Studium gäbe es genügend, aber nur etwa zehn Prozent bekommen einen Platz, sagt Mikl-Leitner.

„Ganz Österreich spricht davon und Beispiele in allen Gesundheits-Bereichen machen es deutlich, dass wir auf einen drohenden Ärztemangel zusteuern. Faktum ist aber auch, dass Jahr für Jahr einfach zu wenige Mediziner ausgebildet als benötigt werden. Das muss sich dringend ändern“, fordert Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner die Verdoppelung von Medizin-Studienplätzen in Österreich.

Seit Aufnahmetests: Weniger Absolventen

Insgesamt gibt es seit Einführung des Medizin-Aufnahmetests und der Begrenzung der Studienplätze weniger Absolventen des Studiums Humanmedizin. Alleine im Jahr 2019 standen für 16.443 Bewerber nur 1.680 Studienplätze an Medizin-Unis in Wien, Linz, Graz und Innsbruck zur Verfügung. Davon sind 25 Prozent für Nicht-Österreicher reserviert (420 Plätze). Das heißt, es bleiben in Wahrheit nur 1.260 Studienplätze über.

„Interessenten für ein Medizin-Studium gäbe es genügend, aber nur etwa 10 Prozent bekommen einen Platz. Wenn noch dazu 50 Prozent der Allgemeinmediziner in den nächsten 10 Jahren in Pension gehen werden, dann sieht man schon alleine an diesen Zahlen den dringenden Handlungsbedarf im Mediziner-Nachwuchs", sagt die Landeshauptfrau.

Hohe Ärztedichte, aber zu wenig Hausärzte

Zu den Fakten: Österreich verfügt international gesehen über eine hohe Ärztedichte (5,2 Ärzte pro 1.000 Einwohner, EU-Schnitt 3,5 pro 1.000). Die Gesamtzahl der Mediziner in Österreich hat sich seit 1960 bis 2015 vervierfacht, von knapp über 11.000 auf rund 44.000, die Anzahl an Hausärzte (mit §2 Kassenvertrag) ist im selben Zeitraum aber konstant geblieben. Der Anteil der Allgemeinmediziner mit Kassenvertrag an der Gesamtärztezahl ist demnach von 34,4 Prozent auf 8,5 Prozent gesunken. Im selben Zeitraum ist die Bevölkerung um 24 Prozent gewachsen und der Anteil an über 65-Jährigen hat sich um 84 Prozent gesteigert. Die Anzahl der Hausärzte hat sich in NÖ von 664 Planstellen im Jahr 1977 auf 774 Planstellen im Jahr 2019 erhöht. Um diesen Stand an Planstellen langfristig abzusichern, ist die Attraktivierung der Allgemeinmedizin dringend erforderlich.

NÖ steuert gegen Ärztemangel

„Seitens des Bundeslandes Niederösterreich setzen wir selbstverständlich eigene Initiativen, um dem Ärztemangel entgegenzusteuern. Sei es mit der Karl-Landsteiner-Privatuniversität mit 450 Studierenden und 75 Absolventen pro Jahr ab dem Jahr 2020, sei es mit 130 Plätzen für das Klinisch-Praktische Jahr in den NÖ Landeskliniken, sei es mit Unterstützungs-Leistungen für Studierende oder Allgemein-Mediziner oder sei es mit der Landarzt-Garantie", sagt die Landeshauptfrau.

Pflege und Gesundheit gemeinsam steuern

Darüber hinaus setzt das Land NÖ neue Maßstäbe, wenn es darum geht, die Bereiche Pflege und Gesundheit miteinander zu planen und zu steuern. Wie berichtet werden ab 1. Jänner 2020 werden die Bereiche Gesundheit und Pflege in NÖ zusammen in der „NÖ Landesgesundheitsagentur“ vereint. Das betrifft 21.500 MitarbeiterInnen in den 27 NÖ Landeskliniken sowie 5.350 MitarbeiterInnen in den 48 Pflege- und Betreuungszentren und zwei Pflege- und Förderzentren (mit rund 6.000 Betten). Diese Art der Trägerschaft ist einzigartig und wegweisend für Österreich. Im Rahmen der NÖ Landesgesundheitsagentur kann Gesundheit und Pflege aus einer Hand gedacht, geplant und gesteuert werden.

"Initiativen vorantreiben"

„Für eine flächendeckende, wohnortnahe und allgemeinmedizinische Versorgung, für ausreichenden allgemeinmedizinischen Nachwuchs und für eine Entlastung der Spitalsambulanzen braucht es in Zukunft eine gemeinsame Kraftanstrengung in Österreich. Die Verdoppelung der Medizin-Studienplätze ist ein wesentlicher Bestandteil der Initiativen, die jetzt vorangetrieben werden müssen“, so die Landeshauptfrau.

NEOS NÖ: Mehr Studienplätze sind nicht die Lösung

Dass mehr Studienplätze den Landärztemangel beheben könnte, glaubt NEOS-Gesundheitssprecherin Edith Kollermann nicht. Vielmehr ginge es darum, warum eine Landarztpraxis wenig attraktiv sei. „Einerseits haben viele Absolventinnen und Absolventen ein negatives Bild vom Beruf des Allgemeinmediziners. Dem kann man aber nicht mit gesteuerter Planwirtschaft, sondern mit der Möglichkeit, das Berufsbild praxisnah kennenzulernen, begegnen. Auf der anderen Seite muss die Politik dafür Sorge tragen, dass sich Landärzte weniger mit Bürokratie als vielmehr mit ihren Patientinnen und Patienten beschäftigen können und dafür auch entsprechend honoriert werden“, so Kollermann. Mehr Studienplätze könnten die offenbar unattraktiven Rahmenbedingungen nicht wett machen.