Helga Krismer: „Politik von Pröll geht ab“. Grünen-Chefin Helga Krismer sieht ihren Platz weiter in St. Pölten, ortet eine gute Stimmungslage für grüne Politik und vermisst das Christlich-Soziale bei der ÖVP.

Von Daniel Lohninger und Walter Fahrnberger. Erstellt am 30. Juli 2019 (02:22)
Erich Marschik
Helga Krismer im Gespräch mit den NÖN-Chefredakteuren Walter Fahrnberger (links) und Daniel Lohninger.

NÖN: Sie sind gerade erst mit dem Rad die Glockner-Hochalpenstraße hinauf gefahren. Wandeln Sie auf Erwin Prölls Spuren?

Helga Krismer: Früher ist halt die Regierung auf den Glockner gefahren, jetzt macht das die Opposition.

In welcher Zeit haben Sie es geschafft?

Krismer: In zwei Stunden und neun Minuten.

Sie sind also fit für den Wahlkampf. Wie erleichtert sind Sie, dass die Neuwahlen schon jetzt und nicht 2022 sind – und damit die Chance hoch ist, dass die Grünen schneller als erwartet ihr Comeback im Nationalrat geben?

Krismer: Es war ein Schock, dass wir 2017 aus dem Nationalrat geflogen sind. Wir haben es dann geschafft, unter schwierigsten Bedingungen wieder in den Landtag zu kommen. Jetzt der Erfolg bei der EU-Wahl und die für Grüne generell gute Stimmung – das Licht-und-Schattenspiel, das die Grünen und mich seit 2017 begleitet, ist so intensiv, dass man glaubt, man steht in der Disco.

Werner Kogler war Spitzenkandidat für die EU-Wahl, jetzt ist er es für die Nationalratswahl. Bei einer anderen Partei würden Sie von Wählertäuschung sprechen.

Krismer: Bei einem Mitbewerber, der in einer prekären Situation wie wir Grüne es sind, hätte ich das nicht gemacht. Wir sind in Wochen der Reflexion und im Austausch mit den Wählerinnen und Wählern zum Schluss gekommen, dass es darum geht, Zukunft gemeinsam zu gestalten – und dass es bei der EU-Wahl nicht nur um Werner Kogler ging, sondern um unsere Themen wie die Klimakrise ging. Und um diese Themen geht es auch bei der Nationalratswahl.

Wäre Werner Kogler nach Brüssel gegangen, wären Sie als Nachfolgerin im Gespräch. Wie enttäuscht oder froh sind Sie, dass daraus nichts geworden ist?

Krismer: Wir in Niederösterreich waren nach 2017 in einer schlimmen Situation, hatten die erste Landtagswahl nach der Niederlage zu schlagen und waren die, die erst von der vierten Bank einen Kredit bekommen haben. Ich habe nach wie vor selbst die Bürgschaft für diesen 200.000-Euro-Kredit, weil die Bank dem Businessplan in einem Bundesland, in dem es nie Umbrüche gab, nicht getraut hat. Aber es ist uns gelungen, uns zu behaupten. Es ist also klar, dass man als Sprecherin dieser Landespartei bei Überlegungen auch eine Rolle spielt. Aber wir sind Opposition in Niederösterreich – ohne Rechte im Landtag, ohne finanzielle Ausstattung im Club und mit zwei relativ neuen Abgeordneten. Ein Wechsel von mir in die Bundespolitik hätte Turbulenzen verursacht – und das im Bundesland mit den meisten Wahlberechtigten. Wir waren uns im Vorstand also einig: Mein Platz ist in St. Pölten.

Die Klimakrise wird eines der großen Themen im Wahlkampf werden. Gut für die Grünen, oder?

Krismer: Jeder spürt die Klimakrise. Also ja, ich bin überzeugt, dass sie ein entscheidendes Thema wird. Und wir Grünen sind die Glaubwürdigsten, weil wir seit Jahrzehnten darauf hinweisen, dass sich Grundlegendes ändern muss. In der NÖ-Landesregierung ist diese Erkenntnis leider noch nicht angekommen. Wer heute eine Waldviertelautobahn oder eine dritte Piste baut und in energieintensive Wirtschaftsformen hineingeht, hat nicht verstanden, wie man Niederösterreich weiterbringt. Leider ist auch vergessen, dass viele der Grauslichkeiten der türkis-blauen Bundesregierung „Made in Niederösterreich“ waren – ich habe nie gedacht, dass mir die christlich-sozial geprägte Politik von Erwin Pröll abgehen wird. Die Politik von Johanna Mikl-Leitner und Klaus Schneeberger ist einfach alte Politik mit alten Mechanismen.

Wie stark sind die Grünen für die Gemeinderatswahlen im nächsten Jahr aufgestellt?

Krismer: Wir haben in den Ortsgruppen, den Stützen unserer Landespolitik, enormen Zulauf. Die Krise hat uns zusammengeschweißt und alle freuen sich darauf, sich bei den Gemeinderatswahlen beweisen zu können.

In der nächsten Ausgabe Udo Landbauer (FPÖ) und Franz Schnabl (SPÖ)