Homeoffice beflügelte Wohnpreise in NÖ

Wohneigentum in Österreich verteuerte sich um sieben Prozent im Jahr 2020 im Vergleich zum Vorjahr. Mit den Preisen stieg auch die durchschnittliche Kreditsumme beim Immobilienkauf. Niederösterreich zählt bundesweit zu den günstigeren Wohnregionen, wobei es im Vorjahr große Unterschiede auf Bezirksebene gab. Wohnen im Grünen und eine gute Internetverbindung wurden in Zeiten von Homeoffice allerorts gefragter. Das zeigt eine gemeinsame Studie der Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien, Raiffeisen Research und Raiffeisen Immobilien.

Verena Huber Erstellt am 16. September 2021 | 16:44
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Geschäftsführer von Raiffeisen Immobilien Niederösterreich/Wien/Burgenland Peter Weinberger, Generaldirektor-Stv. und Kommerzkundenvorstand der Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien AG Reinhard Karl, Chefanalyst von Raiffeisen Research Peter Brezinschek und Senior Ökonom bei Österreich Volkswirtschaft und Immobilien Raiffeisen Research Matthias Reith (v.l.n.r.) sprechen über Entwicklungen am Wohnimmobilienmarkt während und nach der Pandemie.
Foto: Roland Rudolph

Die Pandemie und die damit verbundene hohe Unsicherheit, niedrige Zinsen und Entwicklungen wie Homeoffice hatten Auswirkungen auf den blau-gelben Immobilienmarkt und die Immobilienfinanzierung. Wohneigentum in Österreich war im Pandemiejahr 2020 um sieben Prozent teurer als 2019. Während man in Wien und vor allem in Westösterreich mit hohen Preisen rechnen muss, sind Wohnimmobilien in Niederösterreich verhältnismäßig günstig. Doch auch hierzulande wird das Wohnen teurer und die Preisschere zwischen NÖ und dem restlichen Österreich somit kleiner. Die Preise für Einfamilienhäuser stiegen im Vorjahr in NÖ um 7,6 Prozent - mehr als im bundesweiten Schnitt. Das geht aus dem Wohnimmobilienreport von Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien, Raiffeisen Research und Raiffeisen Immobilien hervor.

Steigende Preise in Bruck, Wagram und im Tullnerfeld

 „Neun Länder, neun Märkte“, sagt Matthias Reith, Senior Ökonom für die österreichische Volkswirtschaft und den Immobilien Markt bei Raiffeisen Research und meint damit die regionalen Unterschiede bei den untersuchten Wohnimmobilienpreisen. Große Preisunterschiede gibt es im flächenmäßig größten Bundesland aber zudem auf Bezirksebene. „Nirgendwo sonst schwanken die Preise von Haus, Wohnung oder Grund auf Bezirksebene derart wie in Niederösterreich“, sagt Chefanalyst von Raiffeisen Research Peter Brezinschek. Gründe dafür seien die Nähe zu Wien und dass die Landeshauptstadt in der Landesmitte liegt.

So sind die Preise für Wohnimmobilien im Speckgürtel deutlich teurer als im Waldviertel. Preiszuwächse gab es bei Immobilien im Speckgürtel rund um Wien, in Amstetten und Wr. Neustadt entlang der Süd- und Westbahn. Unabhängig von der Coronakrise beobachtete man in Tullnerfeld und Wagram sowie in Bruck an der Leitha weiterhin steigende Preise.

Wohnen im Grünen ist im Trend, gefragt sind Garten und Terrasse

Neben einem Preisanstieg hat die Pandemie laut der Studie alte Trends auf den Immobilienmarkt verstärkt und neue herbeigeführt. Der Traum vom Leben im Grünen sei stärker denn je, meint Peter Weinberger, Geschäftsführer von Raiffeisen Immobilien NÖ/Wien/Burgenland. In Zeiten der Lockdowns ist die Nachfrage nach Wohnimmobilien in ländlicheren Regionen gestiegen. Gefragt sind nun größere Heime mit 80 bis 85 Quadratmeter und Garten oder Terrasse.

