Bewässerung & Glasfaser für eine starke Landwirtschaft. Landwirtschaftskammerpräsident Hermann Schultes über die Ernte, Pläne zur Bewässerung, Kennzeichnungspflicht und Lebensbedingungen im ländlichen Raum.

Von Christiane Buchecker und Christine Haiderer. Erstellt am 26. September 2017 (15:41)
Franz Gleiß

NÖN: Was ist das Besondere der Landwirtschaft in Niederösterreich?

Hermann Schultes: Da bei uns der bäuerliche Familienbetrieb unglaublich regional angepasst ist, hat er einen echten wirtschaftlichen Platz. Und: Unterstützt von bäuerlichen Organisationen, die eng zusammenarbeiten, schaffen es die Bauern, auch international mitzumischen.

Welche Eigenschaften, denken Sie, muss ein Landwirt oder eine Landwirtin mitbringen, um erfolgreich zu sein?

Schultes: Man muss äußerst geduldig sein, man muss zäh sein, und man muss ein selbstbestimmtes Leben führen wollen. Auch muss man bereit sein, dann mit vollem Einsatz zu arbeiten, wenn es die Natur vorgibt. In Regionen, die von Tierhaltung geprägt sind, wird dieser Rhythmus von den Tieren und deren Bedürfnissen vorgegeben, in Regionen mit Ackerbau vom Wetter, vom Regen, von der Sonne ...

Das Wetter fordert Niederösterreichs Landwirte heuer besonders. Insbesondere die Hitzeperioden. Welche Auswirkungen hat die Dürre auf den Wein?

Schultes: Über den Wein sollten wir erst reden, wenn er im Fass ist. Aber: Wenn jetzt nichts mehr passiert, wird uns der Jahrgang beim Trinken Freude machen. In den meisten Gebieten wird auch die Menge passen.

Und wie steht es um die restlichen Ernteerträge?

Schultes: Beim Getreide fehlen durch den Regenmangel 1.500 bis 2.000 Kilogramm je Hektar, die Maisernte ist stark von der Region abhängig, mancherorts gibt es beim Mais aber Totalausfälle. Wir haben große Einbußen bei den Zuckerrüben und bei den Kartoffeln – hier sogar ein Drittel.

Was bedeutet das für die Zukunft?

Schultes: Die Veränderungen des Klimas sind dramatisch. Das ist keine Mode, sondern eine wesentliche Veränderung unseres Lebens. Wir erwarten, und das wird nicht mehr so lange dauern, klimatische Bedingungen wie in Ostanatolien. Das hat zur Folge, dass die Landwirtschaft in vielen Gebieten ohne zusätzliches Wasser nicht mehr möglich sein wird.

Wasser, zum Beispiel aus der Donau, das mittels Pipelines auf die Felder geleitet wird?

Schultes: Genau. Wir haben mit dem Land NÖ eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben, die zeigt, dass die Donau dauerhaft Wasser liefern kann – das Wasser wird ja nicht verbraucht, sondern umgeleitet. Verteilt man also vielleicht ein bis zwei Prozent des vorbeifließenden Donauwassers, können entsprechende Kulturen möglich gemacht werden. In Niederösterreich sind es an die 250.000 Hektar, auf denen man durch Beregnung sinnvoll eine Produktion absichern kann. Davon sind etwa 100.000 Hektar bereits erschlossen. Etwa die Hälfte davon wird schon beregnet: im Tullnerfeld, in der Wachau, im Marchfeld, in der Brucker Region.

Darüber hinaus wäre für eine starke Landwirtschaft noch viel möglich. Eine sichere Wasserversorgung bedeutet Ernte sicherheit. Das ist wiederum für die Verarbeiter wichtig, denn: Tiefkühlwerk, Pommes frites & Co. brauchen eine verlässliche Belieferung und keine vom Wetter abhängige. Durch die Bewässerung können wir der Standort der Zukunft für die Verarbeiter sein. Wir schaffen grüne Regionen, Arbeit, Lebensmittel und vitale ländliche Räume.

