WKNÖ-Schedlbauer: „Den Unternehmen geht das Geld aus“. Im Gespräch mit Wirtschaftskammer Niederösterreich Direktor Johannes Schedlbauer über eine drohende Insolvenzwelle, die größten Fallstricke im Dickicht der Corona-Hilfen und was für Unternehmen aktuell akut existenzbedrohend ist.

Von Norbert Oberndorfer. Erstellt am 04. Februar 2021 (04:19)
Wirtschaftskammer NÖ-Direktor Johannes Schedlbauer im Gespräch mit der NÖN.
Bollwein

NÖN: Nach elf Monaten Pandemie in NÖ, wie geht es Ihren 106.000 aktiven Kammermitgliedern?

Johannes Schedlbauer: Wir haben in Niederösterreich das Riesenglück, dass wir breit aufgestellt sind: Es gibt keinen deutlichen Tourismusschwerpunkt oder Industriehochburgen, die stark von Corona betroffen sind. Viele klein- und mittelständische Tourismusbetriebe, wie in der Wachau, hatten trotz Corona im Sommer eine relativ gute Geschäftssituation, dafür ist dieser Winter für viele tragisch. Niederösterreich hat eine starke Lebensmittelindustrie, eine solide chemische Industrie, die zum Teil sogar systemrelevant ist, und natürlich auch Automobilzulieferer, die dagegen sehr betroffen waren. Diese Vielfalt bringt auch eine Vielfalt an Problemen mit sich. Es gibt viele Zulieferer in Branchen, wie Gastronomie oder Industrie, die leider Gottes massiv betroffen sind, aber von den ganzen Hilfen bedauerlicherweise bis heute sehr wenig profitieren.

Welche Unternehmen zählen zu Sie den „Corona-Gewinnern?

Als Corona-Gewinner würde ich keinen Betrieb sehen. Wir haben teilweise Branchen, die Produkte für und in der Krise produzieren und der Gesundheitsbranche zuliefern. Wie Schutzausrüstung von Semperit oder auch Zitronensäure von Jungbunzlauer, die händeringend Arbeitskräfte suchten. Im Handel gibt es natürlich den großen Profiteur des Lebensmittelhandels, weil die Gastronomie zugesperrt war und viele mehr auf Selbstversorgung setzten. Aber es gibt genug andere Branchen, wo man fast von einer Katastrophe reden müssen.

Was ist aktuell existenzbedrohend für die Betriebe?

Zwei Faktoren: Die mangelnde Planbarkeit von Unternehmen. Das weiß auch die Politik. Sie hat aber keine Antwort darauf. Das muss man auch verstehen, weil die Situation in allen europäischen Ländern dieselbe ist. Wir wünschen uns, dass Schulen und Handel aufsperren dürfen. Nur den Handel aufzusperren, ist auch nur die halbe Miete. Die Gastro gehört dazu. Der zweite Faktor ist die Liquidität. Den Unternehmen und auch Menschen geht das verfügbare Geld aus. Viele haben im Vertrauen auf den Impfstart ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt und das natürlich vorfinanziert. Eine junge Frisörin hat Lohnkosten von 20.000 Euro im Monat. Gleichzeitig geht das AMS unter den ganzen Kurzarbeit-Auflagen und der Abwicklung. Das sind Tatsachen.

31 Milliarden Euro an Wirtschaftshilfen seien bereits geflossen bzw. zugesichert, sagte letztens Vizekanzler Werner Kogler. Unternehmer und Steuerberater sehen das anders. Kommen die Corona-Wirtschaftshilfen nicht an?

Sie werden ankommen. Auch diese Frisörin hat Anspruch auf die Leistung, aber sie muss immer in einem guten Einvernehmen mit ihrer Bank sein, die diese Vorfinanzierung jeden Monat finanziert. Im Gegenzug muss die Bank ihr vertrauen, dass dann, wenn sie aufsperren kann, auch ins Verdienen kommt.

Droht uns heuer in NÖ eine massive, verschleppte Pleitenwelle wie viele befürchten?

Es hängt davon ab, welche Einschleifmöglichkeiten man als Unternehmen hat, um gemeinsam mit Bank, Sozialversicherungen und Finanzamt eine Lösung zu finden. Wenn irgendwann der Staat sagt: ‘Jetzt sind alle unsere Möglichkeiten beendet. Ab jetzt läuft das Leben wieder ganz normal‘, dann würden sofort alle Verbindlichkeiten schlagend werden. Dann provoziere ich sofort eine Pleitenwelle. Der Staat hat noch jede Menge Möglichkeiten zu regulieren, wie zum Beispiel mit einem Raten-Zahlungsmodell für die Lohnabgaben. Das ist noch einiges drinnen.

Es wird aufgrund der Corona-Hilfen sicher mehr verschleppte Insolvenzverfahren geben, aber die Welle kann man mit Regulierung sicher verhindern werden. Wenn der Staat den Banken keinen Spielraum dafür gibt, dann provoziere ich die Welle. Bankenvertreter sprechen in diesem Kontext von einem Klippeneffekt: Die Leute werden bis zur Klippe gedrängt und dann sagt man zu Ihnen: „So jetzt kannst du alleine weitergehen.“

Was sind denn die größten Fallstricke im Corona-Wirtschaftshilfen-Dickicht?

Das Allerwichtigste ist am Ball zu bleiben und sich laufend zu informieren. Beim Umsatzersatz gibt es Deadlines. Habe ich die übersehen, bin ich draußen. Das habe ich beim Fixkostenzuschuss und beim Verlustersatz nicht. Grundsätzlich wird bei diesen zwei Hilfen empfohlen, etwas zuzuwarten, und nicht zu stark in Prognose zu gehen, weil man sich die besseren Monate quasi aussuchen kann. Einfach das Gespräch mit dem Buchhalter und Steuerberater suchen, was in dem konkreten Fall das Beste ist. Pauschal lässt sich das nicht beantworten.

Wann können Unternehmer mit einer Erholung rechnen? Und wie lange sind die Wirtschaftshilfen notwendig?

Ich bin optimistisch. Dass die Wirtschaft lebendiger wird, da rechne ich voll mit Mai bzw. Juni. Ab Juli sollte ein relatives normales Leben wieder möglich sein. Davon gehe ich aus. Wenn man zu einer Regulierung kommt, wie man das als einzelnes Unternehmen zurückzahlt, dann braucht man direkte Hilfen voraussichtlich bis Ende Juni – vorausgesetzt wir können den Handel im Februar aufsperren. Bei der Kurzarbeit müssen wir auf Sozialpartnerebene für die Branchen, die bis einschließlich 2022 ganz oder teilweise betroffen sind, wie Flughafen, Reisebüros, Busunternehmen, ein neues Modell finden.

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