Bauern liefern vereinbarte 38.000 Hektar Rübenfläche. LH-Stv. Pernkopf (ÖVP): "Nötige Fläche ist da, NÖ-Bauern liefern den Löwenanteil." Der Schließungsbeschluss für die Agrana-Zuckerfabrik Leopoldsdorf bleibt aber weiterhin aufrecht. Über die Zukunft der Fabrik wird der Agrana-Aufsichtsrat Ende November entscheiden.

Von Norbert Oberndorfer. Erstellt am 10. November 2020 (14:45)
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Die Rettung der Agrana-Zuckerfabrik in Leopoldsdorf (Bezirk Gänserndorf) rückt ein Stück weit näher. Die österreichischen Rübenbauern verkündeten heute mit Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) und Agrarvertretern, dass die am "Rübengipfel" vereinbarte Rübenanbaufläche von 38.000 Hektar zustande gekommen ist.

Über die endgültige Rettung und Zukunft der Zuckerfabrik wird der Agrana-Aufsichtsrat in einer Sitzung am 27. November entscheiden. Denn der Schließungsbeschluss der Agrana vom 25. August für den Standort Leopoldsdorf ist weiterhin gültig. "Unsere Bauern und Bäuerinnen haben Ihren Teil am Pakt geleistet", sagt Landwirtschaftsministerin Köstinger. Es wurden über 38.000 Hektar Rübenanbaufläche insgesamt gezeichnet. "Der Fortbestand der Fabrik ist damit garantiert", so die Ministerin.

Pernkopf: "Alles andere als ein Spaziergang"

"Es war die erste Nagelprobe in Coronazeiten: Der Zusammenhalt hat funktioniert - zumindest in zwei Bundesländern", sagt Landeshauptfrau-Stv. Stephan Pernkopf (ÖVP). Nach zwei Gipfelgesprächen mit Agrana in "konstruktiver Weise" habe man es geschafft. In Niederösterreich, wo 70 Prozent aller Rübenanbaufläche Österreichs liegen, und Oberösterreich gab es eine "deutliche Steigerung" der Anbauflächen. Er lobte die Zusammenarbeit zwischen Agrana, dem Landwirtschaftsministerium, den Rübenbauern und Agrarvertretern. "Das war alles andere als ein Spaziergang." 

Stephan Pernkopf rechnet durch die Prämie mit 500 zusätzlichen Investitionen.
NOEN

"In zwei Bundesländern, die sich gegen Pflanzenschutzmitteln ausgesprochen haben, wurde das nicht geschafft", kritisierte Pernkopf in Richtung der beiden SPÖ-geführten Länder Wien und Burgenland. Dort sank die Rübenanbaufläche. "Weil es halt populistisch interessant ist", sei man dort gegen Pflanzenschutzmittel - und die Rübenanbaufläche würde dort sinken. Es geht um Notfallzulassungen für Neonicotinoide.

Feuchte Witterung rettete Restbestände mit guten Erträgen 

Die Zeichnung der Rübenflächen sei aufgrund Corona und Versammlungseinschränkungen besonders schwierig gewesen, sagt Ernst Karpfinger, Präsident der österreichischen Rübenbauern. Daher sei jede Stimme für den Rübenanbau wichtig gewesen. Karpfinger zeigt sich stolz auf die Bauern, die ihre Anbauflächen gesteigert haben. "Die Bauern haben bewusst ein Zeichen gesetzt haben, um die Eigenversorgung Österreich mit Zucker zu sichern.“  

Heuer habe besonders die feuchte Witterung noch nicht geschädigte Rübenbestände gerettet. Mit den aktuellen Niederschlägen und feuchten Verhältnissen werde der Rüsselkäfer für nächstes Jahr vielleicht zurückgedrängt, glaubt Karpfinger.  "Im besten Fall brauchen wir die Unterstützung gar nicht, wenn sich das nächste Jahr positiver zeigt", so der Rübenbauern-Präsident.

