Die „Faire Milch“ zahlt weniger als die Molkereien. PREISDRUCK / Europaweit ist derzeit viel zu viel Milch da, das trifft die Milchrebellen der „Fairen Milch“ als kleine Anbieter besonders hart.

Erstellt am 21. Mai 2012 (00:00)
NOEN

VON ANTON JOHANN FUCHS UND ANITA KIEFER

16 verschiedene Milchsorten zählt Johann Mohr in seinem Milchregal: „Die Faire Milch ist die drittstärkste. Am stärksten ist die SPAR-Milch, dann kommt die Bauernmarke Hiegesberger.“ Mohr ist Marktleiter des SPAR-Marktes in St. Pölten-Wagram.

Und er weiß, wie wichtig diese Vielfalt seinen Kunden ist: „Was glaubst, wie die Leute schimpfen, wenn keine Guten-Morgen-Milch da ist!“ Und: „Wo die Faire Milch herkommt, fragt eigentlich keiner. Ich glaub’, die Leute wissen das alles, wie sie vertrieben wird.“

Die „Faire Milch“ (am Packerl steht „A faire Milch“), vertrieben von „Freie Milch Austria“ (FMA), stammt von Bauern, die auf Anraten der „Milchrebellen“ der Interessengemeinschaft Milch (IG Milch) ihre Lieferverträge bei ihren Molkereien gekündigt haben. Sie hofften, am freien Markt mehr zu erlösen.

Mehr als hundert Bauern  dürften gewechselt haben

Die Hoffnung scheint zumindest derzeit zu trügen: Weil sie mit den FMA-Preisen nicht zufrieden sind, wollen 40 Salzburger Bauern zurück zur Alpenmilch Salzburg wechseln, die will ihnen aber um zehn Cent weniger zahlen als ihren eigenen Lieferanten. Bei einer Versammlung hätte ein Großteil der anwesenden Bauern trotzdem unterschrieben, sagt Alpenmilch-Chef Christian Leeb, mit den anderen werde man im Oktober noch einmal verhandeln. 18 sind zu Wörnle und Pinzgau Milch zurückgekehrt, 63 Bauern wurden nach nur einem Jahr bei der FMA wieder von der Gmundner Molkerei aufgenommen.

Und 40 Milchbauern aus der Buckligen Welt und der benachbarten Steiermark suchen für ihre acht Millionen Kilogramm Milch (nicht Tonnen, wie in der Vorwoche irrtümlich berichtet) neue Vertragspartner, auch bei deutschen Molkereien.

Erna Feldhofer, geschäftsführende Obfrau der IG Milch, sagt, dass von den ungefähr 4000 Mitgliedern der IG Milch rund 570 Lieferanten der FMA seien: „Die IG Milch selber hat keinerlei Verträge mit den Bauern.“ Die FMA ist eine eigenständige Firma.

FMA-Geschäftsführer Ernst Halbmayr, Biobauer in St. Peter in der Au, will nicht mit der NÖN reden: „Sie haben sich nicht für unsere Firma interessiert, wo wir mehr als österreichische Molkereien ausbezahlt haben, und brauchen auch jetzt nicht berichten, wo wir deutlich hinter den Molkereien liegen.“ Kolportiert werden 28 Cent für das Kilo Milch, die die FMA derzeit ihren Lieferanten zahlen kann. Zum Vergleich: Die Badener NÖM hat mit Anfang Mai den Milchpreis um 1,5 Cent gesenkt, liegt mit netto 32,5 Cent deutlich über den FMA-Preisen.

Preis-Rallye nur Vorspiel  für Quoten-Abschaffung?

Geschockt hat die Bauern der Kampfpreis des deutschen Diskonters Aldi: Der ist bei Magermilch auf 45 Cent und bei Vollmilch auf 51 Cent runtergerasselt. Dass die anderen Diskonter mitziehen, ist zu erwarten, der Deutsche Bauernverband befürchtet, dass der Bauernpreis auf 25 Cent sinken könnte.

„Das ist nur ein erstes Vorspiel, was wir derzeit erleben“, sagt Leo pold Gruber-Doberer, Geschäftsführer der MGN, die als Genossenschaft rund 4000 NÖ-Milchbauern vertritt: 2015 schafft die EU die Quote ab, die Milchlieferrechte, die jeder Bauer bei seiner Molkerei hat. Der Kampf um Marktanteile werde die Preise noch mehr rauf-runter purzeln lassen: „Das ist Wertevernichtung pur auf Kosten der Bauern, denn keiner kauft mehr Milch, nur weil der Handel die Preise senkt“, sagt Gruber-Doberer.

Österreich hat gesamt eine Quote von 2,85 Millionen Tonnen im Jahr, und die wurde im abgelaufenen Milchjahr um 130.000 Tonnen überschritten. Dafür müssen die heimischen Bauern mit einer Strafzahlung über 36 Millionen Euro rechnen.