Die Bio-Pioniere nahe dem Stacheldraht. Viele Jahre war Carina Rambauske als Redakteurin für die NÖN in Niederösterreich unterwegs. Aktuell fährt sie im Auftrag von ecoplus durch das Bundesland, um mit den Unternehmerinnen und Unternehmern in der Grenzregion über den Fall des Eisernen Vorhangs und die wirtschaftlichen Entwicklung ihrer Region zu sprechen.

Von Carina Rambauske. Erstellt am 11. November 2019 (12:21)
Die Müller-Tradition der Familie Dyk geht bis ins Jahr 1881 zurück. Vor einigen Jahren hat Lisa den Betrieb von ihren Eltern Peter und Lydia übernommen.
Michael Lenz/Milestones in Communication

Teil 8 unserer Blog-Serie mit Besuch in der Ersten Raabser Walzmühle M. Dyk

Es war einmal: Ein Fluss, der sich durch das Waldviertel schlängelt, an dem eine Mühle stand. Jahr für Jahr brachten die Landwirte der Region ihre Ernte vom Feld in die Mühle. Eines Tages verliebte sich der tschechische Deich-Bauer Anton Dyk in eine Österreicherin und heiratete 1881 in die Liebnitz-Mühle ein. Um jedem seiner drei Söhne eine Mühle vererben zu können, kaufte er noch zwei weitere: eine in Rehberg bei Krems, eine in Raabs an der Thaya. Zwei waren nicht von Erfolg gekrönt. Die dritte, jene in Raabs an der Thaya, blieb im Besitz der Dyk-Familie. Täglich pilgerten Fuhrwerke mit einem Pferdegespann davor von Jemnice in Tschechien ins Waldviertel, um das Getreide der Landwirte zu vermahlen und später als Mehl wieder zurück zu transportieren.

„Da mein Urur- und Ur-Großvater im ständigen Kontakt mit den dortigen Landwirten waren, konnten sie beide fließend tschechisch sprechen. Mein Großvater dann nicht mehr“, erzählt Lisa Dyk. Der Grund: kilometerlanger Stacheldraht. Der Eiserne Vorhang, der sieben Kilometer entfernt von Raabs an der Thaya (Bezirk Waidhofen/Thaya) verlief und jahrzehntelang die (Geschäfts-)Wege durchschnitt.

Urlaubsfoto vor Stacheldrahtzaun

Für die Waldviertler war der Eiserne Vorhang Alltag. Wie groß sein Symbolgehalt eines getrennten Europas war, zeigte ihnen die Besuche der Dyk-Verwandten aus Südafrika: „Neben Sehenswürdigkeiten wie Schloss Schönbrunn oder die Hofburg wollte die Familie meiner Mutter auch immer zur Grenze fahren. Dort sind wir mit Bedacht ausgestiegen, haben uns vor das „Achtung Staatsgrenze“-Schild für ein Foto aufgestellt und sind schnell wieder ins Auto eingestiegen, wenn Grenzwachbeamte in der Ferne zu sehen waren“, erzählt Lisa Dyk, die die Erste Raabser Walzmühle M. DYK in fünfter Generation führt.

Doch das war einmal. Heute, 30 Jahre nach dem Grenzfall, ist die Situation eine andere. „Tschechien ist unser wichtigster Markt geworden – damit war 1989 nicht zu rechnen“, berichtet Lisa Dyk. Davon, dass mittlerweile 50 Prozent des Mehls exportiert wird. Und davon, dass das Erfolgsrezept die Mischung aus Bio- und Demeter-Getreide von gut 50 Landwirten aus der Region mit jahrhundertelanger Tradition bildet: „Über Jahrzehnte hinweg haben die österreichischen Müller gelernt, immer die gleiche Qualität zu liefern. Damit heben wir uns am internationalen Markt hervor.“

Bio als Überlebens-Grundstein

Mühle und Handwerk werden seit 1881 in Raabs von Generation zu Generation weitergegeben. Bevor Peter Dyk schließlich Anfang 1970 das Familienunternehmen übernahm, ging er auf Wanderschaft. Quer durch Österreich bis nach Südafrika lernte und arbeitete er in großen Mühlen. Er erkannte, dass kleine Betriebe nicht überleben können, wenn sie sich nicht spezialisieren.

