„Die Gefahr war noch nie so groß“. Die Vertreter der NÖ Wirtschaftskammer bangen um ihre Händler, schlagen Alarm und kritisieren die Politik heftig.

Von Walter Fahrnberger. Erstellt am 20. April 2021 (18:00)
Verschlossene Türen beim Handel in NÖ: Die Spartenvertreter Michael Nendwich (l.) und Nina Stift (r.) appellieren an die Bürger, mit Einkäufen bis 3. Mai zu warten.
Freynschlag

Harte Zeiten für Niederösterreichs Händler. Während Niederösterreich und Wien noch bis 2. Mai im Lockdown sind, hat neben Restösterreich seit Montag auch das Burgenland wieder geöffnet. Nina Stift (Obfrau des Mode und Freizeithandels in der WKNÖ) und Michael Nendwich (Vorsitzender der Sportartikelhändler) rufen im NÖN-Interview zur Solidarität innerhalb des Bundeslandes auf.

Wie ist aktuell die Stimmung unter Niederösterreichs Händler?

Nina Stift: Lassen wir einmal die großen wirtschaftlichen Sorgen der Händler – und hier vor allem die fehlende Liquidität durch das ständig verordnete Zusperren – beiseite. Mittlerweile geht die fehlende Planungssicherheit für den regionalen Handel vor allem auch mental an die Substanz der Unternehmer. Eigentlich heißt es doch mittlerweile seit mehr als einem Jahr nichts als warten. Das ist für die Händler mehr als frustrierend und herausfordernd. Es ist existenzbedrohend!

Michael Nendwich: Das Handeln der Politik wird zunehmend undurchschaubarer und auch unkoordinierter. Wir haben Hygienekonzepte entwickelt. Für wen? Es gibt nachweislich Studien, dass im Handel keine Ansteckungscluster auftreten. Wofür? Die Antwort der Politik nach einem Jahr Pandemie ist immer noch dieselbe wie im März 2020 – Lockdowns und undifferenzierte Schließungen ohne Plan und ohne Konzept.

Wo sind größten Herausforderungen für die Händler?

Stift: Wenn wir von Handel und Geschäften sprechen, dann reden wir in erster Linie von Menschen – und in NÖ hauptsächlich von Familienbetrieben mit 9.400 Arbeitsplätzen, die oft über Generationen hinweg unsere Dörfer und Innenstädte geprägt haben. Aber jetzt sind wir nach vier Lockdowns an einem Punkt, wo wir ganz klar sagen müssen: Noch nie war die Gefahr so groß, dass wir eine Vielzahl von Familienbetrieben verlieren. Im letzten Jahr wurden leider viele Käufe nicht beim Fachhändler gekauft, sondern bei internationalen Online-Händlern wie Amazon oder Zalando – und auch im Lebensmitteleinzelhandel, der Spielwaren und Sportgeräte anbietet, während der Fachhandel geschlossen ist. Da haben wir keine Chance, weil nicht mit gleichen Karten gespielt wird.

Nendwich: Von Fairness im Handel ist also absolut keine Rede. Was mich besonders ärgert, ist, dass die Politik im vergangenen Jahr in zig Verordnungen nicht gegengesteuert hat.

Warum ist für die heimischen Händler der Umstieg auf den Online-Handel so schwierig?

Nendwich: Gerade im Sportfachhandel sind die Produkte sehr beratungsintensiv. Darum greifen hier Online-Shops nur begrenzt. Maximal 15 Prozent des Umsatzes werden aktuell im NÖ Sportfachhandel online erzielt. Gleichzeitig ist aber sportliche Betätigung und Bewegung gerade in der Pandemie für die Gesundheit wichtig. Auch da sollten sich die Verantwortlichen fragen, ob sie immer die richtigen Prioritäten setzen.

Was kann getan werden, um ein Händlersterben zu verhindern?

Stift: Es wurden viele wichtige Unterstützungszahlungen geleistet, die auch nötig sind, um die heimischen familiengeführten Fachgeschäfte zu erhalten. Was jetzt auf den letzten Metern bis zur Öffnung des Handels am3. Mai gefragt ist, das ist die aktive Beteiligung unserer Kunden. Jeder entscheidet selbst mit, ob sein Händler an der Ecke überlebt. Und das tun die Kunden, indem sie sich dafür entscheiden, mit uns bis zur Wiederöffnung des Handels am 3. Mai zu warten und dann bei ihrem Fachhändler im Ort zu kaufen.