Der Ort, wo jeder Arbeit bekommt. In Gramatneusiedl gibt es keinen einzigen Langzeitarbeitslosen. Dafür sorgt ein Projekt des AMS, das wissenschaftlich begleitet wird.

Von Walter Fahrnberger. Erstellt am 07. Mai 2021 (05:35)
Karl Blaha ist seit Februar dieses Jahres beim AMS-Projekt MAGMA in Gramatneusiedl angestellt. Dort bereitete er sich unter anderem mit der Fertigung von Holzmöbeln auf den Wiedereinstieg ins Berufsleben vor.
Walter Fahrnberger

Karl Blaha ist 53 Jahre alt. Bis September 2019 hat er in Gramatneusiedl (Bezirk Bruck/Leitha) in vierter Generation einen Schuhfachhandel geführt. Doch Preisdruck und der Online-Handel haben dem Geschäft schon vor Corona zugesetzt. Schweren Herzens musste Blaha jenen Betrieb schließen, den seine Urgroßeltern Anfang der 1900er Jahre aufgebaut hatten.

Seither sucht Herr Blaha, er ist auch Feuerwehrkommandant in der 3.600-Seelen-Gemeinde, einen Job. Arbeitslos ist er aber seit Februar dennoch nicht mehr. Dank des auch international einzigartigen Projekts einer Arbeitsplatzgarantie mit dem Namen MAGMA. Hinter der Abkürzung verbirgt sich das „Modellprojekt Arbeitsplatzgarantie Marienthal“. Damit soll bis 2024 die Langzeitarbeitslosigkeit in der Gemeinde auf Null gesenkt werden. Das Projekt garantiert allen Einwohnern der Gemeinde, die länger als ein Jahr arbeitslos sind, einen Job.

„Die große Frage ist: Soll Arbeit oder Langzeitarbeitslosigkeit finanziert werden?“ AMS-NÖ-Chef Sven Hergovich erklärt den Hintergrund des Pilotprojets in Gramatneusiedl

„Es gibt bis dato niemanden, der dieses Angebot nicht annimmt“, sagt Projektleiterin Daniela Scholl mit Stolz. Finanziert wird MAGMA zur Gänze vom Arbeitsmarktservice (AMS).

Die Uni Wien sowie die Universität Oxford begleiten das seit Herbst 2020 laufende Projekt wissenschaftlich. Dabei soll vor allem erforscht werden, wie sich eine Arbeitsplatzgarantie auf die Betroffenen und auf die Gemeinschaft auswirkt. Denn vergleichbare Studien gäbe es laut Lukas Lehner von der Uni Oxford bis dato nicht.

AMS-NÖ-Chef Sven Hergovich kämpft gegen Langzeitarbeitslosigkeit.
Franz Gleiß

Der Chef des AMS Niederösterreich, Sven Hergovich, will mit dem Projekt eine zentrale Frage für die Zukunft beantwortet wissen: „Soll dieser Gruppe Arbeit oder die Langzeitarbeitslosigkeit finanziert werden?“

Oftmals seien die Menschen nämlich zu krank zum Arbeiten, aber zu gesund für die Invalidenpension. Schon die ersten Befragungen und Interviews zeigen sehr positive ökonomische, soziale und gesundheitliche Auswirkungen bei den Teilnehmern. Eine Arbeit zu haben bringt den Menschen mehr Motivation, einen geregelten Alltag, jedenfalls mehr Geld als in der Arbeitslosigkeit, persönliche Zufriedenheit und die Möglichkeit, mit zusätzlichen Workshops und einer Job-Schmiede für einen Wiedereinstieg besser gerüstet zu sein. Denn das Ziel ist klar. Jeder der 38 Beschäftigen, die im Ausmaß zwischen 16 bis 38 Wochenstunden bei MAGMA angestellt sind, will zurück in den sogenannten ersten Arbeitsmarkt.

Deshalb wird im Pilotprojekt auch ein hohes Augenmerk auf die Job-Bewerbungen gelegt. Sonst sind die Tätigkeiten vielseitig. Das beginnt bei der Blumenpflege im Ort über den Aufbau einer Topothek bis hin zu einem Buchprojekt oder der Gestaltung eines wöchentlichen Newsletters für Gramatneusiedl.

In der Werkstätte, die am Areal der ehemaligen Chemiefabrik angesiedelt ist, werden Möbelstücke oder Hochbeete hergestellt. Dort zeigt auch Karl Blaha sein Geschick. Als Feuerwehrmann ist er vielseitig versiert und als „Mädchen für alles“ universell einsetzbar. Sein großes Ziel ist, was bereits drei Teilnehmern des Projekts gelungen ist – in der Arbeitswelt „draußen“ wieder Fuß zu fassen.

Dass es zuletzt bei einem Angebot nicht geklappt hat, nimmt der frühere Schuhfachmann noch gelassen: „Da hat mir das Vitamin B gefehlt ...“ Und eine Arbeit hat Herr Blaha ja ohnehin.