Holocaust-Überlebender: "Ich bin widerständig!“. Zum 75. Gedenktag der Befreiung von Auschwitz traf Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka auf den Holocaust-Überlebenden, Antisemitismus-Warner und Badener Karl Pfeifer.

Von Michaela Fleck. Erstellt am 28. Januar 2020 (02:58)
2020 mit Wolfgang Sobotka (links) im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands in Wien: Karl Pfeifer (91). 
Marschik

Im Konzentrationslager war er nie. „Aber ich wäre sicher nach Auschwitz gekommen!“ Ist Karl Pfeifer überzeugt. Schließlich war er schon fast auf dem Weg zur Familie seines Onkels, die bald darauf deportiert werden und nie wiederkommen sollte. Aber der in Baden geborene Sohn jüdischer Eltern entkam, mit 14, nach Palästina, während sein Vater ein Jahr später im Budapester Ghetto verstarb.

„An Selbstmord hab’ ich nie gedacht. An Mord des Öfteren.“ Sagt der heute 91-jährige im Dokumentarfilm „Zwischen allen Stühlen“. Und ist trotzdem zurückgekehrt. Nach Österreich. In seine Geburtsstadt Baden. Und, immer wieder, auch ins Dokumentationsarchiv von Österreichs Widerstand.

„Bei einem Neonazi werden Sie mit Aufklärung nicht weiterkommen. Bei einem Jugendlichen schon!“ Journalist und Mahner Karl Pfeifer 

Dort traf sich Karl Pfeifer ein paar Tage, bevor in Brüssel, in Wien und in Auschwitz-Birkenau der 75. Gedenktag nach der Befreiung des größten Vernichtungslagers des Dritten Reiches begangen wurde, mit Österreichs Nationalpräsident Wolfgang Sobotka.

„Als Republik Österreich sehen wir uns den jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern gegenüber verpflichtet, die Erinnerung an das dunkelste Kapitel unserer Geschichte zu bewahren.“ Er, Sobotka, habe selbst „aus eigenem Antrieb“ die NS-Vergangenheit seiner Familie hinterfragt und erforscht. „Diese persönliche Erfahrung war erschreckend und wegweisend zugleich.“

1931 mit seinen Eltern Margarethe und Ludwig Pfeifer vor deren Wohnhaus in der Marchetstraße in Baden: Karl Pfeifer (3). 
Pfeifer

Karl Pfeifer dagegen machte schon als Kind erschreckende Erfahrungen. In der Schlossstraße, in Baden, er kam gerade aus der Volksschule, als ihn „drei oder vier Hitlerjungen erwischten“. „Saujud, sag Heil Hitler!“, schrien sie und drückten ihm die Kehle zu.

Eine Baronesse hätte ihn damals gerettet, erzählt Karl Pfeifer. Dann nahm ihn die Mutter aus der Schule („Abschlusszeugnis bekam ich keines“) und ging mit ihrer Familie nach Ungarn. Jahrzehnte später sollte ihr Sohn der „meist ausgewiesenste Journalist aus Ungarn“ sein. Weil er seit den 1970er-Jahren immer wieder über Antisemitismus und Nationalismus in Ungarn geschrieben hat, auch über Viktor Orbán und seine Fidesz-Partei. Geschrieben hat Karl Pfeifer („ich habe ja keinen Universitätsabschluss, ich bin Autodidakt“) aber auch über Kreisky, über Waldheim oder über Haider. Geredet hat er „immer mit jedem, der mich höflich anspricht, auch mit einem FPÖ-Mann im Flugzeug nach London“. Aber: „Ich war und bin ein erbitterter Gegner der FPÖ!“ Und doch werde ihn, so Pfeifer, niemand davon überzeugen, „dass Östereich ein Nazi-Land ist“. Heute sei es sicher ein besseres Land, auch wenn es nicht perfekt sei. „Man sieht heute, dass Menschen lernen können. Das ist eine Sache, die auch in Österreich wichtig ist.“

Damit gerade auch junge Menschen lernen, geht Karl Pfeifer heute in ganz Österreich in Schulen und erzählt, von seiner Kindheit, von seiner Jugend, von Ungarn, von Palästina, von Österreich und von der Zweiten Republik. „Ich komme nur in mittlere und höhere Schulen. Am meisten hab’ ich mit 17- oder 18-Jährigen zu tun.“ Man müsste politische Bildung aber „auch für Lehrlinge“ machen. Er, Pfeifer, rede immer von Gewissen. Das sollte auch die Schule den Kindern beibringen.

Und der Staat? Habe, so Wolfgang Sobotka, eine „Verpflichtung“: „Die einzelnen Schicksale in unser gemeinschaftliches Gedächtnis“ zu überführen. Denn: „Erinnern“, ist Sobotka überzeugt, „muss eine Haltung sein!“