Die Schwierigkeiten der Pflege in Niederösterreich

Personalnot ist Hauptproblem, Pensionierungen verschärfen das. Um mehr Menschen für den Job zu gewinnen, müssen positive Seiten aufgezeigt werden: Das sagen Vertreter der Pflege-Anbieter im gemeinsamen NÖN-Gespräch.

Erstellt am 29. Dezember 2021 | 05:42
Lesezeit: 4 Min

Länger Warten geht nicht mehr. Da sind sich die Vertreter der Pflegeorganisationen einig. Die Reform des Systems wird seit Sommer 2018 hinausgeschoben. Aus dem angekündigten Start der Pflegereform im Herbst 2021 wurde wieder nichts. Beginnen soll die Umsetzung nun Anfang des neuen Jahres. Was dringend passieren muss und wo die Probleme liegen, diskutierten die Spitzenvertreter der größten Pflegeanbieter des Landes beim NÖN-Pflegegipfel.

Die Ergebnisse aus der Gesprächsrunde mit Caritas-Direktor der Diözese St. Pölten Hannes Ziselsberger, Hilfswerk-Präsidentin Michaela Hinterholzer, Rotkreuz-Präsident Josef Schmoll, Volkshilfe-Prokuristin Maria Panzenböck-Stockner sowie Eva Friessenbichler und Susanne Gröschl von der Landesgesundheitsagentur zusammengefasst:

Personalengpass

Es gibt zu wenig Pflegepersonal. Das ist das Hauptproblem, mit dem alle Organisationen kämpfen. 500 Stellen sind in NÖ zurzeit offen. Auf Basis von Studien wisse man, wie Rotkreuz-Präsident Josef Schmoll untermauert, dass bis 2030 100.000 Pflegekräfte fehlen. Umgerechnet auf NÖ bedeute das, dass mindestens 20.000 Pfleger zu wenig wären. Um den Status quo abzudecken, müsste laut Hinterholzer jeder fünfte Jugendliche einen Pflegeberuf ergreifen. „Wir brauchen bis 2050 3,5 Mal so viele Kräfte wie heute.“ Das ist laut Ziselsberger Teil eines allgemeinen Trends: Die geburtenschwachen Jahrgänge kommen ins Erwerbsalter, die -starken in das, in dem sie potenziell gepflegt werden müssen.

Anstehende Pensionierungen

Eine Pensionierungswelle wird die Personalnot weiter verschärfen. „Wir wissen, dass 25 Prozent unseres Personals in den nächsten vier Jahren in Pension gehen“, sagt Hinterholzer. Der Caritas-Chef rechnet damit, dass in den nächsten zehn Jahren nur sieben von zehn Stellen im Land nachbesetzt werden können.

Nicht erfüllbare Kunden-Anfragen

„Der Kunde kann sich nicht mehr aussuchen, ob er drei Mal oder einmal in der Woche versorgt werden will“, sagt Hinterholzer. Als „schmerzhaft“ empfindet das Ziselsberger: „Es ist eine der schwierigsten Situationen, wenn unsere Einsatzleiterinnen Anfragen ablehnen müssen.“

Belastung der Angehörigen

Dass das Pflege-System nicht zusammenbricht, schreiben die Organisationen den Angehörigen zu. 60 Prozent aller Pflegebedürftigen werden von ihren Angehörigen zuhause betreut. 20 Prozent bekommen Hilfe von mobilen Pflegediensten, der Rest teilt sich auf stationäre Einrichtungen und die 24-Stunden-Betreuung auf. „Ohne pflegende Angehörige hätten wir eine noch angespanntere Situation“, sagt Panzenböck. Hier brauche es Unterstützungsmaßnahmen. Der Volkshilfe-Vertreterin schweben Einkaufs- oder Fahrtendienste, die Menschen zum Arzt und retour bringen, vor. Für Hinterholzer bräuchte es bessere sozialrechtliche Absicherung.

Fehlende Interessenten für Ausbildungsplätze

Über 1.800 Ausbildungsplätze stehen in NÖ in der Pflege zur Verfügung. Daran scheitere es nicht. Schwierig sei es, Interessenten dafür zu finden. „Wir haben einen neuen Bildungscampus in Mauer bei Amstetten – nicht einmal für die Hälfte der Plätze gibt es Anmeldungen“, nennt Hinterholzer ein Beispiel. An der Einführung einer Pflegelehre scheiden sich die Geister: Schmoll hält davon „nicht viel“: „Für mich ist die Frage, ob man das in dem Alter psychisch aushält.“ Auch Ziselsberger ist skeptisch.

Verloren gehende Arbeitskräfte

Durch Covid fürchten viele höhere Drop-Out-Raten – also, dass Pfleger ihren Job an den Nagel hängen. „Wer der Pflege einmal den Rücken gekehrt hat, kommt nicht zurück“, weiß Hinterholzer. Ziel sei es daher, den Job attraktiver zu machen. Zudem setzen die Organisationen auf Quereinsteiger: Aus Hinterholzers Sicht sind jene, die in der Mitte ihres Lebens diesen Job ergreifen, jene, die bis zur Pension bleiben.

Schlechtes Image

Als Mitgrund für das schlechte Image des Berufs sehen die Vertreter die mediale Darstellung der Pflege. Es müssten auch die positiven Seiten des Jobs kommuniziert werden. Zuletzt habe sich laut Hinterholzer das Bild der erschöpften Intensivschwester, die in der Ecke kauert, eingeprägt. „Reden wir weniger über die Not als über die Erfolge in der Pflege“, bekräftigt Ziselsberger. Friessenbichler betont, dass man in Zukunft nicht soweit kommen dürfe, und sagen, dass Pflege jeder kann. „Genauso ist es nämlich nicht.“ Das müsse auch gesehen und anerkannt werden.

Mangel an Pflege-Plätzen als Belastung für Spitäler

Die Personalnot in der Pflege bringt laut Schmoll einen „Boomerang-Effekt“, der auch Auswirkungen auf die Spitäler hat: „Wenn jemand keinen Pflegeplatz in einer stationären Einrichtung bekommt und zuhause nicht gepflegt werden kann, ist die Folge, dass die Person immer wieder ins Spital eingeliefert wird.“ Das zeige sich schon jetzt an den Krankentransporten.

Angst vor weiterer Effizienzsteigerung

Wenn eine Pflegerin ausfällt, gibt es zurzeit keinen Ersatz. So beschreibt Hinterholzer die Situation. Das sei bedrückend. Laut Panzenböck brauche es planbare Freizeit. Schmoll betont, dass sich dahingehend die Erwartungen der Menschen geändert haben: „Früher hat man sich gefreut über einen sicheren Job, in dem man viele bezahlte Überstunden machen kann. Das interessiert niemanden mehr. Es zählt heute die Work-Life-Balance.“