„Kurz ums Eck“ für Milch und Joghurt. Jungbäuerin Julia Kurz stellt einen Kühlschrank zum Selbstbedienen auf ihrem Hof bereit und will als Betrieb mit 20 Kühen klein bleiben.

Erstellt am 01. Oktober 2017 (04:46)
Karin Widhalm
Julia Kurz mit ihrer Tochter Emely und den Kälbern, die auf der kleinen Weide mit Heu versorgt werden.

Die bäuerliche Idylle ist nicht weit weg, wenn dem Gast Kaffee serviert wird und Kälber vor der Terrasse Heu kauen. Julia Kurz, eine junge Milchbäuerin, knüpft mit ihrem Mann an landwirtschaftliche Wurzeln an und hörte dabei oft: „Das geht nicht.“ Die 31-Jährige aus Hürm (Bezirk Melk) beweist: Es geht.

Karin Widhalm

Kurz ist als ausgebildete Grafikerin eine Quereinsteigerin. Das Kleingewerbe betreibt sie weiter und führt den bäuerlichen Betrieb mit ihrem Gatten in eine Richtung, die ihrem Geschmack entspricht. Die Landwirtschaft ist für das Paar nichts Unbekanntes: Der Vater von Julia Kurz hält im Nebenerwerbsbetrieb in St. Leonhard schottische Hochlandrinder. Aber: „Ich habe nie davon leben müssen.“ Ihr Mann Bernhard wuchs am Hürmer Hof auf, der nun in den Händen der jungen Leute liegt. Sie haben 2012 ein Wohnhaus auf dem Vierkant-Areal errichtet.

Die 20 Kühe im Stall können gemäß der Bio-Richtlinie jederzeit ins Freie. „Das machen sie, wenn es fünf bis zehn Grad hat“, erklärt Julia Kurz. „Das Vieh mag nämlich die Hitze nicht.“ Sie steht täglich um halb sechs Uhr früh auf und melkt.

Der Einstieg in die Direktvermarktung erfolgte erst vor eineinhalb Jahren – zufällig, nachdem ein Greißler in St. Leonhard die Pforten geöffnet hatte. In dessen Anfangsphase fehlten die Milchprodukte, und die Betreiber sprachen Julia Kurz an. Ihr gefiel die Philosophie „d‘Greißlerei“: Die Produkte stammen ausschließlich aus der nahen Umgebung. Verpackungsmüll wird vermieden. Kurz erwarb Glasbehälter für Rohmilch und Joghurt, ließ diese bedrucken, liefert an Läden der Region aus, stellte einen Kühlschrank in die „Garage“ – und schon war auch sie mitten in der Direktvermarktung. Der Kühlschrank war übrigens ein solcher „Das geht nicht“-Fall.

Offene Tür mit offenen Armen aufgenommen

Die Haustür ist immer offen, sodass sich jeder die frische Rohmilch, das Joghurt mit Fruchtspiegel („Frukurt“) beispielsweise mit Himbeeren oder Marillen direkt aus dem Garten und den Weichfrischkäse mit Knoblauch-Salz oder Bergkräutern holen kann. Die „Frukurz“ sind übrigens ein gern gekauftes Produkt. Das Geld wird einfach in die Kasse gelegt.

Das Selbstbedienungsprinzip geht auf: „Es ist unglaublich, wie das funktioniert“, ist Kurz selbst überrascht. Noch dazu, weil kein Schild vor der Tür darauf hinweist. Nicht nur der Ort greift gegen Entgelt zu. „Es passiert mir tagtäglich, dass plötzlich jemand vor mir steht, den ich noch nie gesehen habe.“ Sie schätzt, dass viele Pendler stehenbleiben. Die Autobahnauffahrt Loosdorf ist in der Nähe.

