In „Gramat“ bekommen alle eine Chance

Erstellt am 21. Mai 2022 | 09:25
Lesezeit: 3 Min
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Einige Magma-Beschäftigte legen eine Permakultur-Landschaft mit frischem, kostenlosem Gemüse für die Einheimischen im Rahmen des Kommunal-Projekts „Essbare Gemeinde“ an.
Foto: Foto photonews.at/Georges Schneider
Das Jobgarantie-Projekt in Gramatneusiedl fördert nicht nur die Gesundheit der vormals Langzeitarbeitslosen, sondern tut auch dem lokalen Arbeitsmarkt gut.
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Länger als ein Jahr ist in der Gemeinde Gramatneusiedl (Bruck a. d. Leitha) niemand mehr ohne Arbeit. Seit Herbst 2020 erprobt das Arbeitsmarktservice NÖ gemeinsam mit der Gemeinde am Areal der ehemaligen Marienthaler Textilfabrik das weltweit erste Modellprojekt einer Arbeitsplatzgarantie im wissenschaftlichen Paarlauf mit Forschern der Uni Wien und Oxford. Ziel des Projekts Magma ist es, ehemalige Langzeitarbeitslose wieder in den ersten Arbeitsmarkt zu bringen. Zur Projekthalbzeit zog das Arbeitsmarktservice durchwegs positive Bilanz und lud zu einer Rundtour an drei beispielhafte Magma-Beschäftigungsorte: zu einem Bestatter, einem Gemeinde-Acker und einem gemeinnützigen Verein für Kindertherapien. Die Begleitforschung selbst stellte Magma ein positives Zeugnis in Sachen Wirksamkeit aus.

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Ergotherapeutin Isabella Marchhart (l.) wird vom Magma-Beschäftigten Thomas Spitzer im Therapie-Zentrum des Vereins „Pferde stärken“ unterstützt. Das schafft freie Kapazitäten für Kindertherapie-Plätze.
Foto: Foto photonews.at/Georges Schneider

„Wir konnten einen signifikanten Rückgang bei psychischen Beschwerden, Angstzuständen, Schlafstörungen und Hautproblemen feststellen“, sagt die Soziologin Hannah Quinz von der Uni Wien. Für die bislang rund 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sei diese Arbeitsplatzgarantie auf individueller Ebene ein Erfolg. Durch die fixe Arbeit sind soziale Zugehörigkeit, Wertgefühl und Selbstwirksamkeit der vormals Langzeitarbeitlosen gestiegen. Positiv wirke laut Quinz auch, dass im AMS-Projekt auf den Gesundheitszustand der Teilnehmer Rücksicht genommen wird.

Nachbargemeinden signalisieren Interesse

Auch für die Kommune sind Magma-Beschäftigte im Einsatz. Sie sanieren Parkbänke, pflegen Grünflächen, bauen eine Spielplatz-Überdachung oder eine Permakultur-Landschaft à la „Gemüse-to-go“ für die Gramatneusiedler. „Es fehlt uns an Personal und finanziellen Mitteln für diese Tätigkeiten“, erklärt Bürgermeister Thomas Schwab (SPÖ) und bestätigt die sichtbaren, positiven Effekte von Magma auf die Menschen: „Es gibt dort eine Aufgabe, Struktur und ein optimales, kreatives Umfeld, um sich zu entfalten.“ Einige Bürgermeister-Kollegen hätten bei ihm schon angeklopft, ob und wie sie auch an dem Projekt teilnehmen können.

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AMS-NÖ-Chef Sven Hergovich zieht eine positive Zwischenbilanz.
Foto: AMS NÖ

Den Sprung zurück in die Privatwirtschaft haben bislang 33 ehemalige Magma-Beschäftigte geschafft. Das sind 42 Prozent aller Arbeitsaufnahmen im Projekt. „Die Frage ist, ob bei fiskalischen Kosten der Langzeitarbeitslosigkeit von 30.000 Euro pro Jahr und Arbeitslosen es sinnvoller ist, damit Arbeitsplätze zu schaffen oder damit Langzeitarbeitslosigkeit dauerhaft zu finanzieren“, sagt AMS-Landesgeschäftsführer Sven Hergovich. Die vorläufige Projekt-Conclusio ist: Ja, Langzeitarbeitslosigkeit ist abschaffbar ohne dabei Verdrängungseffekte auszulösen. Das Gegenteil sei der Fall. „Unsere Arbeitsplatzgarantie scheint den lokalen Arbeitsmarkt sogar zu stimulieren“, so Hergovich.

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Ihr Talent zum Beruf gemacht hat die vormals Magma-Beschäftigte Michaela Puhm (r.): Sie bemalt jetzt als Angestellte bei Bestattung Lang Särge und Urnen nach individuellen Wünschen als neues Zusatzangebot, das Inhaberin Rosa Seeböck (l.) einführen möchte.
Foto: Foto photonews.at/Georges Schneider

Ein Beweis dafür ist die Geschichte der ehemaligen Kantinenmitarbeiterin Michaela Puhm: Nach langer Arbeitslosigkeit entdeckte sie über Magma ihre alte Kindheitsliebe ganz neu: die Malerei. Bestattungs-Inhaberin Rosa Seeböck erkannte bei einem Praktikum Puhms Talent und stellte sie prompt ein. Seit Anfang Mai bemalt Puhm Särge und Urnen auf Wunsch mit individuellen Motiven. Eine weitere Premiere in „Gramat“, wie Heimische ihren Lebensort herzen.