Müsliriegel aus Traismauer in die Welt. Bis zu einer Million Müsliriegel werden pro Tag hier im Bezirk St. Pölten produziert.

Von Anita Kiefer. Erstellt am 29. Juni 2018 (12:44)
Franz Gleiß
In der Gutschermühle werden keine eigenen Marken, sondern Eigenmarken für andere Unternehmen gefertigt.

Heinrich Prokop kennt man. Und zwar als geradlinigen Investor und Business Angel aus der Puls 4-Show „2 Minuten 2 Millionen“. Und auch sein „Brotberuf“ ist den Start-up-interessierten Österreichern ein Begriff. „Das ist der mit den Müsliriegeln und den Start-ups, das sagen viele, wenn sie mich auf der Straße sehen“, bestätigt Prokop. Die Fernsehshow ist auch zum Marketinginstrument für seine Tätigkeit als Geschäftsführer der Gutschermühle in Traismauer (Bezirk Sankt Pölten) geworden. Hier werden pro Tag von rund 80 Mitarbeitern bis zu einer Million Müsliriegel gefertigt.

„Vor 2 Minuten 2 Millionen war die Gutschermühle nur Insidern ein Begriff. In der Öffentlichkeit zu stehen, hat auch dem Unternehmen geholfen, etwa in der Mitarbeiterrekrutierung.“ Hinter dem Namen Gutschermühle würden die wenigsten per se ein High-tech-Unternehmen vermuten, so der 56-Jährige, der direkt am Firmenstandort in Traismauer wohnt.

Wir haben die Türken überlebt, die Schweden, die Kommunisten und das Dritte Reich – und ich geh’ mit der weißen Fahne raus, bevor der Konflikt überhaupt angefangen hat.“Heinrich Prokop über das Zerwürfnis mit seinem Vater durch die Umstellung der Produktion auf Müsliriegel.

Die Müsliriegelproduktion war übrigens keine ureigene Idee von Heinrich Prokop. Schon dessen Vater, von dem Prokop das Unternehmen übernommen hat, hat einige Experimente in Richtung Müsli gemacht. „Mein Vater hat als einer der wenigen erkannt, dass Müllerei ein Auslaufmodell war.“ Der Grund war der EU-Beitritt Österreichs 1995. Bis dahin habe es sich dabei nämlich um eine Art geschütztes Gewerbe gehandelt. „Vor dem EU-Betritt durfte an einem Standort nur eine gewisser Prozentsatz an Getreide verarbeitet werden, der sich an dem Mehlbedarf in Österreich orientiert hat. Die Idee dahinter war Versorgungssicherheit“, erzählt der Traismaurer.

Damit war mit der EU-Mitgliedschaft Schluss. „Mein Vater hat früh Alternativen gesucht und unter anderem in Weizenkleieaufbereitung und Müsliprodukte abseits von Mehl investiert.“ Zu dieser Zeit hat Prokops Vater seinen Sohn, der gerade knapp 30 Jahre alt und in Deutschland tätig war, in das Familienunternehmen zurückgeholt. Mehrere Jahre lang haben Vater und Sohn gemeinsam gearbeitet. „Für mich war mit dem EU-Beitritt klar, dass wir die Mehlproduktion einstellen.“ Heinrich Prokop befürchtete einen ruinösen Preiswettbewerb unter den einzelnen Mühlen.

Franz Gleiß
Heinrich Prokop (56) ist als Investor bei der Beteiligungsgesellschaft Clever Clover und als Geschäftsführer der Gutschermühle in Traismauer (Bezirk St. Pölten) tätig.

Das Einstellen der Mehlproduktion allerdings führte zu einem schweren Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn. „Seit dem Jahr 1158 wurde in Traismauer Mehl produziert. Wir haben die Türken überlebt, die Schweden, die Kommunisten und das Dritte Reich – und ich geh’ mit der weißen Fahne raus, bevor der Konflikt überhaupt angefangen hat. Wir haben fast ein Jahr lang nicht miteinander gesprochen.“ Die erste Zeit war auch im Betrieb eine harte: Prokop musste Mitarbeiter entlassen und große Umsatzrückgänge hinnehmen. Innerhalb weniger Jahre war der Umsatz aber wieder auf dem Niveau wie vor dem EU-Beitritt, Vater und Sohn hatten sich versöhnt.

