Karl Wilfing: „Ich hatte bis zu 18 Funktionen“. Landtagspräsident und „Mister Weinviertel“ Karl Wilfing (ÖVP) über Video-Sitzungen, seinen 60. Geburtstag und die Pension.

Von Walter Fahrnberger. Erstellt am 30. September 2020 (03:42)
Karl Wilfing
Christoph Fuchs

NÖN: Herr Landtagspräsident, Sie sind als sehr leutseliger Politiker bekannt und stets viel bei den Menschen. Wie schwer fällt es Ihnen, nicht die Hände zu schütteln?

Karl Wilfing: Ganz schwer. Es hat lange gedauert, bis man das ablegt. Es ist ein gewohntes Ritual der Vertrautheit, und ich merke vor allem bei älteren Menschen, dass sie das auch wieder herbeisehnen.

Wie herausfordernd ist die aktuelle Situation für die Arbeit im Landtag?

Wilfing: Da wir für jeden Abgeordneten einen eigenen Tisch zur Verfügung haben, ist es kein Problem, unsere Sitzungen abzuhalten und die Handlungsfähigkeit zu garantieren.

Niederösterreich hat als erster Landtag im deutschsprachigen Raum Video-Ausschusssitzungen festgesetzt. Wie intensiv wurden diese schon genutzt?

Wilfing: Im Regelfall wird es immer einen Präsenzausschuss geben, weil man sich in der politischen Diskussion einfach leichter tut, Argumente auszutauschen. Aber wir werden in nächster Zeit auch die ersten Video-Ausschusssitzungen durchtesten, um technisch alles klar zu machen und Erfahrungen zu sammeln. Zum Beispiel ist die Frage zu klären, ob man die Sitzung unterbricht, wenn jemand den Kontakt verliert oder bewusst selbst abschaltet.

Was denken Sie, ist abseits von Corona die größte Herausforderung für die politische Arbeit in den nächsten Jahren?

Wilfing: Ich denke, es wird immer wichtiger sein, Foren zu finden, um sich mit Menschen unterhalten zu können. Für mich war immer entscheidend, präsent zu sein, um zu wissen, wo der Schuh drückt. Weil dieser Dialog ständig stattfindet, ist auch das Vertrauen in die Landespolitik so hoch.

Ist das das wichtigste Argument gegen das Vorhaben, Landtage und Nationalräte zu verkleinern?

Wilfing: Ja. Wir haben mit den 56 Abgeordneten die Möglichkeit, den fünf Parteien gerecht zu werden. Wenn man verkleinert, hätten vielleicht kleine Parteien keine Repräsentanz mehr. Zum Zweiten ist es die Garantie, dass auch kleinere Bezirke ihre Vertreter haben. Würde man die Anzahl verringern, müsste man auch darüber nachdenken, ob die Bezirksgrößen noch adäquat sind. Gerade in einer globalisierten Welt brauchen Menschen aber diesen Anker und gewisse Sicherheiten.

Ist der Föderalismus jetzt wichtiger denn je?

Wilfing: Absolut. Gerade in der Pandemie ist es wichtig, föderale Strukturen zu haben, um für jede Region die richtigen Mittel zu finden. Ich bin mir sicher, es gäbe einige der 27 Kliniken in Niederösterreich nicht mehr, wenn die Gesundheitspolitik in Wien entschieden worden wäre. Gerade jetzt haben wir gesehen, dass jedes Bett gebraucht wird.

Wie beurteilen Sie zur Halbzeit der Legislaturperiode das Klima im Landtag?

Wilfing: Es ist sehr gut. Das Miteinander der Landeshauptfrau wirkt auch in den Landtag hinein. Das zeigt sich dadurch, dass mehr als die Hälfte aller Beschlüsse einstimmig waren.

Wie viele Ordnungsrufe haben Sie abgeben müssen?

Wilfing: Weniger als fünf.

Wie schwer ist es, als Landtagspräsident völlig parteiunabhängig zu agieren?

Wilfing: Gar nicht. Ich bin bekennender ÖVP’ler, aber mir war schon als Bürgermeister klar, dass man alle einbinden muss. Ich bin viel mehr vom Hausverstand geprägt als von der Ideologie.

Sie haben am Samstag Ihren 60. Geburtstag gefeiert. Wo-rauf sind Sie in Ihrer politischen Laufbahn besonders stolz?

Wilfing: Besonders stolz bin ich, dass ich meinen Beitrag dazu leisten konnte, meine Heimatregion, das Weinviertel, so weiterzuentwickeln, wie sie sich entwickelt hat. Ich war lange federführend tätig, sei es als Tourismusobmann oder Obmann der Kleinregion, und werde immer wieder als „Mister Weinviertel“ begrüßt. In Spitzenzeiten hatte ich 18 Funktionen für das Weinviertel. Die größte Herausforderung dabei war sicher der Bau der Weinviertel-Autobahn. Das war 20 Jahre lang ein Ringen, wobei ich fast täglich verhandelt habe.

Werden Sie als Landtagspräsident von Niederösterreich in Pension gehen?

Wilfing: Das ist ganz sicher so. Danach gibt es für mich nur mehr ein Ziel. Ich will Ortsobmann des Seniorenbundes in Wetzelsdorf werden, damit ich den Leuten, die mir immer geholfen haben, auch etwas zurückgeben kann. Davor werde ich 2023 aber noch einmal für den Landtag kandidieren.