„Jeder will, dass er zuhause gepflegt wird“. Wiener-Städtische-Generaldirektor Lasshofer über Katastrophenversicherung, Pflegeregress und Landesdirektionen.

Von Martin Gebhart. Erstellt am 01. August 2017 (02:02)
Elke Mayr
Robert Lasshofer, Generaldirektor der Wiener Städtischen Versicherung: „Die Abschaffung des Pflegeregresses ist aus meiner Sicht nicht das Ende der privaten Pflegeversicherung.“

NÖN: Fast täglich hört man momentan von kleinräumigen Unwettern mit großem Schaden. Mit welcher Sorge blickt ein Versicherer auf solche Ereignisse?

Robert Lasshofer: Grundsätzlich gilt – insbesondere für die Wiener Städtische –, dass wir ihre Sorgen haben möchten. Was schon feststellbar ist, dass die kleinräumigen Unwetter mit intensiven Niederschlägen zunehmen. Meiner Einschätzung nach hat das mit der Veränderung des Klimas zu tun. Wir beobachten diese Entwicklung mit großer Aufmerksamkeit und haben unsere Produkte entsprechend angepasst. Jede österreichische Versicherung wird, wenn eine Versicherungsdeckung da ist, diese Schäden auch entsprechend liquidieren.

Muss grundsätzlich der Zugang zu Versicherungen für Katastrophenfälle geändert werden?

Lasshofer: Wünschenswert wäre natürlich, und das gibt es in vielen europäischen Ländern, eine sogenannte Naturkatastrophenpflichtversicherung, beispielsweise mit einer Zuschlagsprämie zur Feuerversicherung. Man stößt dabei aber an politische Grenzen, weil etwa in der Wiener Großfeldsiedlung das Naturkatastrophenthema nicht in der Dimension auftritt wie in den Bundesländern. Aber Versicherung ist ein Thema, das mit Solidarität zu tun hat. Wir haben als Versicherungswirtschaft einige Vorstöße in diese Richtung gemacht, haben bisher noch keine Unterstützung in diese Richtung erhalten. Aber wir Versicherer agieren nachhaltig und werden nicht aufhören, unsere Vorschläge an die Politik weiterzugeben.

Ein großes Thema ist derzeit die Finanzierung der Pflege. Nun wurde der Pflegeregress abgeschafft. Andererseits werden Pflegeversicherungen angeboten, damit auch privat vorgesorgt wird. Wie sehen Sie die Diskussion?

Lasshofer: Grundsätzlich ist das Pflegerisiko jenes, das am meisten verdrängt wird. Es ist bekannt, dass die Lebenserwartung steigt. Diese ist aber immer häufiger mit einem längeren Zeitraum von Pflegebedürftigkeit verbunden. Gerade die letzten Jahre des Lebens sind eigentlich die teuersten. Wenn es passiert, möchte jeder, dass er zu Hause gepflegt wird. Da hilft die Abschaffung des Pflegeregresses nicht. Es ist aus meiner Sicht schon eine gewisse Ungerechtigkeit, dass man eine Pflege zuhause voll finanzieren muss – etwa mit einer 24-Stunden-Pflege– und die Pflege im Heim nur mit jenen Kosten verbunden ist, die von der Pension oder von anderen Dingen abgezogen werden. Ich fürchte auch eine Entwicklung, die ich persönlich nicht goutiere, dass ältere Menschen gegebenenfalls sogar in Pflegeheime gedrängt werden, weil es wirtschaftlich klüger ist.

Angesichts dieser Rahmenbedingungen, wie ist momentan die Nachfrage nach privaten Pflegeversicherungen?

Lasshofer: Sie ist nach wie vor sehr, sehr verhalten, das Thema wird vielfach noch immer verdrängt. Und viele Kundinnen und Kunden haben in der Vergangenheit private Pflegeversicherungen abgeschlossen, um den besagten Pflegeregress zu vermeiden, um gegebenenfalls einen Vermögensübergang sicherzustellen. Umgekehrt wissen wir, dass das Bedürfnis, zu Hause gepflegt zu werden, immer noch sehr stark ausgeprägt ist. Die Abschaffung des Pflegeregresses ist aus meiner Sicht daher nicht das Ende der privaten Pflegeversicherung. Ganz im Gegenteil: Ich bin überzeugt, dass man sich politisch irgendwann durchringen wird müssen, wie man mit dem Thema Pflege insgesamt umgeht. Und da wird die private Pflegeversicherung letztlich den Platz kriegen, der ihrem Stellenwert entspricht. International gibt es bereits Modelle mit einer Pflichtversicherung zur Pflege.

Eine grundsätzliche Frage: Es hat in den vergangenen Monaten immer wieder Meldungen gegeben, dass die Wirtschaft anspringt. Können Sie das aus Sicht der Versicherungswirtschaft bestätigen?

Lasshofer: Die Stimmung hellt sich langsam auf. Manche euphorische Meldungen, die ich gelesen habe, kann ich noch nicht so richtig nachvollziehen. Das Wirtschaftswachstum kommt aber zurück – das ist auch für uns spürbar und hat damit zu tun, dass jemand, der bereit ist zu investieren, die Investitionen auch versichern muss. Wir merken, dass die Investitionen steigen, aber es ist aus unserer Sicht noch nicht die Zeit für Euphorie gekommen.

In Zeiten des Kostendrucks, der Verpflichtung nach effizienterem Arbeiten, der Digitalisierung: Wie wichtig ist es da eigentlich noch, Landesdirektionen zu haben?

Lasshofer: Sehr wichtig. Ich glaube, wir haben das in unserem genetischen Code. Für uns ist es ein wichtiges Signal im Sinne von Verbundenheit. Deswegen werden wir bei den Landesdirektionen bleiben. Ein Beispiel für unsere Verbundenheit ist das Thema Lehrlingsausbildung. Wir bilden insgesamt 150 Lehrlinge in ganz Österreich aus, das findet tendenziell mehr in unseren Landesdirektionen statt und weniger in der Zentrale. Eine Landesdirektion gehört zu einem Bundesland wie eine Landeshauptfrau oder ein Landeshauptmann.