Jagen beliebt wie nie zuvor. 35.404 Landsleute haben eine Jagdkarte, um 2.300 mehr als 2007. Jagdverband sieht Trend zur Natur als Hauptgrund.

Von Daniel Lohninger. Erstellt am 21. August 2018 (03:13)
APA (dpa/Archiv)
Symbolbild

„Wildbret ist das natürlichste und beste Nahrungsmittel, das es gibt.“ Davon ist Sylvia Scherhaufer, die seit Anfang des Jahres amtierende Generalsekretärin des NÖ Landesjagdverbandes ist, überzeugt. Die heimischen Wälder seien natürliche Lebensräume, in denen sich das Wild frei und ausgiebig bewegen könne, natürliche Nahrung zu sich nehme und fachgerecht geschossen werde.

Grasberger
Jagdverbandschefin Sylvia Scherhaufer hält trotz der Rekordzahl an Jagdkartenbesitzern Ausschau nach neuen Jägern.

Die steigende Beliebtheit von Wildbret auf den Speisekarten der heimischen Gastronomie, aber vor allem auch die Suche nach Ruhe und Ausgleich in der Natur sieht Scherhaufer als Hauptgründe dafür, dass das Weidwerk in Niederösterreich eine Renaissance erlebt. Insgesamt 35.404 Mitglieder zählt der NÖ Landesjagdverband derzeit – so viele wie noch nie. Ob man Mitglied im Verband ist oder nicht, kann man sich nicht aussuchen: Niederösterreicher, die eine Jagdkarte haben, sind automatisch beim NÖ Landesjagdverband.

„Die Jäger tun freiwillig und kostenlos viel dafür, dass Rebhühner überleben können.“ Sylvia Scherhaufer, Geschäftsführerin des Landesjagdverbandes

Aufbauend auf dem Mitglieder-Plus definiert Scherhaufer nach den ersten Monaten an der operativen Spitze des Landesjagdverbandes die Herausforderungen für die Jägerschaft so:

Neuer Standort in NÖ

Die 37-Jährige aus Prinzersdorf (Bezirk St. Pölten-Land) will mit dem Landesjagdverband und seinen insgesamt 25 Mitarbeitern von Wien-Josefstadt nach Niederösterreich übersiedeln. Einen entsprechenden Präsidiumsbeschluss gibt es bereits. „Wir wollen näher bei unseren Mitgliedern sein und einen intensiveren Kontakt mit ihnen haben“, erklärt Scherhaufer. Die wahrscheinlichsten Varianten sind ein Wechsel in die Landeshauptstadt St. Pölten oder zum Bahnhof Tullnerfeld. Eine Entscheidung soll bereits im September fallen, die Übersiedlung ist 2020 oder 2021 geplant.

Image-Korrektur

2019 feiert der NÖ Landesjagdverband sein 70-Jahr-Jubiläum mit einem Festtag im St. Pöltner Landhaus. Das will Scherhaufer auch zum Anlass nehmen, um eine Image-Kampagne für die Jägerschaft zu starten: „„Die Botschaft ist, dass wir Jäger beim Naturschutz kompetent sind und diesen auch aktiv betreiben.“ Denn die Weidmänner und Weidfrauen seien es, die im Zusammenwirken mit den Landwirten und Grundbesitzern Biodiversität und Artenvielfalt ermöglichen: „Ein Jäger würde nie eine Tierart, die er bejagt, ausrotten.“ Stattdessen seien Jäger bemüht, den Wildbestand nachhaltig zu entwickeln. Dass just die Gatterjagd-Diskussion manchen Weidmann in ein schiefes Licht rückte, bestreitet Scherhaufer nicht. Allerdings: „Viele Menschen haben falsche Vorstellungen davon, was ein sogenanntes Gatter ist. Das sind umzäunte Eigenjagden, die manchmal 1.000 Hektar und mehr groß sind.“

Neuverpachtungen

Bis Ende 2019 werden die 1.921 Genossenschaftsjagden neu verpachtet. Über die Vergabe entscheidet jeweils ein 2015 gewählter Jagdausschuss. „Ich gehe davon aus, dass diese Neuvergaben großteils reibungslos über die Bühne gehen werden, viele Jagdpächter wurden ja bereits verlängert“, betont Scherhaufer.

Niederwild-Schwund stoppen

Das größte Problem für die Jägerschaft in Niederösterreich ist das dramatische Sinken des Niederwild-Bestandes. Fasan, Hase und Rebhuhn sind aber nicht durch Jäger bedroht, sondern in erster Linie durch den Verlust an Lebensraum infolge der zunehmenden Bodenversiegelung. Dazu kommt, dass dem Niederwild durch frühere Ernten die lebensrettenden Schatten in den Feldern fehlen – und das in heißer werdenden Sommern. „Vor allem beim Rebhuhn ist es 5 vor 12“, weiß Scherhaufer. Gebe es die Jäger nicht, wäre das Rebhuhn bereits ausgestorben: „Die Jäger tun freiwillig und kostenlos viel dafür, dass sie überleben können.“ Beispielsweise setzen sie in Abstimmung mit Landwirten und Grundbesitzern im Rahmen der Wild-Ökoland-Aktion zusätzliche Hecken zwischen den Feldern, die dann auch von Jägern gepflegt werden.

NÖ Landesjagdverband, Foto: Tom Reichner/Shutterstock.com; NÖN-Grafik: Bischof

Die Rückkehr des Wolfes

Wer erwartet, dass die Jäger in das Geheul gegen den Wolf einfallen, den muss Scherhaufer enttäuschen: „Ich verstehe jeden Jagdpächter, der Sorgen hat. Aber der Wolf ist hauptsächlich ein Thema der Landwirtschaft.“ Generell fordert der Landesjagdverband ein Wolf-Management, um die Bestände zu kontrollieren und korrigierend einzugreifen. Auf emotionaler Ebene habe die Rückkehr des Wolfes aber natürlich Auswirkungen: „Seit Jahrhunderten sind wir gewohnt, dass wir durch raubtierfreie Wälder gehen. Es ist dann natürlich ein Unterschied, wenn man durch einen Wald geht, in dem man mit Wölfen rechnen muss.“

Jünger und weiblicher

Etwa 20 Prozent der Jäger sind Frauen, der Anteil der Jungen an der gesamten Weidmannschaft steigt rasant. Allerdings: In den Führungspositionen sind Frauen und Junge beim Landesjagdverband immer noch die Ausnahme. Scherhaufer will hier eine Trendwende einleiten, ohne auf das Know-how der altbewährten Kräfte verzichten zu müssen. Gelingen soll das nicht zuletzt durch den Wechsel der Zentrale nach Niederösterreich.