Michael Lenz/Milestones in Communication

Zurück in Österreich verlieh er mit seiner Frau Lydia dem Traditionsunternehmen eine neue Note, die die Raabser Mühle für das neue Jahrtausend wappnete: Er verkaufte das erste haltbare Vollkornmehl Österreichs. Ein eigens entwickeltes Mahlverfahren ermöglicht das schonende Verarbeiten von Getreide und macht es monatelang haltbar, ohne, dass Vitamine und Spurenelemente im Mehl verloren gehen. „Das hat Anfang der 70er-Jahre eingeschlagen wie eine Bombe“, schildert Lisa Dyk den Erfolg ihres Vaters schmunzelnd. Eine Bombe, mit der der Waldviertler Traditionsbetrieb dem „Mühlensterben“ Anfang der 90er-Jahre erfolgreich entkam.  

Den Weiterbestand der Mühle zu sichern, stand jedoch nicht allein im Zentrum des Interesses von Dyk. Gesunde Nahrungsmittel herzustellen – das war das, was den Waldviertler vorantrieb. Dafür investierte er 1990 in einen Extruder. Eine Maschine, um Produkte haltbar zu machen und daraus gesunde Bio-Snacks herstellen zu können. Ganze Versuchsreihen gingen durch die Maschinen in der Raabser Mühle: „Mit Paprika, mit Zwiebel, mit Käse – mein Vater hat alle möglichen Varianten durchprobiert und wir haben sie alle gekostet“, erinnert sich Lisa Dyk lächelnd während sie durch die verwinkelten Räume und über knarrende Holzstufen der Mühle führt. „Mir hat es auch geschmeckt. Aber 1990 war noch zu früh für alternative Vollkorn-Snacks.“

Waldviertler Mühlen für die ganze Welt

Aus dem Versuch wuchs eine neue Idee: Malz zu extrudieren, das für Backmischungen verwendet wird. Zwei Drittel des Umsatzes erwirtschaftet dieser Bereich mittlerweile. Mit der Erfindung von „Mühlen in Containerform“ setzte Peter Dyk technisch einen Meilenstein obendrauf. „Normalerweise“, erklärt seine Tochter, „ist eine Mühle mehrstöckig aufgebaut“. Das patentierte „Compact Miling Systems“ (CMS) ist hingegen eine kompakte Maschine, die konventionellen Anlagen hinsichtlich Mehlqualität und -menge um nichts nachsteht, aber einfacher und flexibler zu bedienen ist. In Tansania, Sudan, Russland oder auch in Nigeria sind solche bereits im Einsatz.

Michael Lenz/Milestones in Communication

Diese Wege geht Lisa Dyk begeistert und mit vielen neuen Ideen im Kopf weiter. Doch eigentlich, erzählt die Wirtschaftsuni-Absolventen lachend, wollte sie nicht zurück ins Waldviertel und Chefin von 20 Mitarbeitern sein, sondern ins Ausland. Eigentlich. Als 2002 das erste Hochwasser und 2006 das zweite Hochwasser Raabs traf, kam sie nach Hause, um zu helfen.

Und später, um zu bleiben. Und den Nachhaltigkeitsgedanken nicht nur in den Produkten, sondern im Betrieb noch klarer auszuarbeiten und weitere Bereiche in der Getreideverarbeitung zu erschließen. Hier, am Fluss, der sich durch das Waldviertel schlängelt, und an dem eine Mühle steht, zu der Sommer für Sommer die Landwirte der Umgebung ihre Ernte bringen. Sieben Kilometer entfernt von einer Grenze, die einst Handelswege durchschnitt. Doch das war einmal.