Sind Busse ohne Fahrer die Zukunft?. In Berlin sind fahrerlose Busse bereits testweise unterwegs, 2019 auch in Wr. Neustadt. Land NÖ will Korneuburg zur Testregion machen.

Von Daniel Lohninger und Veronika Löwenstein. Erstellt am 25. September 2018 (02:46)
Berliner Verkehrsbetriebe
Zwei der vier Kleinbusse, die seit April auf dem Areal der Charité ohne Fahrer unterwegs sind. In Wr. Neustadt kann man sie im nächsten Jahr in der Innenstadt im Rahmen der Landesausstellung als Shuttle testen. Weiterentwickelt könnten Kleinbusse wie diese in einer Testregion in Korneuburg werden.

Auf dem Areal der Charité in Berlin, einer der größten Universitätskliniken Europas, sind sie bereits Realität: Kleinbusse, die autonom unterwegs sind. Auf zwei Linien – 1,2 Kilometer und 1,5 Kilometer lang – kurven vier Elektro-Busse ohne Chauffeur mit jeweils sechs bis elf Fahrgästen von Haltestelle zu Haltestelle.

Noch fährt eine Begleitperson mit, die mittels Joystick-Steuerung eingreifen könnte – ab Anfang 2019 sollen die Busse aber völlig ohne menschliche Unterstützung fahren. Sie bremsen, wenn ein Hindernis auftaucht, weichen aus, stoppen selbstständig bei den Haltestellen – und lernen permanent dazu. Mittlerweile wissen die Busse beispielsweise, dass sie bei einem herabfallenden Blatt nicht stoppen müssen – bei einem auf die Straße laufenden Kind aber schon.

Was auf der Teststrecke in Berlin bereits Alltag ist, ist bald auch in Niederösterreich zu sehen. Am 24. Oktober wird erstmals ein fahrerloser Kleinbus in Wr. Neustadt unterwegs sein. Bei der Landesausstellung im nächsten Jahr wird er dann als Shuttle in der Innenstadt die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Verkehrslandesrat Ludwig Schleritzko sieht das als ersten Schritt zu einer fahrerlosen Verkehrszukunft. Der nächste soll ein Leitprojekt in einer Testregion sein – das Land NÖ hat sich auf die Region Korneuburg festgelegt.

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Verkehrslandesrat Ludwig Schleritzko (rechts) im Gespräch mit NÖN-Chefredakteur Daniel Lohninger bei der internationalen Verkehrstechnikmesse InnoTrans in Berlin.

„Wir haben hier einen guten Mix aus urbanen und ländlichen Gebieten. Zudem kann die Region auf viel Vorarbeit in Sachen Mobilität aufbauen“, erklärt Schleritzko. Autonomes Fahren ist eines der großen Zukunftsthemen der NÖ-Verkehrsstrategie. Es soll Grundlage für den weiteren Öffi-Ausbau sein, vor allem auf dem Land. „Als Zubringer zu Bahnhöfen könnten fahrerlose Kleinbusse im weniger dicht besiedelten Raum die Öffi-Nutzung attraktiver machen“, betont Landesverkehrsplaner Werner Pracherstorfer.

In der Praxis könnte das so aussehen: Ein Pendler in Haunoldstein gibt in sein Handy ein, dass er um 6.32 Uhr am St. Pöltner Hauptbahnhof sein muss, wo der Railjet nach Wien wegfährt. Die Anfrage geht direkt an den Bus, der zur gewünschten Zeit vor dem Haus steht, und den Pendler – gemeinsam mit anderen Fahrgästen – zum Zug bringt.

Technische, juristische und  psychologische Hürden

Bevor das möglich ist, müssen aber viele Hausaufgaben gelöst werden. Technisch ist das vor allem die Steigerung der Zuverlässigkeit fahrerloser Fahrzeuge bei gleichzeitiger Geschwindigkeitssteigerung. 40 km/h könnten die Charité-Busse fahren, aus Sicherheitsgründen sind es aber nur 12 km/h.

Ungeklärt sind zudem viele juristische Fragen. Dazu kommt die psychologische Komponente: Wie sicher fühlen sich Menschen, wenn kein Mensch mehr am Steuer sitzt? In der Charité wird das Testprojekt deshalb vom Institut für Medizinische Soziologie begleitet. Das untersucht, wie sich die Nutzung von selbstfahrenden Bussen auf die Akzeptanz automatisierten Fahrens auswirkt.

In Österreich ist das Institut für Verkehrswesen an der BOKU Wien, das vom Land NÖ mit 300.000 Euro unterstützt wird, der Vorreiter. Es könnte auch eine Testregion Korneuburg wissenschaftlich begleiten. Zuerst muss aber ein Antrag bei der Nationalen Kontaktstelle Automatisierte Mobilität gestellt werden. Im Verkehrsministerium betont man, dass für die Zulassung als Testregion die Verkehrssicherheit des eingereichten Projektes die oberste Priorität habe.