WKNÖ-Präsidentin:„Mehr Fachkräfte, weniger Bürokratie!“. WKNÖ-Präsidentin Sonja Zwazl über positive Signale beim Fachkräftemangel und über den nun im Verwaltungsrecht verankerten Grundsatz „Beraten statt strafen“.

Von NÖN Redaktion und NÖN Sonderjournal-Redaktion. Erstellt am 13. Mai 2019 (06:46)
Josef Bollwein/ www.sepa.media
Bei der Gesamtzahl der Lehrlinge haben wir in Niederösterreich den
größten Anstieg unter
allen Bundesländern“,
so WKNÖ-Präsidentin
Sonja Zwazl.

Frau Präsidentin, wie würden Sie die aktuelle Lage für Niederösterreichs Wirtschaft beschreiben?

Sonja Zwazl: Wir hatten zuletzt einen starken konjunkturellen Aufschwung, dessen Ergebnisse sich jetzt in der Breite verfestigen. Die Mehrheit der niederösterreichischen Unternehmen geht von einer gleichbleibenden Entwicklung aus. Die NÖ-Exporte sind zuletzt deutlich gestiegen. Darüber hinaus ziehen die Investitionen an, viele Unternehmen sehen also Potenziale für zusätzliche Aufträge und mehr Geschäfte.

Für die den Unternehmen dann aber oft die nötigen Fachkräfte fehlen?

Zwazl: Der Fachkräftemangel ist tatsächlich das Problem Nummer 1. Aber es gibt hier auch positive Signale: Die Zahl der Lehranfänger in unseren Unternehmen ist in den letzten drei Jahren um in Summe 15 Prozent gestiegen. Allein im letzten Jahr gab es ein Plus von fast sechs Prozent. Bei der Gesamtzahl der Lehrlinge haben wir in Niederösterreich den größten Anstieg unter allen Bundesländern.

Worauf führen Sie diese Trendwende zurück?

Zwazl: Ich denke schon, dass hier die kontinuierliche und intensive Arbeit der Wirtschaftskammer Niederösterreich für die Lehre einen wesentlichen Beitrag geleistet hat. Wir haben schon für die Lehre mobil gemacht, als in der Bildungspolitik fast nur etwas von Schulen und Unis zu hören war. Haben mit der Initiative „Let’s Walz“ Auslandspraktika für Lehrlinge initiiert und umgesetzt, haben konsequent die tollen Leistungen unserer Lehrlinge bei nationalen und internationalen Wettbewerben vor den Vorhang geholt, die hervorragende Qualität unserer Ausbilderbetriebe in Zeitungsartikeln und mit einer eigenen Trophy gewürdigt usw. – mit dem Ergebnis, dass die Lehre in der Öffentlichkeit und der Politik nun zunehmend wieder jenen Stellenwert bekommt, den sie verdient: als absolut hochqualifizierte Top-Ausbildung mit besten Zukunftschancen! Und auch als tolle Chance für Maturanten. Es muss nach der Matura nicht immer eine Uni sein.

Hat das Thema Fachkräfte die überbordende Bürokratie als zentrale Herausforderung für Niederösterreichs Unternehmen abgelöst?

Zwazl: Da geht es nicht um ersten oder zweiten Platz. Es geht um beides: Mehr Fachkräfte, weniger Bürokratie! Auch bei der Entbürokratisierung haben wir einiges erreicht – mit Vereinfachungen, die vom Land Niederösterreich umgesetzt wurden, etwa bei diversen Antragstellungen. Mit dem neuen Standortanwalt für schnellere Verfahren. Mit der ausgeweiteten Genehmigungsfreistellung bei Betriebsanlagen. Und ganz besonders wichtig ist, dass wir es endlich geschafft haben, den Grundsatz „Beraten statt strafen“ im Verwaltungsstrafrecht zu verankern.

Das heißt konkret?

Zwazl: Dass nicht mehr jeder kleinste, unabsichtliche Fehler, den eine Unternehmerin, ein Unternehmer macht, gleich zu – oft noch dazu völlig unverhältnismäßig hohen – Strafen führt. Erst wird beraten, nur im Wiederholungsfall wird gestraft. Da geht es nicht um einzelne schwarze Schafe, die vorsätzlich handeln. Da geht es um Fehler, die schließlich überall passieren können – noch dazu bei immer komplizierteren rechtlichen Bestimmungen. Es ist höchst an der Zeit, dass wir endlich davon wegkommen, Unternehmern ständig böse Absichten zu unterstellen.

Warum funktioniert die Sozialpartnerschaft in Niederösterreich besser als in anderen Bundesländern?

Zwazl: Weil wir das Miteinander ins Zentrum stellen, da wir gemeinsam etwas weiterbringen wollen – eben Sozialpartnerschaft so leben, wie sie gedacht ist. Das heißt natürlich nicht, dass wir immer einer Meinung sind. Aber das diskutieren wir intern aus, ohne öffentliche Kraftmeierei. Und immer mit gegenseitiger Wertschätzung und auf Augenhöhe.