5 Jahre Fluchtbewegung: "Geschichte nicht umschreiben"

Erstellt am 04. September 2020 | 15:23
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Traiskirchens Bürgermeister Andreas Babler, Delshad Bazari und Fanny Dellinger vor dem Erstaufnahmezentrum in Traiskirchen.
Foto: Stadtgemeinde Traiskirchen
Mit einer großen Aktion machte Traiskirchens Bürgermeister Andreas Babler, SPÖ, gestern Donnerstag vor der Erstaufnahmestelle Traiskirchen auf die Situation von 2015 aufmerksam.
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Der Stadtchef hielt fest: "Weil es unerträglich ist, wie in den aktuellen Rückblicken gerade auf diese vielen helfenden Hände vergessen wird, wurden sie heute vor den Vorhang geholt und demonstrieren, dass heute wie damals Solidarität und Menschlichkeit siegt. Es ist kein ‚guter‘ Jahrestag, wenn wir uns jetzt an die Ereignisse von 2015 zurückerinnern. Dieser Sommer hat tiefe Spuren im Selbstverständnis Österreichs hinterlassen.“

Er bezeichnet die Zustände im Erstaufnahmezentrum von damals als „eine Schande der Republik“.

„Menschen wurde bewusst Schaden zugefügt, sie wurden absichtlich im Dreck vor dem Lager liegen gelassen, die Obdachlosigkeit war produziert. Gemeinsam mit der Bevölkerung, den vielen Freiwilligen aus der Stadt und aus der Region, den Religions- und Rettungsorganisationen vor Ort, haben wir die vielen Gestrandeten Tag und Nacht versorgt. Eine Schande für einen wohlhabenden Staat wie Österreich. Die fehlende ärztliche Versorgung und das völlige Versagen der Österreichischen Bundesregierung - nirgends wurde das deutlicher als in der Situation des Flüchtlingslagers Traiskirchen. Über Monate hinweg wurden von den Verantwortlichen bewusst Zustände produziert, die unerträglich waren“, sagt Babler.

Und weiter: „Wir lassen uns in Traiskirchen die Geschichte nicht umschreiben. Dass die Ereignisse vor fünf Jahren bewältigt werden konnten, war ausschließlich der Verdienst der Zivilgesellschaft. Es ist traurig, dass selbst nach fünf Jahren niemand von den offiziellen Politikern aufsteht und diesen dankt. Die freiwilligen Helfer haben nach wie vor keine Lobby.“

Was jedoch bemerkenswert gewesen war, war die Welle spontaner Hilfsbereitschaft, die durch das Land ging. Viele Initiativen gründeten sich, wie connect Traiskirchen oder der Garten der Begegnung. Andreas Babler und seine Frau, Gemeinderätin Karin Blum, gründeten in ihrem eigenen Heim ein Café für Frauen mit ihren Kindern.

"Wenn du selber gerade Vater geworden bist und du siehts durch den Zaun, wie Babys im Dreck liegen oder Frauen  im Park ihre Kinder zur Welt bringen müssen, dann macht das etwas mit dir und du kannst deine Augen nicht vor diesen Zuständen verschließen", sagt Babler.  

Mit Babler waren auch Fanny Dellinger und Delshad Bazari bei der Aktion mit dabei. "Ich wollte etwas tun und bin deshalb nach Traiskirchen gefahren", erzählt die ehemalige Studentin Dellinger, die heute als ausgebildete Ökonomin an der Universität Innsbruck zum Thema Migration und Flucht forscht.

Sie begann, Deutschkurse im Park vor dem Erstaufnahmezentrum, später im Stadtpark, zu organisieren, "damit sich die Menschen wenigstens ausdrücken und Hallo sagen können".

Was sie nie für möglich gehalten hat: "Die Leute sind gekommen, sie wollten unbedingt Deutsch lernen. Wie das alles funktioniert hat, ist im heutigen Rückblick schon erstaunlich. Und Dellinger bemerkte auch, was das Wichtigste war, dass sie den Geflohenen schenken konnte. "Zeit", sagt Dellinger, "Zeit, sich zu ihnen zu setzen und ihre Geschichte anzuhören."

Wer die Möbel der Freiluftklasse Traiskirchen im Schulgarten bewundert, der sollte wissen, dass diese von Delshad Bazari getischlert wurden. Bazari kam im Herbst 2014 mit seiner Familie als Geflüchteter von Syrien nach Traiskirchen.  2015 war er selbst als Helfer aktiv, als Übersetzer auf den Hauptbahnhöfen und hat bis heute eine Menge von zivilgesellschaftlichen Initiativen mitgestaltet.

Die Integration ist gelungen: „Ich bin sehr dankbar, dass meine Familie und ich so gut in Österreich aufgenommen und von so vielen Menschen unterstützt wurden. Heute stehe ich als Unternehmer auf eigenen Beinen und freue mich, wenn ich die Solidarität und Hilfsbereitschaft, die ich erfahren habe, an andere weitergeben kann. Das ist ein schönes Gefühl.“