Stadtplaner Seiß: „Kein Mut, die Autos zu verbannen“ . Klimafreundliche Mobilität ist laut dem „Forum Wissenschaft und Umwelt“ weder durch Investitionen in den Autoverkehr noch durch halbherzige Lösungen wie das flächendeckende Wiener Parkpickerl zu erreichen. Nur die Verbannung von Autos aus Städten und Dörfern bringe die Menschen dazu auf klimafreundlichere Verkehrsmittel umzusteigen. Niederösterreich sei aber noch „Galaxien davon entfernt, ein verkehrsinnovatives Land“ zu werden.

Von NÖN Redaktion. Erstellt am 18. August 2021 (11:33)
 "Forum Wissenschaft und Umwelt
Laut dem "Forum Wissenschaft und Umwelt" verhindere vor allem die ständige Nähe zum Auto, dass die Menschen auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen.
Kekyalyaynen, shutterstock.com

Im Zuge der aktuellen Geschehnisse kommentierte der aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bestehende Verein „Forum Wissenschaft und Umwelt“ in einer Pressekonferenz den geplanten Bau des Lobau-Tunnels und das flächendeckende Wiener Parkpickerl.

Drei Wege pro Person und Tag bestreite der durchschnittliche Österreicher mit dem Auto, erklärt Hermann Knoflacher, emittierter Professor am Institut für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik der TU Wien. Der Drang zur Autobenutzung werde durch die Vorschrift, dass jedes neue Gebäude ausreichend Abstellplätze für Privatfahrzeuge bieten muss und die damit verbundene Nähe zum eigenen Pkw, bekräftigt.

Da die lokale Bindung durch die ständige Benutzung von Pkw verloren gehe, führe das in nächster Folge zu Willkür in der Standortwahl, zu Zersiedelung und Flächenversiegelung aber auch zur Abwanderung des Handels. Die S1 und der Lobau-Tunnel würden diese Entwicklungen zusehends verstärken, so der Experte.

A5 förderte Grundstück-Verkauf

Das bekräftige auch der Stadtplaner Reinhard Seiß: „Der Regionenring ist nicht dazu da, den Standort der ländlichen Gegend zu verbessern, sondern um sie weiter zu entleeren. Das wird in weiterer Folge dazu führen, dass der Handel aus den Ortszentren wegzieht und sich an den Autobahnausfahren ansiedelt“.

Aber auch das Wohnen verlege sich von den Dörfern und Städten auf die Wiesen. „Als die Nord/Weinviertel Autobahn A5 geplant wurde, kauften die Wiener noch vor Baubeginn im Jahr 2007 Grundstücke im Weinviertel zu unglaublich niedrigen Preisen“, so Seiß. Eine ähnliche Entwicklung entlang der S1 sei demnach zu erwarten.

Die Ortschaften selbst seien durch die langen Wege eher autogerecht als menschengerecht. Um dem entgegenzuwirken, helfe auch das flächendeckende Parkpickerl nicht. „Das Parkpickerl ist eine Maßnahme, die den Autofahrer quält. Sie wurde eingeführt, weil man nicht den Mut hat, die Autos von den Straßen zu verbannen“, sagt der Stadtplaner. Denn erst wenn das Auto außerhalb der Stellplätze untergebracht werde, würden die Menschen beginnen, auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen.

NÖ noch lange kein verkehrsinnovatives Land

Der Lock-In-Effekt, der sich dadurch ergibt, dass die Menschen von ihrer Wohnung direkt zum Autostellplatz und wieder zurückkommen, findet seinen Ausdruck auch in Niederösterreich. „Wir sind Galaxien davon entfernt, dass Niederösterreich ein verkehrsinnovatives Land wird. Erst wenn die Autos die Zentren verlassen und der öffentliche Transport ausgebaut wird, kommt man überhaupt erst in die Nähe davon“, so Seiß.

Außerdem müsse man damit aufhören, „das Pendlerwesen als Schicksalsschlag zu sehen“. Der durchschnittliche Pendler sei nämlich ein Österreicher aus der Mittelschicht, der sich das Pendeln auch tatsächlich leisten könne, so der Stadtplaner. Der Bau von Autobahnen und Schnellstraßen und die versuchte Verhinderung des Parkpickerls könne deshalb nicht durch die Pendler gerechtfertigt werden.