Heute gehört die Gutschermühle zur Schweizer Haco Holding AG. 2009 hat Prokop das Unternehmen nach 150 Jahren in Familienbesitz verkauft. Leicht ist ihm dieser Schritt nicht gefallen. „Nur: Man muss unterscheiden zwischen Ratio und Emotion. Rational war unser Geschäftsmodell nicht aufrecht zu erhalten, ohne massiv zu investieren. Ich habe mir die Frage gestellt: Will ich noch einmal mit vollem Risiko einsteigen?“ Schließlich hat Haco die Gutschermühle gekauft und Prokop als CEO für ein Jahr verpflichtet. Daraus sind mittlerweile mehrere Jahre geworden. „Die Familie ist heute auch Aktionär – der Standort hat mit dem Verkauf an Absicherung gewonnen. Wir sind heute im Verbund von drei Riegelfabriken und damit weniger von einigen Großkunden abhängig.“

Spezialisten in Entwicklung, Produktion und Innovation

Eigene Marken an Müsliriegeln werden in der Gutschermühle nach wie vor nicht produziert – nur Eigenmarken. „Unser Geschäftsmodell ist nicht, eigene Markenführung zu betreiben. Wir sind die Spezialisten in Entwicklung, Produktion und Innovation.“

Heute zieht sich Prokop selbst operativ immer mehr aus dem Unternehmen zurück und baut seinen designierten Nachfolger in der Gutschermühle auf. Zwei Mal pro Monat fährt der 56-Jährige außerdem in die Niederlande. Dort hat er, gemeinsam mit einer Partnerin, Clever Clover gegründet – eine Beteiligungsgesellschaft, über die in Start-ups investiert wird. Seit 2012 ist Prokop ja als Business Angel tätig, seit 2013 gibt es Clever Clover. „Wir investieren ja nicht nur in die Start-ups, sondern wir begleiten die Unternehmungen auch für fünf Jahre“, erklärt Prokop das Geschäftsmodell.

Start-ups und große Unternehmen, das passe ja gut zusammen. Die jungen Start-ups sind innovativ und haben mehr Tempo als die großen Unternehmen. Letztere haben oft die nötige Hardware für die Produktion. „Man braucht sich gegenseitig“, fasst der Investor zusammen.

Innovationen beim Thema Ernährung

So wie der ernährungsaffine Prokop den Trend hin zu Müsliriegeln vor über zwanzig Jahren entdeckt hat, so ist er auch heute auf der Suche nach Innovationen beim Thema Ernährung. Als Trend nennt er etwa „clean meat“. Das meint im Bioreaktor gezüchtetes Fleisch auf Basis einer Stammzelle. „Das Problem: Noch sind die Herstellungskosten zu hoch. Ich bin überzeugt, dass Produkte dieser Art in zehn Jahren im Supermarkt zu finden sind. Ich war bei einer Blindverkostung für Rinderfilet dabei. Mir als Lebensmittelexperte war es unmöglich, das auseinanderzukennen.“ Mit clean meat würden viele Probleme gelöst, ist der Investor überzeugt – Tierleid, CO 2 , Anbau von Soja für das Futter, Tiertransporte, Umwelt und vieles mehr.

Weiterer Trend: Der Protein-Trend. „Mein Lieblings-Start-up zurzeit ist Big Power aus der Steiermark – Schinkenchips mit hohem Proteinanteil – gegründet von drei Schwestern. Es wird in naher Zukunft auch eine Kooperation zwischen Gutschermühle und Big Power geben – mehr wird aber noch nicht verraten“, so der 56-Jährige.

Zurück zur Gutschermühle, die 2017 einen Umsatz von rund 20 Millionen Euro erwirtschaftet hat: Hier spielt nämlich auch sehr laut Zukunftsmusik. In Traismauer wurde gerade ein Zubau eröffnet, in den sechs Millionen Euro investiert wurden. Ein neues Rohstoff- und Verpackungslager, ein Fertigproduktlager, ein Technikbereich und ein Logistikbüro sind entstanden. „Es gab aber keine große Eröffnung. Schweizer bevorzugen leise Töne. Man investiert und es geht schon los.“

Von Anita Kiefer/NÖN-Sonderjournal-Redaktion