NÖ-Gesundheitssystem droht zu kippen. Aufgrund der vielen Covid-19-Patienten in NÖ-Kliniken ist das medizinische Personal "am Limit" seiner Kräfte. Ärzte, Pflegekräfte und Politik appellieren daher an die Bevölkerung um Solidarität und "Einhaltung der Corona-Maßnahmen". Ein Kollaps des NÖ-Gesundheitssystems würde sich auf alle Menschen, die dringend medizinische Hilfe benötigen, fatal auswirken.

Von Norbert Oberndorfer und APA . Erstellt am 18. November 2020 (15:08)
NLK Burchart

Die Lage ist ernst in den NÖ-Kliniken. Die Zahl der Intensivpatienten ist seit letzter Woche am Universitätsklinikum St. Pölten um 30 Prozent gestiegen. Und die geschaffenen Covid-Abteilungen haben sich "rasant" gefüllt. Auch die hohe Zahl der Patienten in kritischem Zustand auf Normalstation sei "bedenklich", sagt Martin Ursli, Oberarzt am UK St. Pölten, "das stellt das Personal vor unglaublichen Voraussetzungen."

"Wir kommen an eine Grenze - nicht was die Betten anbelangt - das sind Möbelstücke -  sondern was die Mitarbeiter angeht", sagt Landeshauptfrau-Stv. Stephan Pernkopf (ÖVP) in einem Videostatement. Pernkopf und das medizinische Personal der NÖ-Kliniken appellieren unisono an die Eigenverantwortung der Bevölkerung und bitten um Einhaltung der Corona-Maßnahmen, der Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen. 

Pernkopf: "Die Vernünftigen vor den Unvernünftigen schützen"

"Es geht nicht nur um Covid-Patienten. Es kann jede und jeder eine Intensivstation benötigen: Bei einem Schlaganfall, Herzinfarkt oder bei einer OP, die einen Intensivaufenthalt erfordert", gibt Pernkopf zu Bedenken. "Wir müssen darauf schauen, dass alle Menschen, die Hilfe brauchen, auch welche bekommen. Wir müssen jetzt die Vernünftigen vor den Unvernünftigen schützen."

Pernkopf zeigt kein Verständnis, wenn Covid-19 mit anderen Krankheiten verglichen wird. "Ich habe noch nicht erlebt, dass wegen einer Grippe Operationen verschoben werden müssen und dass Intensivstationen überfüllt waren, wie es in anderen Ländern in Europa der Fall ist", so Pernkopf.

Vorsprung aus Sommer "leichtfertig verspielt"

"Leider haben wir den Vorsprung aus dem Sommer leichtfertig verspielt", sagt Erwin Schwaighofer, medizinischer Leiter am Klinikum Scheibbs. "Bei der ersten Welle konnten wir bei 45 Covid-19-Fällen auf andere Krankenhäuser hochschalten. Diese Zeit ist längst vorbei." Alle Kliniken seien ausgelastet. "Die Leute wissen nicht, wie wir zu kämpfen haben", betont  Schwaighofer, "Das Virus wird durch soziale Kontakte und Dummheit übertragen und bringt uns an den Rand", hält er fest und ruft dazu auf, Hochrisikosportarten zu meiden: "Wir brauchen jedes Bett!"

Bis Anfang September war die Gesamtsituation bei 140 Covid-19-Fällen im Bezirk Scheibbs. In den letzten zwei bis drei Wochen sei die  Zahl auf über 1.000 gestiegen - fast eine Verzehnfachung. Durch Betreiben der Covid-Station müssen in Scheibbs alle anderen Bereiche - besonders die Elektiv-Ops - auf Null gesetzt werden.

Kopfschmerzen und Müdigkeit am Dienstende sind vorprogrammiert

Sowohl Patienten als auch Personal seien großen physischen und psychischen Belastungen ausgesetzt. Die Mitarbeiter tragen doppelte Schutzkleidung, unter der man viel schwitze. "Man kann nur zu bestimmten Pausen trinken, das macht müde", erklärt Köck. Weiters habe man bis zu vier Stunden lang FFP3-Masken auf, berichtete der diplomierte Gesundheits- und Krankenpfleger (DGKP) Georg Potzmader am Universitätsklinikum St. Pölten. "Kopfschmerzen und Müdigkeit am Dienstende sind vorprogrammiert", sagt er.

Die Erkrankten hätten nur die Spitalsmitarbeiter als Ansprechpartner, so Potzmader. "Für uns ist es schlimm, Patienten nicht so begleiten zu können, wie gewohnt", sagte Köck. Aufgrund der Isolationsbestimmungen dürften die Pflegekräfte die Hospitalisierten nicht auf gewohnte Art betreuen. "Am Bettrand zu sitzen ist für die Patienten wie ein zehn Kilometer-Lauf", erklärt Potzmader. "Corona-Leugner und das Herunterspielen der Krankheit sind ein riesiges Problem und unfair gegenüber Patienten und Mitarbeitern", unterstreicht er.

Links