„Armut ist weiblich“. Trauriger Trend / Über 10.000 Niederösterreicher kaufen ihre Lebensmittel in Sozialmärkten, Tendenz steigend. Fast drei Viertel der Betroffenen sind Frauen, viele davon alleinerziehend.

Erstellt am 16. September 2012 (18:06)
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Von Gerti Süss

Ein Liter Milch um 30 Cent, ebenso 30 Cent das Kilo Kartoffeln. Brot und Gebäck gibt’s teilweise sogar gratis oder um 50 Cent pro Kilo. Solche Preise führen hierzulande nur die Sozialmärkte (SOMA), von denen es im blau-gelben Bundesland mittlerweile 15 gibt.

Über 10.000 Niederösterreicher sind auf diese Einrichtungen angewiesen, weil ihr Einkommen für Einkäufe in üblichen Supermärkten nicht mehr ausreicht.

870 Euro darf das Nettoeinkommen eines Ein-Personen-Haushalts nicht überschreiten, damit man eine Berechtigungskarte für einen SOMA erhält. Bei einem Zwei-Personen-Haushalt gilt ein Limit von 1.300 Euro, bei jeder weiteren Person im Haushalt darf das Haushaltsbudget jeweils 110 Euro höher ausfallen.

Zu den Leuten, die in SOMA-Filialen einkaufen, zählen Arbeitslose, Alleinerziehende, Pensionisten oder Geringverdiener. In allen Fällen überwiegt der Frauenanteil ganz deutlich. „Armut ist weiblich“, erklärt Christine Krampl, die Geschäftsführerin der SAM NÖ, der größten SOMA-Trägergesellschaft, zu der neun Märkte mit rund 7.500 Kunden zählen.

Jedes Jahr kämen viele Kunden hinzu, so Krampl, und fast drei Viertel davon seien Frauen. „Auch in Österreich gibt es die Working Poor, also Leute, die unter der Armutsgrenze leben, obwohl sie einen Job haben“, erklärt Krampl gegenüber der NÖN. Vor der SOMA-Filiale in St. Pölten stehen die Kunden mittlerweile jeden Morgen Schlange. „Es nutzt kaum, dass Elektronikgeräte billiger werden, während Mieten, Benzin- und Lebensmittelpreise in die Höhe schießen“, so Krampl.

Der erste niederösterreichische SOMA entstand in St. Pölten im Jahr 2004. „Damals waren unsere Regale noch ziemlich leer“, erinnert sich Krampl. Mittlerweile gebe es fast alles im SOMA. Sämtliche Waren sind Schenkungen – von großen Supermarktketten genauso wie vom kleinen Bäcker.

In vielen Fällen stehen die Produkte kurz vor dem Ablaufdatum oder haben leicht beschädigte Verpackungen, sodass sie ohnehin entsorgt worden wären. „Unser Sortiment ist immer anders, je nachdem, was wir gerade bekommen“, erklärt Krampl. Was vielen SOMA-Filialen noch fehle, sind Hygieneartikel sowie Wasch- und Putzmittel.

Frau M. kauft im St. Pöltner SOMA seit dessen Gründung ein. „Ich schätze das Angebot hier sehr“, erzählt die 78-Jährige, die die Mindestpension bezieht, beim NÖN-Lokalaugenschein. Fast jeden Tag besucht sie auch das dazugehörige SOMA-Café und bestellt sich dort ein „herrliches Mittagessen um 1,50 Euro“.

Laut SAM NÖ-Geschäftsführerin Krampl hätten viele Leute immer noch Vorurteile gegenüber den Sozialmärkten. Deswegen sei die Hemmschwelle bei manchen noch groß: „Wenn sie aber einmal da waren, kommen sie gerne wieder.“ Was sie sich für die Zukunft der SOMA wünsche? „Dass sie irgendwann nicht mehr gebraucht werden.“