Einst das Ende der Welt, heute Zentrum der Entspannung. Viele Jahre war Carina Rambauske als Redakteurin für die NÖN in Niederösterreich unterwegs. Aktuell fährt sie im Auftrag von ecoplus durch das Bundesland, um mit den Unternehmerinnen und Unternehmern in der Grenzregion über den Fall des Eisernen Vorhangs und die wirtschaftlichen Entwicklung ihrer Region zu sprechen.

Von Carina Rambauske. Erstellt am 27. Oktober 2019 (22:19)
Michael Lenz/Milestones in Communication
Die Therme Laa als Leuchtturmprojekt für die Region: Carina Rambauske, Tayfun Ucar, Brigitte Ribisch, Heinrich Limpauch, Annemarie Wolf, Hermann Findeis, Petra Pühringer, Manfred Fass, Susanne Nitsch und Esteban Leonhard.

Teil 7 unserer Blog-Serie mit Besuch in der Therme Laa

Früher hätte es so etwas nicht gegeben. Nicht im Weinviertel. Und schon gar nicht in Laa an der Thaya. Wo wäre man denn da hingekommen? Bundespräsident a. D. Heinz Fischer im Bademantel? Hermann Maier in der Badehose? Kabarettist Florian Scheuba in der Sauna? Nein. Das hätte es früher nicht gegeben. Hier, in der 6.000 Einwohner großen Stadt unmittelbar an der tschechischen Grenze im Bezirk Mistelbach, wo heute die Therme Laa steht.

Die Realität zeichneten stattdessen Stacheldraht, Wachtürme, tschechische Soldatengruppen, die entlang der Grenze patrouillierten, und langwierige Kontrollprozedere, um die Grenze passieren zu dürfen. „Es war das Ende der Welt“, erzählt Hermann Findeis, ehemaliger Zollwachbeamter und späterer Vizebürgermeister. „Wir standen quasi mit dem Rücken zur Wand“, fügt Bürgermeister a.D. Manfred Fass hinzu.

„Früher“, vor 30 Jahren, als der Eiserne Vorhang Europa teilte. „Früher“, bevor die Außenminister Alois Mock und Jiri Dienstbier 1989 den Stacheldraht bei Laa durchschnitten. „Früher“, bevor Tayfun Ucar von der VAMED die Gegend und dessen Besonderheit entdeckte: die Entspanntheit.

Thermalwasser: ein Fund mit Zukunft

Als mit 20. Dezember 1989 die Visapflicht fiel und die Grenzen geöffnet wurden, folgte ein Besichtigungstourismus auf beiden Seiten der Grenze: Österreicher fuhren, um zu schauen und Tschechen kamen, um zu schauen. Und um zu kaufen.

Abgesehen vom wirtschaftlichen Andrang nach der Grenzöffnung war nichts in Laa. Bis auf ein veraltetes Hallenbad, das jährlich eine Million Schilling Defizit schrieb. Und zwei Holzpflöcke in dessen Nähe. Sie markierten die Stelle, an denen zwei Wünschelrutengeher überzeugt davon waren, Wasser gefunden zu haben. Anfang der 1990er-Jahre ließ sich das der damalige Bürgermeister Manfred Fass von zwei Geologen bestätigten. Und tatsächlich: Unterhalb von Laa verläuft eine Bruchlinie, durch die mit 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit Thermalwasser vorkommt.

Vom Unglauben der Laaer

„Der Tenor der Bevölkerung war durch und durch Unglaube, als ich die Idee einer Therme in Laa aussprach“, erzählt Fass. Doch auch das war früher. „Früher“, bevor sein Weg den von Tayfun Ucar von der VAMED kreuzte. „Wir haben nicht nur daran geglaubt, wir waren Fanatiker“, erzählt der Geschäftsführer der Therme Laa.

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Mitarbeiter des Hotels und Therme Laa erzählen, welche Erinnerungen sie von der Zeit des Eisernen Vorhangs haben: Heinrich Limpauch, Annemarie Wolf und Petra Pühringer.

Weil er vor allem die Atmosphäre gesehen habe: „Für mich hat Laa Ruhe und Entspannung bedeutet. Ein Ort, wo ich den Lärm und die Hektik von Wien losgeworden bin.“ Für die Laaer ein unverständlicher Eindruck: „Dass jemand gerne in unsere Region fährt, weil er sie schön findet, konnten wir uns alle nur schwer vorstellen“, beschreibt Bürgermeisterin Brigitte Ribisch das damalige Gefühl.

Somit musste die VAMED zunächst die Laaer überzeugen, dieses Projekt als (wirtschaftliche) Chance zu sehen „denn ohne die Region an der Seite“, sagt Ucar, „funktioniert ein derartiges Projekt nicht“. Dann ging es um die finanziellen Mittel. Drei Jahre lang wurden sämtliche Bank- und Versicherungsklinken geputzt, um 28,4 Millionen Euro inklusiver Förderung vom Land NÖ und ecoplus aufzubringen.