Zukunft im "Werkzeug Pfanzenschutz"

Der Vizepräsident der Landwirtschaftskammer Österreich (LKÖ) und ÖVP-Politiker Johannes Schmuckenschlager will die Produktionssparte Rübe nun so weiterentwickeln, dass die Bauern planbare Rahmenbedingungen für eine langfristige, zukunftsfähige Perspektive erhalten. Zudem betonte er, wie wichtig das "Werkzeug Pflanzenschutz" sei: "Es braucht die Zulassung und Verfügbarkeit von wirksamen Pflanzenschutzmitteln, um die österreichische Produktion abzusichern und damit die Versorgung mit hochwertigem heimischen Zucker sicherzustellen", so der Bauernvertreter. Würde die Fabrik geschlossen, würde einhergehend der Zuckerrübenanbau zurückgehen, sagte er weiters. "Ohne Anbau keine Fabrik, und ohne Fabrik kein Anbau“, lautet der gemeinsame Tenor der politischen Agrarvertreter.

Im Vorjahr sind 34.000 Hektar Rübenfläche in Österreich gezeichnet worden, davon konnten aber nur 27.000 Hektar wegen des massiven Schädlingsbefalls und wegen der Frühjahrsdürre geerntet werden. 

AK-NÖ fordert "langfristige Sicherung der Arbeitsplätze"

Die Arbeiterkammer NÖ begrüßt, dass die geforderte Anbaufläche  erreicht wurde. „Jetzt geht es darum, langfristig die Beschäftigung und Produktion in der Region abzusichern“, sagt AK-NÖ-Präsident und ÖGB NÖ-Vorsitzender Markus Wieser.  Sein Dank geht besonders an alle Belegschaftsvertretern der Agrana, "die seit Monaten für eine tragfähige Lösung kämpfen". Wieser geht davon aus, dass jetzt der Agrana-Aufsichtsrat Ende November die "entsprechenden Beschlüsse" setzt. „Die regionale Zuckerproduktion und die Arbeitsplätze müssen langfristig gesichert werden“, so der AK-NÖ Präsident.

Hintergrund zu Rübenschwund, Leopoldsdorf und "Rübengipfel"

Wegen der zu geringen Auslastung der zwei Agrana-Zuckerfabriken und der Verlustsituation im Zuckerbereich der letzten Jahren beschloss der Agrana-Aufsichtsrat am 25. August die Zuckerfabrik Leopoldsdorf nach der diesjährigen Kampagne stillzulegen, sollte bis Mitte November keine Zusicherung einer Anbaufläche von zumindest 38.000 ha gegeben sein.

Daraufhin verhandelte Agrarministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) gemeinsam mit den betroffenen Bundesländern, Landwirtschaftskammern, Bauernbund und Rübenbauern am "Rübengipfel" im September einen Branchenpakt mit Agrana. Rübenbauern wurde in dem geschlossenen Pakt eine Wiederanbauprämie in Höhe von 250 Euro pro Hektar Schadfläche geboten, die auch bereits versicherten Bauern zu Gute kommen soll.. Die Kosten für die geplante Prämie teilen sich der Bund und die betroffenen Bundesländer. 

Die Agrana bietet im Gegenzug den Rübenbauern einen Dreijahresvertrag mit Mindestpreisen an und übernimmt die Kosten für das Saatgut beim Wiederanbau. Außerdem hat der Konzern in dem Pakt zugesichert, dass er die Produktion und Versorgung der österreichischen Bevölkerung die mit heimischem Zucker garantiert.

300.000 Euro und 150 Arbeitsplätze

In Spitzenzeiten lag in Österreich die Anbaufläche bei 40.000 bis 50.000 Hektar. Klimawandel, Dürre, Schädlingsbefall und sinkende Weltmarktpreise haben zu einem Schwund der Rübenflächen in den vergangenen Jahren beigetragen. Der Rübenanbau wurde für Bauern wirtschaftlich riskanter und unattraktiver.

Für die Gemeinde Leopoldsdorf würde die Schließung der Fabrik finanzielle Einbußen bedeuten. In guten Jahren sollen bis zu 300.000 Euro Kommunalsteuer durch die Agrana in die Marktgemeinde-Kasse geflossen sein. An dem Standort werden 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt, zuzüglich bis zu 150 saisonale Arbeitskräfte. Diese Arbeitsplätze wären bei einer Schließung der Zuckerfabrik Leopoldsdorf gefährdet.

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