Neue Qualifizierungsmaßnahme in Niedernondorf. Wirtschaftskammer, Arbeiterkammer und AMS NIederösterreich intensivieren Qualifizierungsbemühungen für Arbeitslose und sind zufrieden mit Entwicklung der Lehrlingszahlen. Projekt im Bezirk Zwettl soll Jugendliche ohne Abschluss und Langzeitarbeitslose "jobfit" machen. Wenig Bedarf wird für stärkere Zumutbarkeitsbestimmungen bei der Arbeitsvermittlung geortet.

Von Anita Kiefer. Erstellt am 25. Januar 2020 (15:16)

Sichtlich zufrieden zeigten sich Wirtschaftskammer NÖ-Präsidentin Sonja Zwazl, Arbeiterkammer NÖ-Präsident Markus Wieser und AMS NÖ-Geschäftsführer Sven Hergovich gestern bei einem gemeinsamen Termin zum Thema Lehre vor Journalisten. Immerhin sei in Niederösterreich der bundesweit höchste Zuwachs, nämlich 4,1 Prozent, bei den Lehrlingen zu verzeichnen.

Die Lehre sei „eine großartige und hochwertige Ausbildung“, so Zwazl – jetzt seien die gemeinsamen Bemühungen, das Image der Lehre zu heben, erfolgreich. Jetzt, wo das Thema Nachhaltigkeit in aller Munde ist, wollte Markus Wieser festhalten: „Die letzten Jahre sind nachhaltig für das Lehrlingswesen“ – und verwies auf die vielen gemeinsamen Aktivitäten, um die Lehre attraktiver zu gestalten, etwa die Initiative „Berufe zum Angreifen“, die sich an Schülerinnen und Schüler zwischen zehn und zwölf Jahren richtet.

Neues Angebot in Niedernondorf

Ab April 2020 wird es auch ein neues, gemeinsames Angebot sowohl für Menschen ohne Lehrabschluss im Alter von 18 bis 25 Jahren als auch für langzeitarbeitslose ältere Menschen geben. Ziel ist es, diese Menschen „jobfit“ zu machen. Die ersten zwölf Personen werden im April im sogenannten Ausbildungszentrum Niedernondorf im Bezirk Zwettl mit ihrer Ausbildung starten, die rund ein Jahr dauern soll und vom Verein zur Förderung des Ausbildungszentrums Niedernondorf organisiert wird. Vermittelt werden die Projektteilnehmer durch das AMS NÖ. Obfrau des Vereins ist Sonja Zwazl. 

AMS NÖ investiert in Nachholen von Bildungsabschlüssen

Arbeitslosigkeit bedeute natürlich immer „persönliches Leid und enorme volkswirtschaftliche Kosten“, so AMS Niederösterreich-Geschäftsführer Sven Hergovich. Im Schnitt sei eine Person ohne Ausbildung im Lauf seines Lebens zwölf Jahre lang arbeitslos, betonte Hergovich. Daher gelte es, auf Qualifizierung zu setzen.

Die Bemühungen gäbe es allerdings nicht nur bei den jungen Menschen, sondern etwa auch Erwachsenen, die erstmals einen Beruf erlernen bzw. versäumte Abschlüsse nachholen möchten. Insgesamt würden dafür heuer 30,5 Millionen Euro in die Hand genommen und für 3.600 Personen Ausbildungsplätze in den AMS-Ausbildungszentren zur Verfügung gestellt. Es handelt sich dabei um arbeitsnahe Qualifizierung.

Hergovich ortet keinen Bedarf für strengere Zumutbarkeitsbestimmungen

Angesprochen auf die auf Bundesebene geplanten Verschärfungen bei den Zumutbarkeitsbestimmungen in der Arbeitsvermittlung erklärte Sven Hergovich, dass „bereits jetzt innerhalb Österreichs vermittelt werden kann, wenn es keine Betreuungspflichten gibt und Wohnraum zur Verfügung gestellt wird. Und das halte ich, ehrlich gesagt, auch für richtig so.“ VP-Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck hatte ja Anfang der Woche bemängelt, dass es eine hohe Arbeitslosigkeit im Osten, vor allem in Wien, gäbe – und es stärkere Anreize brauche, damit die Arbeitslosen im Osten Stellen im Westen annehmen würden. Über strengere Zumutbarkeitsbestimmungen könne man „natürlich“ diskutieren, sagte auch AKNÖ-Präsident Markus Wieser. E

