Thomas Salzer sieht „deutliches Wachstum für 2021“. Thomas Salzer, Präsident der Industriellenvereinigung NÖ, über Investitionsanreize, Fachkräftemangel & Bildungsversagen.

Von Walter Fahrnberger und Daniel Lohninger. Erstellt am 28. Oktober 2020 (04:51)
IV-Präsident Thomas Salzer im Gespräch mit den NÖN-Chefredakteuren Walter Fahrnberger und Daniel Lohninger (links).
Oberndorfer

NÖN: Die aktuelle Krise ist für alle eine große Herausforderung. Wie geht es der Industrie in dieser schwierigen Zeit?

Thomas Salzer: Sehr differenziert. Es gibt natürlich einige Betriebe, denen es nach wie vor gut geht, aber es gibt die Mehrheit der Betriebe, die schon deutlich getroffen sind. Die Industriellenvereinigung geht nach wie vor davon aus, dass es heuer cirka 7,6 Prozent BIP- Rückgang geben wird. In Summe ist die Industrie mit rund acht Milliarden Schaden in Österreich eigentlich einer der drei hauptbetroffenen Bereiche. Die österreichische – auch die niederösterreichische – Industrie ist sehr stark exportorientiert, daher spüren wir die Maßnahmen in anderen Ländern sehr deutlich.

„Beim Aspekt, die Pandemie einzudämmen, wären schnellere Tests wünschenswert.“

Welche Bereiche sind in Niederösterreich besonders betroffen, welche kommen besser weg?

Generell ist es so: Je näher man am Konsumenten dran ist, desto früher hat man es gespürt, und desto früher reagiert man auf diese Abnahmesituationen. Wer profitiert hat, ist der ganze Lebensmittelbereich und die Lieferanten, die in den Sportartikelhandel, Freizeit, Garten, Haus geliefert haben. Diesen Branchen ging es und geht es nach wie vor relativ gut, wobei auch da eine gewisse Zurückhaltung im Einkauf zu merken ist.

Waren die Maßnahmen der Regierung ausreichend, oder muss man noch nachschärfen?

Beim Aspekt, die Pandemie einzudämmen, wären schnellere Tests wünschenswert. Dann könnten Mitarbeiter, die sonst in Quarantäne müssen, wieder schneller in den Arbeitsprozess. Die zweite Frage ist jene der wirtschaftlichen Folgen der Krise. Da war sicher eine der wichtigsten Maßnahmen für die Industrie die Kurzarbeit. Das war für ganz viele Betriebe die wichtigste Hilfe, um die großen Umsatzeinbrüche temporär zu überstehen. Das war ein Modell, das einem gestattete, das Personal so flexibel zu nutzen, wie man es in dieser Phase gebraucht hat. Es hat vielen geholfen, halbwegs durch diese Krise durchzukommen.

Wie viele Unternehmen haben die Kurzarbeit in den ersten sechs Monaten genützt? Wie viele haben jetzt in der Phase drei im Oktober verlängert?

In Niederösterreich haben 90 Prozent der Industriebetriebe Kurzarbeit in den ersten sechs Monaten angemeldet. Wie viele es wirklich genutzt haben, wissen wir noch nicht. Mit Oktober haben die Kurzarbeit dann aber nur mehr rund 20 Prozent verlängert.

„60 Prozent der Schüler geben an, sie fühlen sich im falschen Schulzweig. Das ist ein Totalversagen der Bildungspolitik.“

Was braucht es in Zukunft?

Wir müssen schauen, dass die Menschen in den Branchen, die sich nicht so schnell erholen oder die Krise nicht überleben werden, wieder einen Arbeitsplatz schaffen. Der wesentliche Motor dafür sind Investitionen, Innovationen und neue Projekte, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Zum Beispiel gibt es die Ankündigung, dass Microsoft in Österreich eine Milliardeninvestition im Technologiebereich tätigt. Wenn man bedenkt, dass rund 1,8 Milliarden an Investitionszuschüssen bereits zugesagt sind und die etwa 18 Milliarden an Förderungen auslösen, dann hat man doch einen sehr positiven Effekt. Und es ermutigt viele Unternehmen, Investitionen jetzt doch durchzuführen, und fördert ihren Mut und das Risiko. Wichtig wäre auch, die Lohnnebenkosten zu senken. Das ist ein klarer Wettbewerbsnachteil zum Beispiel gegenüber Deutschland.

Trotz steigender Arbeitslosigkeit herrscht ein massiver Fachkräftemangel. Woran hakt es?

Die jetzt freigesetzten Fachkräfte sind nicht unbedingt Industriefachkräfte. Hier werden wir Umschulungsmaßnahmen benötigen. Wesentlicher ist aber, dass wir ein Nachwuchsproblem haben. 60 Prozent der Schüler geben an, sie fühlen sich im falschen Schulzweig. Wenn man das weiterrechnet, kommen immer weniger dort raus, wo sie glücklich und qualifiziert sind. Das ist ein Totalversagen der Bildungspolitik. Wir haben immer weniger Abgänger aus den Mittelschulen. Das heißt, es sind grundsätzlich weniger Menschen, die einen Lehrberuf oder einen Industrieberuf ausüben. Und da müssen wir feststellen, dass seit Jahren die Qualität sinkt.

Wie, denken Sie, wird sich die Konjunktur im nächsten Jahr entwickeln?

Wir werden im nächsten Jahr sicher ein deutliches Wachstum sehen. Ich bin überzeugt, wir werden lernen, mit dem Virus entsprechend umzugehen, weil es wohl noch eineinhalb Jahre dauern wird, bis wirklich genügend Impfstoff für alle da ist.