Arbeitsmarkt-Zukunft: „Ausbildungen gewinnen an Wert“. Der scheidende und der designierte AMS NÖ-Chef – Karl Fakler und Sven Hergovich – zu Herausforderungen, Zielen und Reformen.

Von Anita Kiefer. Erstellt am 19. Juni 2018 (08:21)
Franz Gleiß
Anita Kiefer im Gespräch mit Karl Fakler und Sven Hergovich.

Mit 1. Juli bekommt das AMS NÖ einen neuen Chef. Was waren die herausforderndsten Situationen in Ihrer Zeit an der Spitze des AMS NÖ?

Karl Fakler: Spannend war die Umstellung der AMV (Arbeitsmarktverwaltung, Anm.) auf das AMS. Ich war gerade am Anfang an der Gestaltung des AMS-Gesetzes stark beteiligt. Mit diesem sind eine Reihe von Verbesserungen gekommen. Ein höherer Grad der Autonomie des AMS, das neue Selbstverständnis einer serviceorientierten Einrichtung und eine höhere Budgetverantwortung. Der zweite Schritt war die Einführung des Services für Unternehmen. Dann gibt’s auch das weniger Ruhmreiche wie die Budgetkrise 1997.

War die Wirtschaftskrise nicht eine der großen Herausforderungen?

Fakler: Wenn man seit 1986 dabei ist, hat man mehr als eine Krise erlebt. Als Ökonom weiß ich, dass keine Konjunkturkrise ewig dauert, aber auch keine Phase der Hochkonjunktur ewig hält. Das AMS ist daran zu messen, wie gut es mit einer Situation umgeht. Die Gelder des AMS in einer guten Phase zu kürzen, weil die Arbeitslosenzahlen sinken – das kann man natürlich. Nur würde es dann nicht gelingen, in die Leute, die in einer schlechten Konjunktur gar keine Chance haben, in einer besseren Konjunkturphase zu investieren. Wenn das unterbleibt, chronifiziert sich Arbeitslosigkeit, und in der nächsten Abschwungphase ist der Sockel noch breiter.

Herr Hergovich, wo werden Sie künftig ansetzen?

Sven Hergovich: Ich übernehme eine sehr gut aufgestellte Organisation. Nur gibt es geänderte wirtschaftliche Rahmenbedingungen, auf die ich eingehen möchte. Die eine Herausforderung ist die stabile, positive wirtschaftliche Entwicklung, die zu einem steigenden Fachkräftebedarf führt. Was wir auch sehen ist, dass die Unterschiede, warum jemand arbeitslos wird, immer breiter werden. Gleichzeitig ist ein Schwerpunkt, den ich gezielt gesetzt habe, dass wir mit September einen Erhebungsdienst einführen, der sich der Arbeitswilligkeit, Scheinwohnsitzen und Schwarzarbeit widmet. Das ist zwar eine sehr kleine Gruppe, aber eine, die die Akzeptanz in der Bevölkerung von denjenigen, die unsere Hilfe wirklich brauchen, untergräbt.

Sind weitere Maßnahmen spruchreif?

Hergovich: Da gibt es jede Menge. Mir ist aber wichtig, dass wir das alles sorgsam prüfen, bevor wir das medial kommunizieren.

Die durchschnittliche Verweildauer der AMS-Kunden ist in den vergangenen zehn Jahren von 96 auf 151 Tage gestiegen. Sind die Langzeitarbeitslosen also länger arbeitslos?

Hergovich: Vollkommen richtig. Wir haben in den letzten Jahren der Krise einen relativ hohen Stock an Langzeitarbeitslosen aufgebaut. Es wird jetzt unsere Aufgabe sein, die gute Konjunktur auch dafür zu nutzen, Langzeitarbeitslose wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Gleichzeitig ist die Zahl der Arbeitsaufnahmen der Langzeitarbeitslosen von 830 auf 4.500 pro Jahr gestiegen. Das klingt nach einem Erfolg, aber die Langzeitarbeitslosen sind ja eigentlich die Sorgenkinder. Wie passen diese Zahlen zusammen?

Fakler: Das ist ein Effekt der verbesserten Konjunktur. Ein paar sind auch auf die kurze Phase der Aktion 20.000 zurückzuführen. Es ist ewig schade, dass diese Aktion nur in ganz schmalem Umfang umgesetzt wurde.

Das Thema Digitalisierung gilt noch immer als das Schreckgespenst, das viele Jobs kosten wird. Wie wird sich der Arbeitsmarkt in Zukunft verändern?

Hergovich: Man muss betonen, dass es eine Veränderung ist, die Vor- und Nachteile bringt. Es wird jedenfalls zu einer Verschiebung zwischen den Sektoren kommen – Profiteure und Verlierer sind nicht die Gleichen. Generell gewinnen Ausbildungen an Wert.

Die Effekte werden aber weder in die eine noch in die andere Richtung ausschlagen?

Hergovich: Das hängt davon ab, wie wir damit umgehen. Wir werden alles dafür tun, dass Niederösterreich zu den Profiteuren gehören wird.

Wie wird sich die Arbeitsvermittlung durch die Digitalisierung verändern?

Hergovich: Der Servicecharakter wird stärker. Vermittlung bleibt aber unsere Kerndienstleistung.

In Hinblick auf die angekündigten Reformen beim AMS durch die Regierung – übergeben Sie Ihre Aufgabe mit Sorge, Herr Fakler?

Fakler: Ich glaube, dass das AMS bisher gut aufgestellt war. Dass das AMS ausreichend Innovationskraft hat und hatte, sich laufend anzupassen und zu verbessern. Dass es keiner großen Anstöße von außen bedurft hätte. Wir haben relativ geringe Verwaltungskosten, sind relativ gut aufgestellt und beweisen jedes Mal ein hohes Maß an Flexibilität. Wir haben für jede Regierung recht gute Arbeit geleistet.

Bereiten Ihnen die Diskussionen rund um das AMS Sorgen, Herr Hergovich?

Hergovich: Ich bin Demokrat. Jede Bundesregierung darf ihre arbeitsmarktpolitischen Schwerpunkte setzen, das ist in Ordnung. Meine Aufgabe ist es, im Rahmen der Vorgaben, die ich habe, das Bestmögliche für den niederösterreichischen Arbeitsmarkt zu erreichen.