Kunden-Bonität bricht ein. Seit der Wirtschaftskrise stieg die Zahl der Menschen mit massiven Zahlungs- problemen fast um ein Drittel. Unternehmen wie Boniflex nutzen die sinkende Kreditwürdigkeit.

Von Heinz Bidner. Erstellt am 18. Mai 2015 (01:00)
NOEN, Quelle: KSV1870; Foto: Piotr Marcinski/ Shutterstock.com; NÖN-Grafik: Bischof
Quelle: KSV1870; Foto: Piotr Marcinski/ Shutterstock.com; NÖN-Grafik: Bischof
Knapp 166.000 Personen mit über 499.800 massiven Zahlungsstörungen hat der Gläubigerschutzverband KSV1870 derzeit in seiner Konsumentenkreditevidenz registriert. Diese Liste nutzen die heimischen Banken als Basis für Bonitätsauskünfte bei Konsumenten, um ihre Kreditwürdigkeit zu beurteilen.

Dabei geht es nicht um Rückstände bei Kreditratenzahlungen, sondern um ärgere Probleme wie Fälligstellungen oder Klagen, so Gerhard Wagner von der KSV1870 Information GmbH. Beide eingangs genannten Zahlen sind in den letzten sechs Jahren um rund 30 Prozent gestiegen.

Konsumenten hätten gerne so manchen Eintrag gelöscht

Aber nicht nur die Banken erhalten via Konsumentenkreditevidenz und Warnliste, die ausschließlich der KSV betreibt, ihre Bonitätsauskünfte. Längst haben mehrere Auskunfteien zusätzlich eigene Warenkredit-Datenbanken für Unternehmen wie Versandhäuser oder Baumärkte aufgebaut. Dort werden ebenfalls Zahlungserfahrungen mit Privatpersonen aufgelistet.

Die steigende Arbeitslosigkeit der letzten Jahre hat die Bonitäten verschlechtert und viele Konsumenten hätten gerne so manchen Eintrag gelöscht, um leichter neue Verträge abzuschließen. Ein Umstand, den sich neben ausländischen Anbietern nun auch die Kärntner Firma Boniflex zunutze macht.

Schätzung: Falsche Daten bei 3,5 Millionen Österreichern

Seit kurzem wirbt sie massiv, um „nur 49,90 Euro“ Daten von „allen relevanten Auskunfteien und Kreditschutzverbänden“ einzuholen. Dann sollen – um weitere stolze 249,90 Euro – unrichtige Einträge gelöscht und die Bonität damit verbessert werden. Man könne davon ausgehen, „dass bei 3,5 Millionen Österreichern falsche Daten gespeichert sind“, wirbt Florian Haslinglehner von Boniflex.

Was das Unternehmen nicht erwähnt und woran sich auch die Arbeiterkammer NÖ stößt: Jeder Konsument kann ohnehin einmal im Jahr kostenlos Selbstauskünfte einholen und im Falle auch eine Richtigstellung der Daten verlangen. Branchenprimus KSV stellt pro Jahr über 100.000 solcher Selbstauskünfte aus, die seine Datenbanken umfassen.

Die von Boniflex genannte Flut an falschen Daten kann Eva Riegler von der Schuldnerberatung NÖ aus der Praxis nicht bestätigen. Im Gegenteil: „Bei den Auskünften ist relativ selten etwas drinnen, das nicht passt.“ „Wir leben das Datenschutzgesetz sehr intensiv“, erklärt Gerhard Wagner vom KSV. Sobald etwa gemeldet werde, dass ein Kredit abbezahlt sei, werde das automatisch registriert.

AKNÖ: "Boniflex kann Löschung nicht leisten"

„Boniflex kann die Löschung von zu Recht bestehenden negativen Bonitätseinträgen nicht leisten“, gibt Manfred Neubauer von der AKNÖ zu bedenken.

Konsumenten können sich allerdings aus Warenkreditlisten – und nur aus diesen – ganz löschen lassen. Selbst bei Rückständen. Allerdings schrillen bei Firmen die Warnglocken, wenn eine Person in diesen Listen nicht aufscheint. Bei den Banklisten KKW und WL gibt es nach Tilgung automatische Löschfristen von drei bis sieben Jahren.


Bonitäts-Listen über Privatkunden

Konsumentenkreditevidenz (KKE). Die KKE betreibt der KSV1870. Sie enthält Informationen über rund drei Millionen Konsumenten zu Darlehen, Rückzahlungsproblemen bis hin zu Fälligstellungen oder Klagen. Teilnehmer der Datenbank sind die heimischen Banken und Leasingunternehmen.

Warnliste (WL). Die WL ist eine Datenbankanwendung des KSV1870. Mit dieser bankeninternen Evidenz machen sich Banken gegenseitig auf Kunden aufmerksam, die Vereinbarungen nicht eingehalten haben sowie bei der Rückzahlung von Verbindlichkeiten nachhaltig in Verzug sind. Rund 300.000 Personen sind derzeit registriert.

Warenkreditevidenz (WKE). Die WKE gehört auch zum KSV1870. Abfrageberechtigt sind nur Unternehmen, die Waren oder Dienstleistungen auf offene Rechnung liefern. Zweck der WKE ist, Information über schlechte Zahlungserfahrungen wie Klage oder Zwangsvollstreckung anderen Verkäufern zu geben, um Zahlungsausfälle zu verringern. Etwa 5,5 Millionen Personen sind gespeichert. Davon sind aber nur rund 500.000 mit Zahlungsinformationen versehen.

Warenkreditlisten. Listen, die mit der WKE vergleichbar sind, führen auch etliche andere Auskunfteien. In der ebenfalls bedeutsamen Datenbank der Wirtschaftsauskunftei CRIF (vormals Deltavista) etwa werden Informationen zu Zahlungserfahrungen von über 60 Inkassopartnern, Betreibungsdienstleistern und Firmenkunden gesammelt. Laut Arge Daten gibt es 16 Unternehmen, die Bonitätslisten über Private und Unternehmen verwalten ( www2.argedaten.at ).