Kritik am „1-2-3“-Ticket kommt auch aus NÖ. Ministerin Leonore Gewessler kündigt Einführung 2021 an. Schnellschuss sorgt in Niederösterreich für Ärger. „Gab noch keine Verhandlungen“, so Landesrat Schleritzko (ÖVP).

Von Lisa Röhrer. Erstellt am 24. Juni 2020 (05:11)
Dass mehr Menschen mit der Bahn statt mit dem Auto fahren, erhofft sich Umweltministerin Leonore Gewessler durch ein günstiges Öffi-Jahresticket. Verkehrslandesrat Ludwig Schleritzko ist kritisch: „Ohne Bahnausbau können wir das nicht stemmen.“
Archiv/NÖN

Ab dem kommenden Jahr soll man um drei Euro pro Tag – also 1.095 Euro im Jahr – mit allen öffentlichen Verkehrsmitteln durch ganz Österreich fahren können. Die dafür benötigten 240 Millionen Euro seien gesichert, kündigte Grünen-Infrastrukturministerin Leonore Gewessler in der Vorwoche an.

In den Bundesländern teilt man die Euphorie über die überraschend rasche Realisierung des im Regierungsprogramm festgeschriebenen Projektes nicht. Als Erster machte der burgenländische Landeshauptmann Hans Peter Doskozil (SPÖ) seinem Ärger Luft. Er nannte das Ticket eine „Frotzelei“. Kritik kommt nun auch aus Niederösterreich. „Bislang gab es keine Gespräche mit den Verkehrslandesräten“, ärgert sich Ludwig Schleritzko (ÖVP). Neben der fehlenden Einbeziehung der Länder kritisiert er, dass der Bund in der ersten Phase nur das „Dreier-“ – also das bundesweite Ticket – umsetzen will. „Wir sind der Meinung, dass man alles auf einmal und gleich ordentlich verhandeln sollte“, meint der Verkehrslandesrat.

Bevor Phase 1 und 2, also die Tickets für Fahrten in einem oder zwei Bundesländern umgesetzt werden können, müssten noch wesentliche Fragen geklärt werden. Aus NÖ gibt es drei konkrete Forderungen: Der Bund müsse zusichern, dass die Mehrkosten, die durch das Ticket dem Land entstehen, übernommen werden. Außerdem müsse geklärt werden, wer den Verkauf des Tickets abwickelt. „Alleine zum VOR gehören 40 Verkehrsunternehmen, es kann nicht sein, dass denen allen Einnahmen wegbrechen“, sagt Schleritzko. Gleichzeitig müsse es einen fixen Ausbauplan für den öffentlichen Verkehr geben.

NÖ stößt bei Bahn an Kapazitätsgrenzen

Gerade beim Bahnverkehr stößt NÖ an eine Kapazitätsgrenze. „Wenn durch das Ticket mehr Menschen auf die öffentlichen Verkehrsmittel umsteigen, können wir das ohne Bahnausbau nicht mehr stemmen“, sagt Schleritzko. Notwendig seien Nachbesserungen beim Öffi-Angebot in allen Teilen des Landes – etwa bei den Strecken St. Pölten-Krems, Meidling-Mödling oder der Erlaufbahn.

Weiter offen bleibt die Frage, wann das Ticket in seiner Gesamt-Form nun tatsächlich realisiert wird. „Der Zeitplan der Ministerin ist sehr ambitioniert“, meint Schleritzko. Die anderen Parteien in NÖ drängen hingegen auf eine rasche Realisierung. Die SPÖ etwa forderte eine schnelle Umsetzung bei der Landtagssitzung. Man müsse Geld in die Hand nehmen, den Menschen sei es egal, von wem dieses komme.

Aus dem Ministerium heißt es, dass man nach der Einführung des bundesweiten Tickets auch die anderen beiden „möglichst rasch“ umsetzen wolle. Dort hat man zudem eine ganz andere Wahrnehmung als in NÖ: Die Länder werden „selbstverständlich“ in die Planung miteinbezogen, heißt es. „Wir sind seit Beginn des Projekts in intensivem Austausch. Für die Verkehrswende müssen wir alle an einem Strang ziehen.“