Was steckt hinter der Strategie?. Landwirte-Kritik an Entwurf. Umweltministerium versucht, zu beruhigen.

Von Daniel Lohninger und Nadja Straubinger. Erstellt am 07. Oktober 2020 (05:12)
Die Biodiversitäts-Strategie soll helfen dem Klimawandel entgegenzuwirken. Sie sieht auch vor, dass zehn Prozent der landwirtschaftlichen Flächen nicht mehr genutzt werden, damit sich die Artenvielfalt wieder entwickeln kann. Kritik gibt es dafür von der Landwirtschaftskammer.
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Unter Federführung von Umweltministerin Leonore Gewessler erarbeitet Österreich eine neue Biodiversitäts-Strategie. Sie soll helfen, dem Klimawandel entgegenzuwirken und die Böden zu schützen. „Vielfalt geht uns alle an. Umweltschutz ist Artenschutz, die Artenvielfalt stellt unsere Lebensversicherung dar“, erklärt Gewessler.

In der Vorwoche endete die Begutachtungsphase für das Strategie-Papier – und brachte Gewessler geharnischte Kritik von Land- und Forstwirten ein. „Zurück an den Start“, forderte Felix Montecuccoli, der Präsident der Land- & Forst-Betriebe Österreichs. Die Landwirtschaftskammer wiederum kritisiert, dass das Papier „den vorangegangenen Beratungen in keiner Weise entspricht.“

Doch was sind die Knackpunkte zwischen Ökologen, Land- und Forstwirten sowie dem Umweltministerium:

Neuer Biodiversitätsfonds statt Strafzahlungen

Österreich hat sich vertraglich verpflichtet, die Treibhausgasemissionen gegenüber 2005 bis 2030 um 36 Prozent zu reduzieren. Gelingt das nicht, muss Österreich jedes Jahr bis zu 6,6 Milliarden Euro an Strafe oder CO 2 -Zertifikate zahlen. Die Strategie soll helfen, die Klimaziele zu erreichen. Dabei helfen soll ein Biodiversitätsfonds, der mit einer Milliarde Euro dotiert ist.

Damit gefördert werden sollen Biodiversitäts-Maßnahmen, die in den Sektoren außerhalb des Wirkungsbereichs der gemeinsamen Agrarpolitik fallen. „Der Schutz der Biodiversität muss sich lohnen“, so Ökologe Franz Essl vom Biodiversitätsrat, einem interdisziplinären Netzwerk.

Extensivierung der Landwirtschaft

Die Strategie sieht vor, dass die Produktion pro Fläche verringert wird und das volle Ertragspotenzial des Bodens nicht ausgeschöpft wird, beispielsweise durch eine spätere Mahd oder das Stehenlassen von Grünstreifen. Montecuccoli gehen diese Pläne zu weit: „Diese geplanten Vorgaben und Einschnitte gefährden die Selbstversorgung mit heimischen Lebensmitteln und öffnen gleichzeitig Tür und Tor für Importe aus Ländern, wo deutlich schlechtere Rahmenbedingungen für eine nachhaltige Wirtschaftsweise bestehen.“

Landwirtschaftskammer-Präsident Johannes Schmuckenschlager kritisiert, dass im Papier vor allem von der Landwirtschaft weitreichende Biodiversitäts-Maßnahmen eingefordert werden: Lebensraumzerschneidung durch Infrastrukturprojekte, Bodenversiegelung und „englische Rasen“ vor Einfamilienhäusern seien aber Themen, die andere Player einbeziehen müssten.

Zehn Prozent der Wälder sollen nicht mehr wirtschaftlich genutzt werden

Geht dieser Vorschlag so durch, fürchtet Montecuccoli, dass die Strategie das Gegenteil dessen erreiche, was sie eigentlich erreichen soll: Die vorgeschlagene Reduktion des jährlichen Holz-Einschlages erschwere nämlich den Umstieg auf heimische, erneuerbare Energieträger. „Der richtige Weg lautet: Holz nützen, Klima schützen.“ Seitens des Ministeriums sieht man hier kein Problem: „15 Prozent des Waldes sind aktuell nicht bewirtschaftet.“

Zehn Prozent der landwirtschaftlich genutzten Flächen sollen nicht mehr genutzt werden

30 Prozent der Fläche Österreichs sollen generell geschützt werden, zehn Prozent der landwirtschaftlichen Flächen nicht mehr genutzt. Das sind die in der Strategie festgeschriebenen Pläne. Statt landwirtschaftlicher Flächen sollen Brachflächen, Hecken, Teiche und Bäume für mehr Biodiversität sorgen. „Auf dieser Basis wollen wir aufbauen und Klimaschutz und Artenvielfalt gemeinsam voranbringen“, betont Gewessler.

Einen Angriff auf bestehende Arbeitsplätze und die Versorgungssicherheit mit regionalen Lebensmitteln ortet hingegen Schmuckenschlager. Die Kammer betont, dass Landwirte bereits jetzt einen erheblichen Beitrag zur Erhaltung der Artenvielfalt leisten – mit einem 25-Prozent-Anteil von Bioflächen sowie dem Agrarumweltprogramm, an dem 84 Prozent der Landwirte teilnehmen.

Der Ökologe Essl sieht hingegen keine Alternative zum Umdenken der Landwirte – nicht zuletzt als Reaktion auf das „Bauernsterben“. Er schränkt aber ein: „Natürlich muss sich naturbewahrende Land- und Forstwirtschaft lohnen, mehr als bisher.“