Zwazl: "Unternehmen stehen für 450.000 Arbeitsplätze“. Digitalisierung, Aus- und Weiterbildung, Lehrlinge und das Reduzieren bürokratischer Hürden – darüber spricht Sonja Zwazl, Präsidentin der Wirtschaftskammer NÖ.

Erstellt am 27. Juni 2018 (04:04)
Josef Bollwein
Sonja Zwazl, Präsidentin der Wirtschaftskammer NÖ: „Unternehmen sollen sich um ihre Produkte und Dienstleistungen kümmern können, statt sich mit sinnlosen bürokratischen Auflagen herumzuschlagen.“Josef Bollwein

Wir leben in einer Zeit eines starken Wandels. Wie sehr im Wandel ist Niederösterreichs Wirtschaft?

Sonja Zwazl: Dazu gibt es zwei Seiten: Einerseits ist Niederösterreichs Wirtschaft extrem stabil – mit ihrem gut ausgewogenen Mix aus besonders flexiblen EPU, kreativen kleinen und mittleren Unternehmen und bestens vernetzten Großbetrieben. Zum anderen sind Innovationen und der technologische Wandel für Unternehmen ein Dauerthema – wobei dieser Aspekt mit der Digitalisierung derzeit besonders stark ausgeprägt ist. Die Digitalisierung geht uns alle an.

Wie gut sind die NÖ-Unternehmen bereits auf die Digitalisierung vorbereitet?

Zwazl: Durchaus noch unterschiedlich und es ist keine Frage der Größe – von absoluten Vorreiterunternehmen bis hin zu Betrieben, wo es noch Aufholbedarf gibt. Über die Initiative KMU Digital von Wirtschaftsministerium und Wirtschaftskammer unterstützen wir die Umsetzung von Digitalisierungsmaßnahmen mit bis zu 4.000 Euro pro Unternehmen. Wobei die Digitalisierung ganz maßgeblich auch eine Frage der Aus- und Weiterbildung ist.

Das heißt?

Zwazl: In der Lehre werden die Berufsbilder ständig an die technologische Entwicklung angepasst, da sind wir am Puls der Zeit. Ein solches Anpassungstempo brauchen wir auch im Schulsystem. Und natürlich ist auch die Erwachsenenbildung in Sachen Digitalisierung gefordert. Das WIFI NÖ bietet unter dem Motto „denk digital“ dazu über 300 Kurse und Seminare mit über 1.000 Terminen im Jahr an .

Stichwort Lehrlinge: Da haben Sie zuletzt von einer Trendwende gesprochen. Hat sich die verfestigt?

Zwazl: Ja, die Zahl der Lehranfänger steigt weiter. In den letzten beiden Jahren ist die Zahl der Lehrlinge im ersten Lehrjahr in unseren Betrieben um 8,6 Prozent gestiegen. Und das ist gut so. Denn unsere Unternehmen brauchen dringend gut qualifizierte Fachkräfte. Maßnahmen für die Lehre wie der NÖ-Begabungskompass, verstärkte Berufsorientierung an den Schulen oder unsere Initiative „Let’s Walz“, mit der Lehrlinge Auslandserfahrungen machen können, zeigen Wirkung.

Zeigt auch Ihre nachhaltige Kritik an zu vielen bürokratischen Hürden für Unternehmen Wirkung?

Zwazl: Das Land NÖ hat bereits erste Deregulierungsschritte gesetzt, bei der Bundesregierung steht das Thema zu Recht jetzt ganz oben auf der Agenda. Der Weg stimmt, denn Unternehmen sollen sich um ihre Produkte und Dienstleistungen kümmern können, statt sich mit sinnlosen bürokratischen Auflagen herumzuschlagen.

Eine Flexibilisierung der Arbeitszeit gehört da auch dazu?

Zwazl: Das fällt für mich nicht unter Deregulierung, sondern unter sinnvolle Weiterentwicklung. Wir müssen endlich zu einem Konsens finden, dass von flexibleren Arbeitszeiten beide Seiten – Unternehmen wie Beschäftigte – profitieren können. Gerade Niederösterreich steht für ein besonders gutes Miteinander in den Betrieben.

Trotzdem gibt es immer wieder Klagen, dass die Leistungen der Unternehmen von der Öffentlichkeit zu wenig gewürdigt werden.

Zwazl: Unternehmer-Bashing ist Unfug. Denn ohne Unternehmerinnen und Unternehmer läuft gar nichts. Tatsache ist, dass Niederösterreichs Unternehmen Hervorragendes leisten. Sie stehen für 450.000 Arbeitsplätze, zahlen 14,5 Milliarden Euro im Jahr an Löhnen und Gehältern. Das zeigt deutlich: Unsere Unternehmerinnen und Unternehmer nehmen ihre Verantwortung sehr ernst.

Von der NÖN-Sonderjournal-Redaktion