Gedenkfest für Hermann Nitsch in Mistelbach

Aktualisiert am 17. Juni 2022 | 09:30
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Mit einem Gedenkfest in Mistelbach wurde am Donnerstag des am 18. April im 84. Lebensjahr verstorbenen Künstlers Hermann Nitsch gedacht und sein Schaffen gewürdigt.
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Derzeit ist im nitsch museum die Ausstellung "Bayreuth Walküre" zu sehen (bis 4. September). Trotz der festlichen Atmosphäre im Sinne Nitschs wurde spürbar: Ohne ihn ist das Haus verwaist.

In seinem Spätwerk habe Nitsch "das Blumenlicht eingefangen", so Michael Karrer, künstlerischer Direktor des Museums, in seiner Begrüßung. Klaus Albrecht Schröder, Generaldirektor der Wiener Albertina, wies in seiner Laudatio auf das Orgien-Mysterien-Theater als Grundlage und Kulminationspunkt der Nitsch'schen Kunst hin und betonte dessen therapeutischen Anspruch. Dies relativierte die Künstlerwitwe Rita Nitsch später: Nitsch habe die Aktionen nicht unbedingt als Therapie gesehen, doch daran geglaubt, dass Kunst die Menschen besser machen könne.

Danielle Spera, Nitsch-Biografin und Direktorin des Jüdischen Museums Wien, skizzierte den Lebenslauf von Nitsch und bezeichnete den Künstler als den "ehrlichsten Mensch, den ich kenne", von "tiefstem Humanismus geprägt", voll Humor und Lebensfreude. Dem schloss sich Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) an: Sie habe Nitsch 2002 im Essl Museum in Klosterneuburg als sympathischen, spirituellen, weltoffenen wie geerdeten Mann kennengelernt. Auf seine Verbundenheit mit Niederösterreich sei sie stolz, er sei "Weltbürger und Weinviertler zugleich" gewesen, meinte Mikl-Leitner. Für die musikalische Umrahmung sorgte das Orchester der Klangvereinigung Wien mit dem dritten Satz aus der "Symphony for Moscow" von Nitsch und der siebenten Symphonie von Ludwig van Beethoven, deren letzten Satz sich Nitsch zu seiner Beerdigung gewünscht hatte.

Vor der abschließenden Prozession am Dionysosweg, begleitet von der tschechischen Blaskapelle Venkovanka, trafen der Kunsthistoriker Lorand Hegyi, die Künstler Peter Kubelka und Elisabeth von Samsonow sowie Rita Nitsch ("Ich habe 37 Jahre lang probiert, dass er alles machen kann, was er will") in einer Gesprächsrunde aufeinander. Während sich Samsonow mit dem Opfermotiv im Werk von Nitsch beschäftigte, konnte Kubelka damit "überhaupt nichts anfangen". Vielmehr seien seit jeher die Fragen "Wer bin ich? Wo bin ich? Was ist los?" im Zentrum gestanden, weniger hingegen soziales oder politisches Engagement. Und merkte leise Kritik an: Nitsch sei "zu einer Art Devotionalie geworden". Hegyi wiederum rückte das Erlebnishafte im Werk in den Mittelpunkt.

Mit wessen Ansichten sie sich am ehesten identifiziere, wollte Moderator Michael Fleischhacker von Rita Nitsch wissen. "Alle haben recht", antwortete diese diplomatisch, es zeige sich eben der Facettenreichtum des Werks. Nitsch jedenfalls habe sich als Teil eines großen Ganzen gesehen, und "er hat die Natur nicht stören wollen".

Das legendäre Sechs-Tage-Spiel soll am 30. und 31. Juli in einer zweitägigen Fassung im Atelier Hermann Nitsch in Prinzendorf durchgeführt werden. Am 27. Juli wird im nitsch museum Mistelbach zu einer Podiumsdiskussion über die Entstehung eines Sechs-Tage-Spiels geladen.