s käme aber auf die Verhältnismäßigkeit im Hinblick auf das Gehalt an und brauche für Normalverdiener den angesprochenen zur Verfügung gestellten Wohnraum. In ein ähnliches Horn stößt hier auch Sonja Zwazl – und verweist auf viele freie Stellen in Niederösterreich, die mit Wiener Arbeitslosen besetzt werden könnten, etwa bei Köchen.

Zahl der Asylberechtigten ohne Job rückläufig

Bundesministerin Schramböck hatte in diesem Zusammenhang übrigens auch auf rund 10.000 Asylberechtigte unter 25 Jahren ohne Job hingewiesen, die an einem Ort "nicht so verwurzelt sei" und sich deswegen im Westen ein neues Leben mit Arbeit aufbauen könne. In Niederösterreich ist die Zahl der Asylberechtigten ohne Job ohnehin rückläufig. Es gibt hier per Dezember 2019 507 Asylberechtigte unter 25 – ein Rückgang von 13,3 Prozent. Insgesamt sind rund 2.430 jobsuchende Asylberechtigte beim AMS NÖ registriert (minus 10,5 Prozent). „Die Zahl der anerkannten Konventionsflüchtlinge bzw. subsidiär Schutzberechtigten, die arbeitslos sind bzw. sich in Schulungen des AMS NÖ befinden, geht in Niederösterreich generell zurück, bei jungen Betroffenen sogar noch deutlicher“, heißt es dazu vom AMS Niederösterreich. 328 Asylberechtigte unter 25 haben im Vorjahr in Niederösterreich eine Arbeit aufgenommen (plus 20 Prozent gegenüber 2018), gesamt gesehen waren es in Niederösterreich knapp 1.500 (plus 25,7 Prozent).

Was die Pläne der Bundesregierung zum neuen Berufsausbildungsgesetz angeht, durch die die Lehre ja aufgewertet werden soll – etwa durch die Möglichkeit einer „Flexi-Lehre“, also einer Lehre mit reduzierter Stundenanzahl über einen längeren Zeitraum, erklärt Sonja Zwazl, dass es gar nicht so selten vor, dass „Mädchen in der Lehrausbildung ein Baby bekommen“ – für solche Fälle sei eine Flexi-Lehre eine „wichtige Unterstützung“.

Musil: Flexi-Lehre "problematisch"

Kritik dazu kam auf Bundesebene etwa von der Vorsitzenden der Bundesgewerkschaftsjugend Susanne Hofer. Damit geht auch ihr Niederösterreich-Pendant Daniel Musil d’accord, wie eine Anfrage der NÖN zeigt: Er hält die Flexi-Lehre für „problematisch“, weil „eine reduzierte Arbeitszeit geringeres Lehrlingseinkommen" bedeute. "Halbiert man die Lehrlingsentschädigung etwa im ersten Lehrjahr im Handel, bleiben 350 Euro. Wer soll davon leben?“

Musil fordert stattdessen die Kinderbetreuung auszuweiten, damit junge Mütter eine reguläre Lehre absolvieren können. Außerdem müsse bei einer Flexi-Lehre geklärt werden, wie die Personen eine Berufsschule besuchen sollen. Darüber hinaus fordert der Landesgewerkschaftsjugendvorsitzende die Übernahme der Kosten für den Meistertitel sowie weitere Maßnahmen zur Verbesserung des Lehrangebots, wie etwa ein Lehrlingseinkommen von 850 Euro für alle Lehrlinge im ersten Lehrjahr und die Verkürzung der Probezeit von derzeit drei auf einen Monat.

AKNÖ-Präsident Markus Wieser gibt den Gewerkschaftsjugendvertretern „recht“. Er würde sich wünschen, dass es einen Rechtsanspruch auf Teilzeit, verankert im Mutterschutzgesetz und bei der Väterkarenz, gebe. Hergovich wolle politische Überlegungen „nicht anhand von Überschriften“ bewerten.