Apropos vitale ländliche Räume und Lebensmittel: Worauf legen die Konsumenten heutzutage Wert?

Schultes: Unser Leben ist in manchen Bereichen unüberschaubar geworden. Das, was einem wirklich wichtig ist, sind Essen und Trinken. Und da will man wissen, dass man auf der sicheren Seite ist. Da geht es um Vertrauen in die Herkunft und die Menschen hinter den Produkten. Und wenn ich niemandem vertrauen kann oder will, dann weiß ich wenigstens, dass in Österreich schärfer kontrolliert wird als in allen anderen Ländern der Welt.

Sie treten für die Kennzeichnungspflicht bei Fleisch und Eiern in der Außer-Haus-Verpflegung ein. Warum?

Schultes: Damit das, was als gut erwartet auch ehrlich angeboten wird, muss es selbstverständlich sein, dass ich weiß, woher zum Beispiel das Fleisch kommt. In Österreich wollen die Leute wissen, ob das Fleisch im Gulasch von der österreichischen oder von der rumänischen Kuh ist. Dort, wo beim Hendl nichts draufsteht, ist die Chance groß, dass es aus Thailand oder Brasilien kommt. Hier sind die Preisunterschiede auch ganz groß, und die Trittbrettfahrer machen gute Geschäfte. Daher soll jeder draufschreiben, was er bietet, und es ehrlich zugeben.

Aus diesem Grund hat die Landwirtschaftskammer auch die Initiative „Gut zu wissen“ ins Leben gerufen. Unser Tagesablauf erfordert immer häufiger, dass man außer Haus essen muss: im Kindergarten, in der Mensa, in der Kantine und so weiter. Dort ist es oft schwer bis gar nicht erkennbar, woher die Zutaten für die Mahlzeiten, im Besonderen Eier und Fleisch, kommen.

Mit der Initiative „Gut zu wissen, wo unser Essen herkommt“ setzen wir ein Zeichen, um für jeden die Herkunft auf einen Blick einfach und klar erkennbar auf der Speisekarte oder am Menüplan zu machen. So kann man als Konsument das Essen nach Herkunft und Qualität wählen.

Ein weiteres Thema im ländlichen Raum ist die Abwanderung. Was kann man dagegen tun?

Schultes: Was die Leute am Land hält, sind die emotionale Bindung, die Gemeinschaft im Dorf, die Freiwillige Feuerwehr, die Kirche, die Musikschule, die Jagd … Was die Leute wegziehen lässt, sind wirtschaftliche Gründe und Motive. Das Dorf muss daher erreichbar sein. Für Pendler muss es gute Verbindungen geben fürs Auto und bei öffentlichen Verkehrsmitteln.

Was braucht es noch?

Schultes: Sehr wichtig ist der rasche Ausbau der Glasfaser bis in die entlegensten Ortschaften. Junge Frauen, die zum Beispiel studiert haben, müssen dort arbeiten können, wo sie leben. Da ist viel mehr möglich, wenn sie zuhause arbeiten können. Stichwort „Home Office“. Auch die tägliche Arbeit am Bauernhof und „Urlaub am Bauernhof“ brauchen ein rasches Internet.

Wenn wir jetzt nicht wirklich Vollgas geben, erleben manche Regionen einen nicht aufholbaren Rückstand. In fünf Jahren soll es keine weißen Flecken mehr geben.

Zum Schluss noch zu einem brennenden aktuellen Problem, dem Borkenkäfer. Wie groß ist der Schaden heuer?

Schultes: Es ist schlimm. Noch nie da gewesen. Der Käfer verändert die Landschaft. Mehr als 600.000 Kubikmeter kommen aus dem Wald. Welches Holz es betrifft, gibt der Borkenkäfer vor, nicht der Mensch. Wir haben jetzt ein Maßnahmenpaket geschnürt und müssen schauen, was funktioniert, und hart dranbleiben.