Stromnetzschwäche bremst Energiewende aus

Aktualisiert am 02. Dezember 2022 | 12:49
Lesezeit: 5 Min
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Wegen zu geringer Stromnetzkapazitäten in Österreich kann die APG zu Spitzenzeiten weniger, günstigeren Strom importieren. Das verursacht 2 Milliarden Euro Mehrkosten pro Jahr.
Foto: Austrian Power Grid (APG)
Landes-Vize Stephan Pernkopf (ÖVP) und APG-Vorstand Gerhard Christiner appellieren an den Bund, Rahmenbedingungen für schnellere UVP-Verfahren zu schaffen, mehr Innovation bei Stromspeicher und Co.-Regulative an den Tag zu legen und das Stromnetz synchron mit den Erneuerbaren auszubauen. Wann die beste "Netzzeit" zum Wäschewaschen ist, zeigt übrigens der Powermonitor der APG bzw. das neue Energie-Dashboard des Bundes.
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Über 10.000 Gigawattstunden zusätzlich will Niederösterreich durch Verdreifachung der Windkraft und Verdopplung der PV-Anlagen bis zum Jahr 2035 erzeugen. Das entspricht dem Jahresstromverbrauch der Steiermark. Das sind keine "Peanuts, sondern eine enorme Kraftanstrengung", sagt Landesvize Stephan Pernkopf (ÖVP) über den ambitionierten NÖ-Ausbauplan mit 250 neuen Windrädern und 130.000 zusätzlichen PV-Anlagen für mehr Energieunabhängigkeit und Versorgungssicherheit. Aber ohne einen massiven Stromnetzausbau aller Netzbetreiber, von der Netz NÖ bis hin zu Stadtwerken und kleineren Versorgern, werde es nicht gehen. Allein die Netz NÖ wird dafür jedes Jahr 250 Millionen Euro in die Modernisierung und Verstärkung des Stromnetzes investieren. "Aktuell betreibt die Netz Niederösterreich 92 Umspannwerke, 40 werden neu gebaut oder komplett modernisiert“, sagt Pernkopf und appelliert auch an die anderen Energieversorger wie die Wien Energie mit ihren 200.000 NÖ-Kunden massiv zu investieren.

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Landes-Vize Stephan Pernkopf (ÖVP) und APG-Vorstand Gerhard Christiner am Freitag im Rahmen der Pressekonferenz im Landhaus in St. Pölten.
Foto: Norbert Oberndorfer

Die Austrian Power Grid (APG) als überregionaler Netzbetreiber managt den österreichischen Strommarkt, importiert und exportiert den nötigen Strom und setzt Entlastungsmaßnahmen zu Spitzenlastzeiten. "Wir sind der Strom-Autobahnbetreiber in Österreich", sagt APG-Chef Gerhard Christiner. Bei einem Jahresstromverbrauch von 17 Terrawatt (TW) werden derzeit 10 TW importiert, wobei 10 TW aus thermischen Kraftwerken (Gas und Co.) und 7 TW aus Erneuerbaren. "Im Winter-Halbjahr sind wir stark auf der Importseite. Da macht uns die Abhängigkeit aus dem Ausland Sorgen", sagt Christiner. 

Günstigerer Stromimport: Das Netz ist zu schwach

Wegen zu geringer Netzkapazitäten innerhalb Österreichs und im Grenzbereich zu Deutschland müssten zu Spitzenverbrauchszeiten hierzulande ein Gaskraftwerk eingeschaltet und in Deutschland ein Windpark abgeschaltet werden, erzählt Christiner. "Das Netz ist zu schwach um genügend Strom etwa aus Deutschland zu importieren und innerhalb Österreichs weiter zu transportieren. Dadurch entstehen uns Mehrkosten von 2 Milliarden Euro im Jahr, weitere 640 Millionen stecken wir in Engpass-Management-Maßnahmen."

Der Netzausbau wie auch die Speicherthematik sei wie ein "blinder Fleck" in den letzten Jahren sehr vernachlässigt worden. "Wir brauchen einen möglichst synchronen, gut gemanagten Ausbau von den Erneuerbaren und den Netzen", fordert Christiner, "sonst wird das zum Problem." 

