„Viele werden im Sommer auf Urlaub fliegen können“. Flughafen-Vorstand Günther Ofner über den Sommerurlaub 2020, die Zukunft des Airports und jene des Projekts dritte Piste.

Von Anita Kiefer. Erstellt am 27. Mai 2020 (05:16)
Airportchef Günther Ofner
Burggraf

NÖN: Der Flughafen hatte im ersten Quartal 2020 Passagierrückgänge von knapp 19 Prozent und ein Minus beim Ergebnis von fast 37 Prozent. Sie werden in der Aussendung dazu mit den Worten zitiert „Der Flughafen Wien wird diese Krise auf jeden Fall überstehen“. Was macht Sie da so sicher?
Günther Ofner: Die Tatsache, dass wir in den letzten Jahren das Unternehmen entschuldet und gut gewirtschaftet haben. Wir waren mit Jahreswechsel praktisch schuldenfrei. Insofern haben wir die Substanz, auch diese schwerwiegende Krise zu überstehen. Aber sie wird natürlich Folgen haben und nicht spurlos an uns vorübergehen.

Sie haben seit Anfang März ein Sparpaket laufen, die Belegschaft ist in Kurzarbeit. Wie lange wird der Flughafen die Kurzarbeit brauchen?
Wir werden jetzt die Kurzarbeit um weitere drei Monate bis Mitte September verlängern. Es wäre der dringende Wunsch, dass es eine Weiterführung dieses Kurzarbeitsprogramms auch darüber hinaus gibt. Denn dass der Luftverkehr wieder auf das Niveau vor der Krise kommt, kann man für Herbst und Beginn des Jahres 2021 definitiv ausschließen. Wenn das – richtige und wichtige – Ziel der Regierung verfolgt wird, großflächige Arbeitslosigkeit zu verhindern, dann wird es für Branchen, die sich erst mit einem Verzögerungseffekt erholen können, notwendig sein, die Kurzarbeit zu verlängern.

Es bräuchte also nochmals sechs Monate?
Zumindest, ja.

Wird es Kündigungen geben?
Eine Anpassung der Personalkapazität an die Passagierentwicklung wird notwendig sein, abhängig davon, wie das Jahr 2021 ausschaut und wie wir die Folgejahre einschätzen. Klar ist, dass wir alles Mögliche tun werden, um soziale Härten zu vermeiden. Aber wenn im kommenden Jahr nur die Hälfte oder zwei Drittel der Passagiere unterwegs sind, die 2019 unterwegs waren, dann ist klar, dass es zu Anpassungen kommen muss. In welcher Form, kann man im Moment nicht sagen.

Kommen Kündigungen also erst 2021?
Das hängt davon ab, ob die Kurzarbeit verlängert wird.

Vorausgesetzt, es kommt zu keinem zweiten Lockdown: Wie lange wird der Flughafen Wien brauchen, um wieder annähernd profitabel fliegen zu können?
In drei bis maximal fünf Jahren wird es wieder Wachstum geben – auch über das hinaus, was es schon gab. Der Schlüssel zur weiteren Entwicklung: Eine möglichst rasche Einigung dazu, wie gesundes Fliegen umgesetzt wird. Einen ersten Vorschlag der EU-Kommission dazu gibt es ja bereits. Das muss rasch konkretisiert werden. Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass gesundes Fliegen möglich ist, wenn Sicherheitsmaßnahmen eingehalten werden.

Das heißt, wir werden im Sommer auf Urlaub fliegen können?
Es werden viele Leute im Sommer auf Urlaub fliegen können – vorausgesetzt es kommt nicht zu einem Wiederaufflackern der Infektionszahlen. Dass Reisebeschränkungen und Flugverbote sukzessive aufgehoben werden, ist der zweite Schritt in diese Richtung. Das dritte entscheidende Element ist dann, dass es eine Impfung bzw. ein wirksames Medikament gibt. Erst dann wird der Schrecken dieser Pandemie verschwinden.

„Eine Anpassung der Personalkapazität an die Passagierentwicklung wird notwendig sein.“ Flughafen-Vorstand Günther Ofner zu möglichen Kündigungen

Wie lange wird der Flughafen brauchen, um sein Corona-Budgetloch wieder zu stopfen?
Das wird Jahre dauern und wird uns und unseren Mitarbeitern sehr viel abverlangen. Es gibt gute Gründe, davon auszugehen, dass es mittelfristig auch in Wien-Schwechat wieder Wachstum gibt. Unser Einzugsgebiet, vor allem mit den osteuropäischen Wachstumsregionen, ist ein sehr zukunftsträchtiges. Das gilt immer unter der Voraussetzung, dass die Strukturen erhalten bleiben. Würde das vom Home Carrier betriebene Drehkreuz wegbrechen, dann würde uns das um Jahrzehnte zurückwerfen.

Sie spielen damit auf die AUA an. Dass deren Erhalt aus Sicht des Flughafens wichtig ist, haben Sie bereits mehrfach betont. Wie wichtig ist Ihnen Laudamotion?
Wir wünschen uns nicht, dass Laudamotion bzw. Ryanair die Wertschöpfung bei uns auf Null stellt und nur von außen hereinfliegt. Daher ist eine gemeinsame Lösung wichtig. Der Verlust von 300 Arbeitsplätzen, bei denen man nicht erwarten kann, dass die Leute rasch wieder Arbeit finden, wäre extrem unklug und schmerzhaft, da trägt die Gewerkschaft eine große Verantwortung. Wenn es schief geht, werden die Betroffenen dann die Gewerkschaft um einen Arbeitsplatz fragen. Ein Zurück an den Verhandlungstisch ist das Gebot der Stunde.

Um gegen Versorgungsstörungen gerüstet zu sein, rechnen Sie mit einem erhöhten Lagerbedarf. Werden Sie die Kapazitäten ausbauen oder wollen Sie die Auslastung erhöhen?
Beides. Es wird Betriebe geben, die sich hier ansiedeln, die zusätzliche Kapazitäten bauen. Auch wir selbst werden in nächster Zeit unser Angebot erweitern. Wir werden Veränderungen in der globalen Logistik erleben. Für viele Unternehmen hat sich gezeigt, dass die Störungsanfälligkeit der heute gepflogenen Lieferketten zu groß ist. Was wir jetzt schon sehen, ist, dass es Nachfrage nach Betriebsansiedelungen gibt, auch während der Krise.

Die dritte Piste ist jedenfalls nach wie vor ein Projekt, das umgesetzt werden wird?
Niemand würde sich im Moment auf einen Zeitpunkt festlegen. Aber wenn man davon ausgeht, dass wir wieder Wachstum sehen werden, dann muss man vorsorgen. Die Genehmigung für die dritte Piste gibt es ja.

Es wird also wohl keine Eröffnung 2030 geben – aber haben Sie einen Zeithorizont im Auge?
Nein.