Schultes: „60 Cent, mehr ist ein Bauer nicht wert“. Hermann Schultes übergibt das Amt als Präsident der Landwirtschaftskammer. In der NÖN spricht er über die Probleme, viele Sorgen und Erfolge.

Von Thomas Jorda. Erstellt am 08. Mai 2018 (02:55)
Erich Marschik
Der Klimawandel und die daraus resultierende Trockenheit machen Hermann Schultes (rechts) besondere Sorgen. Der scheidende Präsident der Landwirtschaftskammer im Gespräch mit Thomas Jorda.

NÖN: Sie werden in wenigen Monaten 65. Ist es nicht noch zu früh, als Präsident der Landwirtschaftskammer aufzuhören?

Hermann Schultes: Die Periode läuft im Mai aus. Noch einmal eine neue anzufangen, wäre dann doch ein wenig steil.

Sie bleiben Präsident der Niederösterreichischen Landwirtschaftskammer?

Schultes: Ja, aber auch da ist mit der Neuwahl 2020 ein Ende absehbar. Und ich will nicht in der Politik verwelken. Ich bin gern Bauer. Daheim kann ich als Großvater und als Altbauer noch nützlich sein.

Wenn Sie zurückblicken, was würden Sie als Ihren größten Erfolg bezeichnen?

Schultes: Schwer zu sagen. Aber dass unsere Betriebe die Chance zu einer gemeinsamen Marktmengenplanung bekommen haben, das war sehr wichtig und davor in der EU kartellrechtlich verboten.

Bei Pflanzenschutzmitteln war der Erfolg nicht groß …

Schultes: Bei der Diskussion um Glyphosat und Neo nicotinoide werden wir in unerträglicher Weise unter Druck gesetzt und der öffentlichen Schande preisgegeben. Damit machen sehr viele ihr Business.

Aber werden die Insekten nicht immer weniger?

Schultes: Das ist momentan eine gute Meldung! Die Rübenbauern erleben gerade, wie ihnen die Erdflöhe die Rüben fressen. Und was die Erdflöhe übrig lassen, räumen die Rübenrüssler weg. Die Insekten in der Landwirtschaft vermehren sich sehr gut. Wenn das anderswo nicht so ist, muss man dort genauer schauen.

Also alles gut in der Natur?

Schultes: Wer heute noch sagt, dass der Klimawandel nicht stattfindet, der glaubt auch, dass der Mond aufgemalt ist. Fakt ist, die Welt wird sehr viel anders, als wir das wahrhaben wollen.

Ein Problem für die Bauern?

Schultes: Absolut. Wir haben große Sorgen, weil trockene Jahre die Insektenvermehrung begünstigt und wir kaum Mittel zur Bekämpfung haben. Die Schäden sind so arg, was da noch auf uns zukommt, werden wir erst sehen. Der Nordosten spürt das dramatisch. Wenn es uns nicht gelingt, die Elementarrisikoversicherung auf stabile Beine zu stellen und Donauwasser hinzubringen, werden wir diese Produk tionsregion verlieren.

Wieso sind die Neonicotinoide in der EU verboten worden?

Schultes: Man hat nur die falsche Anwendung zum Thema gemacht und die Erfolge richtiger Anwendung schlechtgeredet. Es wurde die Inszenierung so hochgefahren, dass möglichst viel Panik entstanden ist. Das beschäftigt die Medien, weil das so ungewiss ist, da ist jeder kompetent und keiner wirklich davon betroffen. Nur unsere Familienbetriebe, wo die Jungen sich das nicht mehr antun wollen.

Wie wichtig ist die Selbstversorgung mit Lebensmitteln?

Schultes: Die Landwirtschaftskammer wurde 1922 aus der Erfahrung des Hungers gegründet, und damals hat man gewusst, es werden nicht die Politiker und die Beamten lösen können, das können nur die Bauern selbst. Wir gehen heute deshalb einen anderen Weg als das restliche Europa, wir halten den bäuerlichen Familienbetrieb heilig.

Ein zweites wichtiges EU-Thema ist das neue Konzept landwirtschaftlicher Förderungen.

Schultes: Wenn man sich die Vorschläge genauer anschaut, dann sieht man, dass genug Konfliktmaterial da sein wird. Aber der bäuerliche Familienbetrieb als Zielvorstellung der Politik wird in diesem Konzept verstanden. Wenn Österreich da an einem Strang zieht, werden wir einfachere Wege finden, um den kleineren Unternehmen entgegenzukommen.

Wie reagieren Sie, wenn jemand sagt, dass weniger als fünf Prozent der Bevölkerung Bauern sind und trotzdem viel Macht haben.

Schultes: Das stimmt! Denn wir decken täglich Ihren Tisch und Sie wünschen sich, dass wir das morgen wieder tun. Eine andere Antwort ist: Ein Bauer versorgt ungefähr 110 Menschen. Und damit der Bauer, der Sie versorgt, den morgigen Tag auch noch erlebt und das noch einmal tut, geben sie ihm heute 60 Cent. Mehr ist der Bauer dem Steuerzahler nicht wert.

Wollen Sie einen geschützten Wirtschaftsraum?

Schultes: Nein, ich vertraue auf den Konsumenten, dass er ein anständiger Mensch ist und das haben will, was andere anständige Menschen produzieren. Dazu müssen sie aber viel mehr wissen. Und wir dürfen nichts ins Land lassen, was nicht anständig ist. Da fängt schon bei Produkten der Kinderarbeit an.

Sie sind im Zuge der TTIP-Debatte stark angegriffen worden. Hat Sie das gekränkt?

Schultes: Nein, wirklich nicht. Meine Aufgabe war und ist, immer dort zu sein, wo andere nicht hingehen. Mein ganzes politisches Leben habe ich das gemacht, wofür sich gerade niemand gefunden hat.

Sie haben bei Wahlen immer gute Ergebnisse erzielt. Was können Sie, was andere nicht können?

Schultes: Ich bin manchmal zu wenig diplomatisch. Aber die Menschen wissen, dass sie mir vertrauen können. Wenn ich nach drei Jahren wieder wo hinkomme, muss ich nicht darüber nachdenken, was ich damals erzählt habe, weil ich noch sage, was ich meine. Ich glaube, dass man mir Redlichkeit zutraut.

Derzeit stehen die Kammern stark unter Beschuss. Wie unverzichtbar sind sie für Österreich?

Schultes: Unsere Funktion in der Sicherstellung der Bewirtschaftung und der Nachhaltigkeit, dass die Bauern das kriegen, was ihnen zusteht, das ist eine Aufgabe, die ist nicht zu ersetzen.

In zehn Jahren, sind dann die Kammern immer noch da?

Schultes: Ganz sicher!