Leitungen glühen: APG optimiert mit Sensorik Stromtransport

Die APG optimiere bereits jetzt mithilfe von Sensoren die Kapazität der Stromleitungen, damit mehr Strom transportiert werden kann. Glühende Leitungen seien jedenfalls für den Stromtransport kontraproduktiv. An einem kühlen, windigen Wintertag kann jedenfalls mehr Strom über die Leitungen fließen als an einem windstillen, extrem heißen Sommertag.

Für diesen Winter gibt Christiner jedenfalls was die Stromversorgung an geht Entwarnung. "Wenn der Winter nicht zu kalt oder extrem wird, dann sind wir in Österreich durchaus in der Lage ohne größere Probleme das zu managen. Anderswo, etwa in ein paar Regionen Frankreichs, kann es Probleme geben." Generell sind zwei Drittel aller EU-Länder beim Strom importabhängig.

Schnellere UVP-Verfahren für Leitungsausbau

Pernkopf sieht den Bund in der Pflicht und fordert vor allem schnellere UVP-Verfahren. "Neun von zehn UVP-Verfahren werden in NÖ innerhalb eines Jahres positiv abgewickelt. Im Instanzenzug werden dann durch Einsprüche beim Bundesverwaltungsgericht die Verfahren 5 bis 7 Jahre lang verzögert, um letztlich ohne Änderungen genehmigt zu werden. Das bremst uns auf dem Weg zur Energieunabhängigkeit", sagt Pernkopf. Er fordert zeitliche Verfahrensgrenzen, um schnellere Entscheidungen zu erreichen.

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Landes-Vize Stephan Pernkopf (ÖVP) und APG-Vorstand Gerhard Christiner fordern mehr Tempo und schnellere UVP-Verfahren vom Bund für einen "dringend notwendigen, massiven Netzausbau".
Foto: NLK Pfeffer

Christiner lobt die im September eröffnete, 200 Millionen Euro teure Weinviertler Hochspannungsleitung als Musterbeispiel für eine reibungsfreie Abwicklung mit dem Land NÖ und seinen Sachverständigen. "Das Gesamtkonzept mit Einspruch wurde innerhalb zwei Jahren abgewickelt. Das hat es in Österreich noch nie gegeben", so Christiner. Über 3.000 Megawatt Strom aus Weinviertler Windkraft können über die die modernisierte 380/220 KV-Leitung in das überregionale Stromnetz der APG eingespeist werden. Das entspricht einer Anschlussleistung von acht Donaukraftwerken.

Innovationen bei Stromspeicher: Regulative fehlen

Vom Bund wünschen sich Christiner und Pernkopf jedenfalls "mehr Innovation" bei Speicherkapazitäten wie Großbatterien, bidirektionales Laden, virtuelle Speicherkapazitäten (E-Autos) - insbesondere bei den Regulativen, mehr Verfahrenseffizienz etwa durch Digitalisierung und einen Sachverständigen-Pool für Großverfahren. In der NÖ-Raumordnung seien Stromspeicher in Kombi mit einer PV-Anlage bis 1 MW bereits meldungsfrei gestellt, sagt Pernkopf. Christiner appelliert das Tempo beim Ausbau zu erhöhen. Bis 2030 sollen ja 27 Terrawatt Stromerzeugung in Österreich dazukommen. "Da müssen wir noch einen Gang zulegen, um das über die Ziellinie zu bringen."

Strom gezielt einsparen, Netz entlasten

Wer beim Netz entlasten und teure Stromimporte reduzieren unterstützen will, kann sich beim APG-Powermonitor bzw. beim "Österreichischen Infoportal zur Energie-Situation" informieren, wann es am "günstigsten" ist, die Wäsche zu waschen, zu trocknen, Kekse zu backen oder eben das E-Auto zu laden - und wann nicht.

Pernkopf appelliert zuletzt an alle Stromkunden der EVN, Wien Energie, Verbunds und anderer den NÖ-Strompreisrabatt - siehe auch "Anti-Teuerungshilfen: Der große NÖN-Überblick" - zu beantragen. Während bereits 80 Prozent der EVN-Kunden diesen beantragt hätten, seien es beim Verbund nur die Hälfte. Bei der Wien Energie hätten sogar erst 20 Prozent ihrer 145.000 NÖ-Stromkunden im Umland von Wien um den Strompreisrabatt des Land NÖ angesucht.

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