Auf Homeoffice und Homeschooling werden auch so manche Entwicklungen zurückgeführt. Vor allem in Niederösterreich und dem Burgenland habe Homeoffice den Zuzug verstärkt. Eine gute Internetverbindung sei ebenfalls ein Muss geworden. „Ein gutes Breitbandnetz ist inzwischen attraktiver als ein gutes Verkehrsnetz“, sagt Weinberger.

Generell gilt laut Reith am Immobilienmarkt: „Ohnehin schon Teures wird schneller noch teurer.“ Weinberger sehe aber eine Chance für andere Regionen wie das dünner besiedelte Waldviertel. Denn von den aktuellen Trends würden neben den Wohnimmobilen im Speckgürtel auch jene in den ländlichen Regionen mit Garten oder Terrasse und guter Internetanbindung profitieren, sagt Weinberger.

Im Schnitt 330.000 Euro Kredit für Immobilienkauf

Mit der Krise wurde die Nachfrage nach Eigenheimen größer. „Letztes Jahr haben historische niedrige Zinsen in vielen Fällen den Immobilienkauf zu leistbaren Raten möglich gemacht“, erklärt Reinhard Karl, Generaldirektor-Stv. und Kommerzkundenvorstand der Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien AG. Folglich hat Raiffeisen NÖ-Wien Ende 2020 eine steigende Nachfrage nach Immobilienfinanzierungen verzeichnet. Das Finanzierungsvolumen sei um 15,5 Prozent im Vergleich zu vor der Krise im Jahr 2019 gewachsen. Bis Juli sei sie abermals um weitere 6,7 Prozent gestiegen.

Als eine Folge der Preissteigerung am Immobilienmarkt sei auch die durchschnittliche Kreditsumme beim Immobilienkauf gestiegen. Und zwar in den vergangenen zwei Jahren um rund zehn Prozent auf 330.000 Euro. Kreditnehmer würden sich verstärkt für lange Fixzinssätze entscheiden. „Die Kunden kennen somit die genauen monatlichen Raten und reduzieren das Risiko von steigenden Zinsen“, erklärt Karl. Jenen, die einen Kredit aufnehmen möchten, empfiehlt er: „Die Kreditrate sollte maximal 30 Prozent vom monatlichen Nettoeinkommen ausmachen.“ Denn so könne man den gewohnten Lebensstandard halten.

Seit 2005 steigende Immobilienpreise in Österreich

Corona und die Rezession des Vorjahres habe den preislichen Steilflug bei Wohnimmobilien befeuert. Ein Preisanstieg bei Immobilien werde in Österreich aber schon deutlich länger beobachtet. Zwar sei der heimische Zyklus mit 15 Jahren global betrachtet der „Dienstälteste“, jedoch zähle der österreichische Wohnimmobilienzyklus damit nicht automatisch zum „alten Eisen“, meint Reith und sagt: „Wohnimmobilienzyklen sterben nicht an Altersschwäche, sondern werden umgebracht“.

Laut der Studie war von Jänner bis Juli 2021 die Nachfrage nach Immobilien weiterhin groß. Nach dem Motto „Grundbuch statt Sparbuch“ sei Inflationsschutz vor Sicherheitsschutz gegangen, meint Reith. Gleichzeitig hätten Lieferengpässe zu hohen Preisen bei Baumaterialien und somit zu hohen Preisen im Neubau geführt. Zudem seien mit steigenden Inflationserwartungen leicht höhere Kapitalmarktrenditen einhergegangen, ergänzt Brezinschek.

Das Ende des steigenden Wohnimmobilienzyklus hat die Corona-Pandemie jedenfalls nicht herbeigeführt. Es werde für die kommenden zehn Jahre zwar ein niedrigerer preislicher Anstieg erwartet als in den vergangenen zehn Jahren. Der prognostizierte Anstieg liege aber dennoch über der Inflation, gibt Reith Einblick in die Studie und Ausblick über die künftige Entwicklung am Immobilienmarkt.