In den Magen statt den Mistkübel. Die Regierung will Supermärkten das Wegwerfen von Lebensmitteln verbieten. Einige Initiativen gibt es schon.

Von Lisa Röhrer. Erstellt am 13. Januar 2021 (05:18)

143 vollbeladene Sattelschlepper an Lebensmitteln werden statistisch gesehen jeden Tag in Österreich weggeworfen. Alleine in Niederösterreich sind es 166 Tonnen. Die Bundesregierung hat sich vorgenommen, den Lebensmittelabfall um 20 Prozent zu senken. Für einen ersten Schritt wurden nun die Weichen gestellt: Supermärkten soll verboten werden, noch genießbare Lebensmittel wegzuwerfen.

Im Nationalrat wurde ein Entschließungsantrag beschlossen, der von der Umweltministerin einen Aktionsplan gegen Lebensmittelverschwendung verlangt. Mittlerweile haben die ersten Gespräche mit Stakeholdern stattgefunden. Geklärt werden soll, wie nicht mehr verkäufliche Lebensmittel verwertet werden können. Denkbar ist der günstigere Weiterverkauf, die Weitergabe an karitative Organisationen, die Verarbeitung zu Tierfutter oder das Recyceln zu Dünger. Vieles davon wird jetzt schon gemacht. Die Frage, wann das Verbot tatsächlich kommen soll, bleibt aber noch unbeantwortet.

In der NÖ-Politik wird das Vorhaben positiv aufgenommen. Aus dem Büro von ÖVP-Umwelt-Landesrat Stephan Pernkopf heißt es etwa, dass alle Ideen, die zu weniger Lebensmittel im Müll führen, wert seien, überlegt zu werden. SPÖ-Landesparteichef Franz Schnabl sieht das französische Lebensmittelschutzgesetz als Vorbild: „Mit der Verpflichtung, Ware an karitative Organisationen abzugeben, hat sich auch ein neuer Wirtschaftszweig entwickelt.“

Supermärkte kritisieren Überbürokratisierung

Die Supermarkt-Ketten sind hingegen weniger begeistert. „Wir halten die Pläne, dies gesetzlich zu verankern, für ein Beispiel einer totalen Überbürokratisierung“, sagt Spar-Sprecherin Nicole Berkmann. Tatsache sei, dass die Geschäfte schon jetzt alles dafür tun, um so wenig wie möglich wegzuwerfen. Bei dem in Wiener Neudorf ansässigen REWE-Konzern betont man, dass man an der Optimierung der Bestell- und Verkaufsmengen arbeite. Grünen-Landessprecherin Helga Krismer meint hingegen: „Wenn das Verbot kommt, reagiert der Markt. Ich bin überzeugt, dass noch Verzehrbares im Magen statt im Mist landet.“

Eine Reihe an Initiativen gibt es in NÖ auch schon ohne Verbot. So werden in den elf „Soo gut“-Märkten etwa die Restposten des Lebensmittelhandels und kurz vor dem Ablauf befindliche Ware an Leute mit niedrigerem Einkommen verkauft. „Alleine da reden wir von rund 2.000 Tonnen jährlich“, betont Pernkopf. Andere Beispiele sind die App „Too good to go“, bei der jeder nicht mehr Verkäufliches günstig erwerben kann, oder Bäckereien, die vor Ladenschluss eine „Happy Hour“ machen. In der Landeshauptstadt hat sich eine kleine Foodsharing-Community gebildet. Öffentlich zugängliche Kühlschränke werden mit den „Resten“ der Märkte befüllt. Auf Facebook finden sich auch Spuren zu einer, wenn auch überschaubaren, niederösterreichischen Dumpster- (also Mülltaucher) Community .

Einem Bericht des Ministeriums zufolge hat sich der Anteil der Lebensmittel, die verwertet werden, bereits erhöht. Trotzdem liegt die Quote bei nur 20 Prozent. Laut Ministerium auch, weil soziale Einrichtungen mit ihrer Infrastruktur nicht mehr Kapazitäten haben.

Der meiste Abfall kommt aus den Haushalten

Alleine Schuld sind die Supermärkte an den Müll-Bergen aber nicht. Das geht aus der Statistik ebenfalls klar hervor. Im Gegenteil. Der Anteil des Handels bei den Abfällen liegt laut einer Greenpeace-Studie bei nur fünf Prozent. Der Löwenanteil mit fast der Hälfte entfällt auf die Haushalte. Die NEOS meinen daher, dass man auch bei den Privatpersonen sowie in der Landwirtschaft ansetzen müsse, um Abfälle zu reduzieren.