Bodenloser Anbau beim "Vertical Indoor Farming". Bei „Vertical Indoor Farming“ wachsen Pflanzen in die Höhe statt am Feld.

Von Maria Prchal. Erstellt am 23. Juli 2019 (03:00)
Herbeus Greens
Herbeus Greens

Felder so weit das Auge reicht: Traktoren, Lagerhallen, Silotürme. Raasdorf gibt sich wie ein ganz normales Dorf im Marchfeld. Doch in einem der landwirtschaftlichen Betriebe geht es anders zu als bei allen anderen. „Herbeus Greens“ hat sich auf Vertical Gardening – genauer Vertical Indoor Farming – spezialisiert.

Statt auf dem Feld wachsen ihre Pflanzen auf Etagen. Kleine, grüne Sprösslinge türmen sich in der Produktionshalle. „Mit einem Quadratmeter Bodenfläche können wir bis zu sechs Quadratmeter Anbaufläche gewinnen. Weil ein Turm ja sechs Etagen hoch ist“, erklärt Armin Pichler. Damit verbrauchen sie viel weniger Boden als in der konventionellen Landwirtschaft.

Weniger Wasser, wenige Bodenfläche

Noch dazu kommt, dass „Herbeus Greens“ diese kleinen Sprösslinge genau in diesem frühen Stadium weiterverkauft. Denn Jungpflanzen haben genauso viele Nährstoffe wie die ausgewachsenen – und schmecken auch genauso. Die Pflanzen brauchen also nicht nur weniger Platz, um zu wachsen. Da sie klein bleiben, nehmen sie noch weniger Fläche beim Anbau weg.

Fenchel, Radieschen, Sonneblume und Co. sind zunächt gar nicht als solche zu erkennen. Doch wer in den unscheinbaren Stängel beißt, schmeckt keinen Unterschied. „Oft haben die Sprösslinge sogar mehr Nährstoffe als die großen Pflanzen. Alles, was die Pflanze braucht und hat, steckt ja schon im Samen“, erzählt Mitgründer Ronald Frank bei einer Tour durch den Betrieb.

Nicht nur weniger Boden, auch weniger Wasser verbraucht Vertical Gardening. Mit einem „Ebbe-und-Flut-System“ wird das Wasser immer wieder neu aufbereitet. Bis zu 80 Prozent weniger Wasser als in der konventionellen Landwirtschaft benötigt „Herbeus Greens“ so.

Statt in normaler Erde wachsen die Sorten auf Holzwolle. Der erste Schritt der Produktion ist die Sterilisierung dieses Substrats. Danach müssen die Samen keimen. Schließlich bekommen sie ihren Platz in den Türmen unter einer LED-Leuchte.

„Alles, was die Pflanze braucht und hat, steckt ja schon im Samen,.“ Ronald Frank, Herbeus Greens

Genau diese LED-Lampen bringen Vertical Farming in die Kritik. Das fehlende natürliche Licht ist ein Grund, warum die Anbaumethode nicht bio-zertifiziert werden kann. Außerdem fehlt die Bodengebundenheit: „Die biologische Landwirtschaft basiert auf einem lebendigen Boden“, erklärt Markus Leithner von Bio Austria. „Herbeus Greens“ sieht sich derweil sogar eine Stufe über biologischer Landwirtschaft: Keine Pestizide, keine Germizide, keine Herbizide ist das Motto. „Aber es ist klar, wenn neue Player aufs Feld kommen, dann sind andere anfänglich skeptisch, aber das bringt auch neue Chancen“, meint Pichler. Neben dem fehlenden Bodenanbau und dem künstlichen Licht werfen manche Vertical Indoor Farming vor, die Entstehung von multiresistenten Keimen zu begünstigen. Doch auch hier sieht Pichler keine Gefahr.

Maria Prchal
Zachary West kümmert sich als Teil des Teams darum, dass alles glatt läuft und sich jede Pflanze wohlfühlt.

Wer in die Produktionshalle hinein will, muss sich Haarnetz, Labormantel und Schuhschutz überziehen. So eingekleidet gehen die 14 Mitarbeiter ihrer Arbeit nach. Die Sprösslingszucht hat mehr von einem Labor, als von einem landwirtschaftlichen Betrieb. Hinter dem System steckt auch viel Tüftelei. Jede Sorte braucht andere Bedingungen bei jedem einzelnen Produktionsschritt. Bis die idealen Verhältnisse gefunden waren, musste das Team viel herumbasteln. 300 Sorten hat es getestet, auf 30 geeinigt. Neu dazugekommen ist jetzt beispielsweise Wasabi – selten angebaut in Österreich. Für diesen Ausbau braucht es zwar mehr Automatisierung – ein weiterer Kritikpunkt an Vertical Gardening –, „Herbeus Greens“ sieht aber die Kompetenz seines Teams als Schlüssel zum Erfolg.

Die 14 Mitarbeiter versorgen rund 100 Betriebe in Österreich. Zu den Kunden zählen namhafte Hotels und Restaurants: „Die 85 besten Lokale Wiens bestellen bei uns“, behauptet Pichler.

Die hundertprozentige Wertschöpfung in Österreich spreche für sie. Die Samen werden allerdings auch von ausländischen Herstellern bezogen. Denn neben heimischen Leckerbissen wie Borretsch, Erbsen und Kresse sind fernöstliche Spezialitäten mit klingenden Namen wie Pak Choi oder Mitsuba Mashimori beliebt.

„Herbeus Greens“ liefert zwar nur an Betriebe, Vertical Farming muss aber nicht auf Großkunden beschränkt sein. „Würde ich keine große Zukunft für diese Anbauform sehen, hätten wir nicht gestartet“, so Pichler. „Wegen dem Klimawandel muss man sich mit solchen Themen auseinandersetzen. Ich bin davon überzeugt, dass Österreich hier eine Vorreiterrolle einnehmen wird.“

Gemüse, das in den Stadthimmel wächst

Vertical Gardening biete vor allem im urbanen Bereich – nicht nur im ländlichen Raasdorf – viele Vorteile. Denn Pflanzen können auch an Gebäuden hochwachsen. In St.

Pölten etwa gab es im vergangenen Jahr eine Machbarkeitsstudie zur „Wolkenfarm“. Die Initiative „Smart Pölten“ und das „vertical farming institute“ überlegten, wie Häuser als Anbauflächen genutzt werden können. Am geeignetsten dafür stellen sich Gewächshäuser auf dem Dach dar. Auch die Fassade hinauf könnten Glashäuser angebracht werden. Allerdings sind diese Anbauformen an Gebäuden sehr wartungs- und pflegeaufwendig.