Bis auf einen Kassa-Diebstahl ist bisher nichts passiert. Kurz führt diesen nicht auf einen ihrer Kunden zurück, da in Hürm ein zweiter Einbruch im selben Zeitfenster stattfand. Als Rückschlag empfindet sie das nicht wirklich – angesichts dessen, dass die Mehrheit fair agiert. „Ich hätte nie geglaubt, dass es so gut funktioniert“, lächelt sie. „Der Zwölfjährige mit dem Radl kommt genauso wie die 80-jährige Nachbarin.“ Der Name „Kurz ums Eck“, ein Wortspiel, trifft den Nagel auf den Kopf.

Die Kunden werden gebeten, die Glasbehälter auszuwaschen und zurückzugeben. Die Flaschenwaschmaschine entfernt am Bauernhof letzte Reste. „Wir haben 1.500 Flaschen angekauft, und die Hälfte ist im Umlauf.“ Neue Gefäße müssen keine gekauft werden – eine Wiederverwertung par excellence.

Familie will im Kleinen landwirtschaften

Dass die Kurz‘ einen anderen Weg einschlagen, zeigt auch: „Unser Ziel ist es, außerhalb des globalen Verdrängungswachstums den Betrieb im Vollerwerb zu bewirtschaften.“ Die Landwirtschaft kann sich derzeit selbst erhalten, aber die Familie will auch davon leben können – ohne größer zu werden. „Wir wollen nicht wachsen.“ Das heißt: 20 Kühe und nicht mehr. Vielleicht wird ein Angestellter aufgenommen. „Wenn es nicht im Kleinen funktioniert, warum sollte es dann im Großen funktionieren?“ Nischen müssen aber sehr wohl gefunden werden, wie etwa in der Direktvermarktung.

Für Julia Kurz ist die Landwirtschaft in dieser Form ein ausfüllender und erfüllender Beruf. Ihr gefällt es, „mit der Natur zu arbeiten, ein Lebensmittel zu produzieren und dieses selbst zu vermarkten“. Eines der Annehmlichkeiten ist: „Wir haben keinen Chef. Das Wetter ist unser Chef – und natürlich die Tiere“, führt sie aus. „Es ist einfach schön, daheim zu arbeiten, auch wenn es lange Tage sein können. Sieben Tage die Woche sowieso.“

Vorteilhaft ist auch, dass die junge Mama bei ihren Kindern sein kann. Emely, sieben Jahre, und ihr fünfjähriger Bruder Bernhard sehen hautnah, dass ein verantwortungsvoller Umgang mit den Tieren wichtig ist – auch, um ein hochwertiges Lebensmittel produzieren zu können. „Das ist für mich so wertvoll. Sie wachsen als selbstständige Personen auf.“

Karin Widhalm

Sie erkennen, wie wertvoll die Arbeit der Eltern ist – und verstehen, dass sie sich zeitgerecht um bestimmte Dinge kümmern müssen. „Gehen wir nicht in den Stall, haben die Kühe Hunger, und das Euter schmerzt, weil nicht gemolken wird. Arbeite ich nicht sorgfältig und sauber, gibt es kein gutes Joghurt“, führt die Mama ein Erklärungsbeispiel an. Emely hat sogar eine Lieblingskuh: Bubilla lautet ihr klingender Name. Jedes Tier wird „getauft“.

Die ganze Familie hilft übrigens zusammen: Julia schupft den Stall und die Direktvermarktung. Ihr Vater kümmert sich in St. Leonhard um die Aufzucht der Kurz’schen Weide-Ochsen. Gatte Bernhard arbeitet als Nebenerwerbsbauer mit den Maschinen. Und die Mamis, Omis und Tanten machen Marmelade fürs „Frukurt“.

Für Julia Kurz sind die Tiere der wichtigste Lohn ihrer Arbeit. „Ich mag Kühe, den Umgang mit ihnen und die Ruhe, die sie ausstrahlen.“ Die Jungbäuerin weiß nie, was der Tag für sie bringt. „So wie heute, als ich in den Stall ging, ein Kalb im Stroh lag und die Kuh es zufrieden ableckte ...“