Thermeneröffnung: Eine Region nimmt an Fahrt auf

Als im Oktober 2002 die Therme Laa schließlich in Betrieb ging, übertraf sie alle Erwartungen: Statt den 400 bis 600 einberechneten Tagesgästen waren es 1.100, die bis zu eineinhalb Stunden Wartezeit für den Eintritt in die Therme in Kauf nahmen. Die Folge: Weitere 36,5 Millionen werden investiert. Die Therme, seit 2005 nun mit Hotel, treibt die Region in ihrer Rolle als Leuchtturmprojekt voran – und zieht viele andere Betriebe mit.

Begonnen von den Bauleistungen, die zu 80 Prozent innerhalb der Region vergeben wurden, über die von heimischen Landwirten betriebene Fernwärme Laa, bis hin zu den täglichen (Lebensmittel-)Produkten aus der Region, um nur einige wenige Erfolgskonsequenzen zu nennen. „Das Vorhaben bzw. die Voraussetzung, nicht einfach nur eine Touristikanlage, sondern eine ganze Region in Betrieb zu nehmen, ging auf“, sind sich Ucar, Fass, Findeis und Ribisch einig.

Vor dieser Zeit der Therme zählte Laa 7.000 Besucher. Mittlerweile sind die Tourismuszahlen auf 75.000 angestiegen. Die Eröffnung des Silent Spa im Dezember 2016 kurbelte den Erfolgskurs weiter an – gekrönt durch Auszeichnung wie etwa zum besten „Luxury Day Spa“ der 2017 im Rahmen des „World Luxury Spa Award" in Hanoi vergeben wurde.

Gelebte Freundlichkeit – auf Deutsch & Tschechisch

Und nicht zu vergessen: die 214 Arbeitsplätze. Wie auch bei den Gästen kommen davon einige der Mitarbeiter – über ein Drittel – aus Tschechien. Noch mehr, nämlich beinahe die Hälfte, sind es bei den Tagesgästen. Ein Viertel von ihnen übernachten auch im Hotel. In Summe sind es 447.000 Gäste, die jährlich die Therme, das Hotel und das Silent Spa besuchen. Das hätte es früher nicht gegeben. Nicht im Weinviertel. Und schon gar nicht in Laa. Beinahe kaum zu glauben, was alles möglich ist, hier, am damaligen Ende der Welt.

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Wie das „Ende der Welt“ zum Hotspot für Entspannung und Ruhe wurde, erzählen Bürgermeister a.D. Manfred Fass, Bürgermeisterin Brigitte Ribisch, Therme-Laa-Geschäftsführer Tayfun Ucar und Hermann Findeis, Vizebürgermeister a.D., Carina Rambauske.


Zeitzeugen erzählen

Heinrich Limpauch wurde in Prag geboren und kam als Zehnjähriger nach Niederfladnitz (Bezirk Hollabrunn). Nach einigen beruflichen Exkursen in Tirol und Kärnten kam er zurück in die Region und leitet seit Oktober 2008 das Restaurant. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs fuhren seine Eltern im Jänner 1990 erstmals mit ihm über die Grenze: „Dahinter war alles anders: Alles war sauber, die Straßen waren gerichtet, die Straßengräben gemäht, die Fassaden der Häuser pipifein – wie aus einem Bilderbuch. Eine komplett andere Welt“, schildert Limpauch seine Kindheitserinnerungen.

Petra Pühringer ist in Znaim aufgewachsen und im Alter von 19 Jahren nach Laa gekommen. 2005 begann sie als Stubenmädchen im Hotel, mittlerweile ist die Housekeeping-Leiterin. Ihre Erinnerung zum Fall des Eisernen Vorhangs: „Da wir an der Grenze gelebt haben, hatten wir das Glück, den österreichischen Rundfunk zu empfangen. Die heute so lästigen Werbeeinschaltungen waren für uns eine Sensation. Nach dem Grenzfall konnten wir uns das dann auch auf einmal kaufen – unglaublich!“ Auch sie hatte bei ihrem ersten Besuch in Österreich nach dem Grenzfall das Gefühl „in einer komplett anderen Welt zu sein. Ich fühlte mich wie Alice im Wunderland!“

Annemarie Wolf kommt aus Großkrut (Bezirk Mistelbach) und begann ihre Karriere in der Therme Laa im Oktober 2005 in der Wäscherei. Mittlerweile ist sie stellvertretende Housekeeping-Leiterin. Ire Mutter, die in Lednice geboren ist, zog nachdem sie einen Österreicher heiratete, nach Großkrut. Aufgrund der aufwändigen Visabeschaffung hat Annemarie Wolf ihre Verwandten auf der anderen Seite der Grenze nie kennengelernt. „Erst nach dem Grenzfall sind sie erstmals herübergekommen und wir haben ein richtiges Familienfest veranstaltet“, erzählt die Großkruterin.